André Habisch, René Schmidpeter, Martin Neureiter (Hg.): Handbuch Corporate Citizenship. Corporate Social Responsibility für Manager, Berlin/Heidelberg: Springer 2008, 537 S., ISBN 978–3–540–36358–3
In Deutschland stehen Unternehmen schnell unter Verdacht, sich nicht um das Gemeinwohl zu kümmern, sondern einzig den Profi t ihres Unternehmens zu mehren. Auch wenn diese prinzipiell ablehnende Haltung vielen Unternehmern Unrecht tut, so ist diese kritische Öffentlichkeit zugleich einer der Geburtshelfer für Corporate Social Responsibilty (CSR) und Corporate Citizenship (CC), denn mit CSR reagieren Unternehmen auch auf Werthaltungen der Zivilgesellschaft und deren Sanktionsmechanismen. Das Handbuch „Corporate Citizenship“ zeigt anhand von Best-Practice-Beispielen enthusiastisch Wege auf, wie CSR und CC Unternehmen geholfen haben, ihren Gewinn durch kluge Strategien zu steigern und dabei zusätzlich einen Mehrwert für das Gemeinwohl zu erwirtschaften – auch kleine und mittelständische Unternehmen! In dem gewichtigen Handbuch behandeln 60 Autoren auf knapp 600 Seiten diese Unternehmensethik fast umfassend.
Sechs Teile gliedern das Handbuch thematisch: Teil 1 klärt einführend Begrifflichkeiten und Legitimität von CSR und CC. Gesellschaftlich relevante Probleme werden durch Unternehmen zusammen mit externen Partnern in den Handlungsfeldern Ökonomie, Soziales/Gesellschaft und Ökologie gelindert. Dazu wenden Unternehmen eigene Ressourcen auf und erzielen auch einen Nutzen für das Unternehmen. Die Teile 2 bis 5 sind der Kern des Handbuchs und bilden die vielfältigen Handlungsfelder eines CC-Managements ab: Teil 2 führt ein, wie CC einen Mehrwert für das Unternehmen erbringt, etwa beim Marketing, der Personalgewinnung, der Innovationsentwicklung. Teil 3 benennt die verschiedenen Instrumente des CC-Managements wie Sponsoring, Public Private Partnerships, Runde Tische usw., während Teil 4 die unternehmerischen und gesellschaftlichen Bereiche aufführt, in denen sich Unternehmen engagieren können: Umwelt, Gesundheit, Bildung, Kultur und vieles mehr. Teil 5 untersucht neben einer Einführung in rechtliche Belange die verschiedenen Partner beim CC-Engagement, nämlich den Niederschlag von CC in Medien, in überregionalen Netzwerken, Zertifikaten und weiterem. Abschließend gibt Teil 6 einen Ausblick auf CC in Europa und im internationalen Kontext.
Das Handbuch zeichnet sich durch seine Intention aus, praxistauglich sein zu wollen, ohne Kochbuchrezepte zu liefern, da jede CC-Strategie in die eigene Unternehmenskultur und an die regionalen Bedingungen angepasst werden muss. Der Praxistauglichkeit dienen zahlreiche Beispiele, entweder von Insidern der jeweiligen Firma vorgestellt oder in die Texte eingestreut. Werden die Leistungen der eigenen Firma präsentiert, muss der Leser den Herausgebern vertrauen, dass sie diese Auswahl auf „Herz und Nieren“ geprüft haben. Bisweilen leidet der bewusst gewählte Fokus auf Best-Practice-Beispiele an seinem Mangel an diskursiv-analytischen und empirischen Herangehensweisen. Sog. „Checklisten“ für die jeweils behandelten Bereiche bieten Unternehmern und ihren Beratern Leitfragen zur Umsetzung an. Die stete Identifikation von Erfolgsfaktoren destilliert die Erfahrungen aus diesen gelungenen Beispielen zur Weiterverwendung und die penible Sorgfalt, mit der die vielfältigen Vorteile für Unternehmen herausgestellt werden, zeugt von der Intention, Unternehmen für ein solches Engagement gewinnen zu wollen und dafür auch handfeste betriebswirtschaftliche Argumente beizubringen.
Trefflich ergänzt hätte dieses gelungene Handbuch ein eigener Beitrag, der eine Checkliste vorlegt, um kritisch die „schwarzen Schafe“ unter den CSR-Engagierten zu identifizieren, etwa wenn das unternehmerische soziale Engagement wenig, die Vermarktung dieses Engagements dagegen ein Vielfaches an Finanzmitteln verschlingt. Unreflektiert bleibt, inwieweit eine erfolgreiche Einbindung in das örtliche Gemeinwesen die Macht verleiht, unfaire Entscheidungen auf Kosten einer Gruppe durchzusetzen, weil die Mehrheit die Unterstützung durch das Unternehmen nicht mehr missen mag. Insofern entspricht es dem optimistischen und werbenden Charakter des Handbuchs, dass kritische Einwände nur vereinzelt auftauchen. Für die Diskussion um CSR sollte darum die Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (Bonn, 2009) zusätzlich einbezogen werden, um redlich zu klären, ob CSR als Erfolgsfaktor möglicherweise überschätzt wird.
Die Herausgeber hätten dem Leser einen wertvollen Dienst erwiesen, wenn sie ihm ein Stichwort- und Firmenverzeichnis als Lotsen durch das voluminöse Werk zur Verfügung gestellt hätten. Hilfreich wäre schon gewesen, im Inhaltsverzeichnis hinter die mitunter unbekannten Autoren die Firma oder Einrichtung zu setzen, die sie vertreten. Doch sind dies Marginalien angesichts des insgesamt hohen Gebrauchswerts dieses Handbuchs für Unternehmen, Unternehmensberater und Wissenschaftler. Mit seinen wissenschaftlichen, konzeptionellen Reflexionen bereichert es den universitären Diskurs zu CSR. Darüber hinaus finden sich gelungene Einführungen in spezielle Themen (etwa zu überregionalen Netzwerken, Zertifikaten und Standards und zum Global Compact) Das Buch offeriert nicht nur eine mit Praxisbeispielen angereicherte erfolgreiche Unternehmenspraxis in üppiger Fülle, sondern enthält auch praktische Umsetzungshilfen für interessierte Unternehmen und in einigen Beiträgen Kontaktadressen von engagierten Institutionen. Die Herausgeber aus Deutschland und Österreich haben erstmalig ein solches Handbuch für Deutschland und Österreich zusammengestellt und damit einen wichtigen Grundstein für die weitere Diskussion gelegt.
Andreas Fisch