Wahrheitssuche. Eine Maßnahme, nicht nur in Krisenzeiten

Als Michail Gorbatschow seine Reden zur Perestrojka konzipierte, so bekannte der einst mächtigste Mann des Sowjetimperiums, lagen auf seinem Schreibtisch die Sozialenzykliken der Päpste. Der Kommunismus hatte abgewirtschaftet, auch der Kapitalismus trug die Fratze eines menschenverachtenden Systems. Was blieb, war ein „Dritter Weg“, der sich von den Prinzipien der Katholischen Soziallehre inspirieren lassen müsste.

Nun wird man von Papst Benedikt XVI., bekanntermaßen weder Ökonom noch Finanzexperte noch Klimaforscher oder Bevölkerungswissenschaftler, kein gesellschafts- oder wirtschaftspolitisches Handbuch erwarten können. In der theozentrischen Perspektive, dem Leser bereits aus dem ersten Rundschreiben Deus Caritas Est vertraut, weitet Benedikt XVI. vielmehr die Dimension der „Liebe in der Wahrheit“ auf den Raum des Politischen und Sozialen aus: Liebe, die an der Wahrheit Gottes Maß nimmt und zur ganzheitlichen personalen Entwicklung der Menschen wie der ganzen Menschheit führt. Darin erkennt die Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer einen „neuen Traditionsstrang der Sozialverkündigung“, nach dem die Globalisierung als ein alle Menschen umfassender Integrationsprozess zu gestalten ist. Mit dem Plädoyer für eine Stärkung der Zivilgesellschaft und für die Ergänzung marktwirtschaftlicher Gepflogenheiten durch eine „Logik des Schenkens“ weise der Papst eine durchaus neue und überraschende Richtung zur Lösung der gegenwärtigen Probleme. Allerdings bemängelt Karl Gabriel, Münster, dass der aktuelle „Kenntnisstand der Sozialwissenschaften zu Globalisierung und Entwicklung“ weitgehend „außer Acht gelassen“ werde und die naturrechtliche Argumentation nur „wenig überzeuge“. Auch wenn die Enzyklika der Marktwirtschaft weiterhin mit den traditionellen Vorbehalten begegnet, so mahnt sie nach dem Urteil des Bochumer Sozialethikers Joachim Wiemeyer doch zu Recht eine Stärkung der Zivilgesellschaft, aber auch der „politischen Rahmenordnung auf nationaler und internationaler Ebene“ an.

Aus Sicht der evangelischen Sozialethik hebt Traugott Jähnichen vor allem die weit gehenden Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen bei den aktuellen gesellschaftsethischen Fragen hervor, auch wenn Anfragen an das Dialogkonzept Benedikts XVI. nicht verschwiegen werden.

Der Münchener Sozialethiker Markus Vogt, der den Dialog mit den Umwelt- und Geowissenschaften anmahnt, spricht darüber hinaus von einem methodischen Defizit, insofern in der Enzyklika die Analysen, Bewertungen und Handlungsimpulse nicht getrennt seien. So bleibe die durchaus vorhandene ökologische Reflexion „weitgehend kulturphilosophisch und tugendethisch ausgerichtet“.

Wie schließlich die Beiträge zur Finanzmarktproblematik deutlich machen, ist es angesichts der komplexen Materie schlechterdings nicht möglich, einen allgemein zustimmungsfähigen Königsweg aufzuzeigen, erst recht nicht im Genus eines päpstlichen Lehrschreibens. Da plädiert der Bochumer Bankwissenschaftler Stephan Paul für „mehr Mut zum Markt“, während der Frankfurter Sozialethiker Wolf-Gero Reichert die notwendige politische Steuerung der Finanzmärkte vermisst. Doch eine Sozialenzyklika will im wahren Sinn des Wortes an-stößig sein, wach rütteln, zum Dialog herausfordern. Dazu gilt es in Zukunft insbesondere den interdisziplinären Ansatz der wissenschaftlichen Sozialethik zu nutzen, wie der noch amtierende Sekretär des Päpstlichen Rates Justitia et Pax, Erzbischof Giampaolo Crepaldi, im Interview unterstreicht.

Mit den wohlwollend-kritischen Beiträgen zur Sozialenzyklika möchten wir der regen, teilweise recht kontroversen Diskussion in einzelnen Sachfragen nicht ausweichen. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass Benedikt XVI. für seine „höchst eindrucksvolle, in der gegenwärtigen Krise hochaktuelle“ Botschaft (Erzbischof Robert Zollitsch) gerade von politischen Entscheidungs- und Verantwortungsträgern weltweit hohes Lob und große Anerkennung bekommen hat. Und wer weiß, vielleicht sind es diesmal der amerikanische Präsident und seine Kollegen aus den führenden Wirtschaftsnationen, die angesichts des Zusammenbruchs des radikalen Marktkapitalismus jene „Liebe in der Wahrheit“ neu entdecken und sich bei der Konzeption einer gerechteren Welt(wirtschafts)ordnung von der Sozialenzyklika Benedikts XVI. inspirieren lassen. Es würde mich jedenfalls nicht wundern.