Titelseite Amosinternational 2/2009

Heft 2/2009Hauptsache gesund?

Inhalt

Das Gesundheitssystem befindet sich in der Kostenfalle, das Versprechen, alles für alle leisten zu können, erweist sich zunehmend als Illusion. Deshalb ist eine ethische Debatte um Kriterien, Prioritäten, Rationierungen und Grenzen medizinischer Leistung unvermeidlich.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Sollen Ärzte die Lizenz zum Rationieren erhalten?Gesundheitssysteme unter Rationierungsdruck

    Die Gesundheitssysteme der westlichen Industrienationen stehen unter Rationierungsdruck. Sollen Ärzte den offiziellen Auftrag zur Rationierung bekommen? In einem ersten Schritt wird gezeigt, wie Rationierung heute schon auftritt. In den USA findet seit 25 Jahren eine Debatte über die Rolle des Arztes beim Bedside Rationing statt. Ihre ethischen Argumentationsmuster werden in einem zweiten Schritt vorgestellt und bewertet. Die Positionen zeigen die Grenzen einer rein professions- oder sozialethischen Reflexion. Notwendig ist eine mehrdimensionale ethische Analyse. Mit Hilfe einer solchen Analyse werden im dritten Schritt Antworten auf die Frage entwickelt, welche Verantwortung Ärzte, Krankenhäuser, die Gesellschaft sowie die Kirche und die Sozialethik in der Rationierungsfrage zu übernehmen haben.

  • Plus S. 10

    Was ist wirklich medizinisch notwendig?Die Priorisierungsdebatte im deutschen Gesundheitswesen

    Um in einem solidarisch getragenen Gesundheitsversorgungssystem die jeweils notwendigen Leistungen für alle Mitglieder in ausreichendem Maße anbieten zu können, muss sich das System auf die tatsächlich notwendigen Leistungen beschränken und diese entweder allen zugänglich machen oder die Zugangsmöglichkeiten gerecht verteilen. Der folgende Beitrag stellt das Konzept der Priorisierung vor, bei dem unter Zuhilfenahme transparenter Kriterien die Vorrangigkeit bestimmter Indikationen, Patientengruppen oder Verfahren vor anderen festgestellt und entsprechende Rangfolgen gebildet werden sollen.

  • Plus S. 16

    Wie lässt sich der Zugang zu medizinischen Ressourcen gerecht regeln?Kriterien der Priorisierung und Rationierung

    Angesichts der aufgrund des medizinischen Fortschritts und des wachsenden Wohlstands zunehmenden Gesundheitskosten wird es zur Aufgabe, über die Gestaltung und Anerkennung von Grenzen nachzudenken. Soll eine qualitativ hoch stehende Gesundheitsversorgung für alle erhalten bleiben, besteht die ethisch relevante Frage heute nicht mehr darin, ob priorisiert und rationiert werden, sondern wie, nach welchen Methoden und Kriterien dies geschehen soll. Priorisierungen, das Anordnen medizinischer Leistungen nach sinkender Wichtigkeit, dienen letztlich der Vorbereitung von Rationierungsentscheidungen. Unter Rationierung sind implizite oder explizite Mechanismen zu verstehen, die dazu führen, dass einer behandlungsbedürftigen Person nützliche Leistungen nicht zur Verfügung stehen. Ethisch relevante Entscheidungskriterien sind neben tugendethischen, prozeduralen und normativen auch evaluative. Neben dem fundamentalen Menschenwürdeprinzip sollten dabei das Bedarfs-, das Solidaritäts-, das Kosteneffektivitäts- und das Verantwortungsprinzip als zentrale normative Kriterien berücksichtigt werden, nicht zuletzt aber auch das Vulnerabilitätsprinzip, welches den Schutz besonders verletzlicher Menschen vorsieht.

  • Plus S. 23

    Wer entscheidet bei medizinischer Aussichtslosigkeit?Rechte und ethische Aspekte

    Der Beitrag verfolgt drei Ziele: Erstens geht es darum, die rechtlichen Implikationen, die mit dem Problem der medizinischen Aussichtslosigkeit verbunden sind, zu prüfen. Zweitens geht es um eine ethische Analyse der Selbstbestimmung der Patienten einerseits sowie des sinnvollen ärztlichen Handelns und der gerechten Verteilung medizinischer Ressourcen andererseits. Es soll gezeigt werden, wie diese Faktoren sich auf die Entscheidung auswirken, ob eine Behandlung, die als medizinisch aussichtslos gilt, aus christlich-ethischer Sicht abgelehnt werden kann. Drittens werden Richtlinien für den Umgang mit medizinischer Aussichtslosigkeit vorgeschlagen, die sowohl in einer katholischen als auch in einer weltlichen Intensivpflege-Einrichtung umgesetzt werden können.

Arts & ethics

Interview

  • Plus S. 34

    "Wir werden Krankheiten in Zukunft anders definieren"Gespräch über Defizite im deutschen Gesundheitswesen und Perspektiven einer neuen Sicht auf Gesundheit und Krankheit

    Das deutsche Gesundheitssystem gilt als überdurchschnittlich teuer. Kritiker sprechen von Überversorgung und Geldverschwendung. Andererseits klagen viele Kassenpatienten über mangelnde Leistungen. Immer häufiger wird die Frage gestellt, wie Leistungen gerechter verteilt und die Kosten insgesamt begrenzt werden können. Für Angela Brand heißt die Antwort nicht Rationierung, sondern Differenzierung. Das Ernstnehmen individueller Krankheitsfaktoren muss demnach auch zu individuell angepassten Präventionsmaßnahmen, Diagnoseverfahren und Therapien führen. Viele teure Standarduntersuchungen, etwa zur Krebsfrüherkennung, könnten sich als überflüssig erweisen. Doch wer kann eine Umschichtung der vorhandenen Ressourcen steuern? Welche Rolle spielen dabei die Ärzte? Wie viel Einfluss gebührt der Politik? Welche Forschungsergebnisse könnten den Weg weisen?

Bericht

  • Plus S. 51

    Christliche Sozialethik in TschechienEntwicklung und aktuelle Situation

    Aufgabe der katholischen Soziallehre ist es, Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit zu finden, sich an wichtigen politischen Kontroversen zu beteiligen, neue Wege aufzuzeigen. Doch welche Bedeutung hat die Soziallehre heute in Tschechien? Wie wird sie von den kirchlichen Vorgesetzten, wie von den Christen reflektiert? Wie wird sie an den theologischen Fakultäten gelehrt und studiert? Hat sie realen Einfluss auf die Mehrheitsgesellschaft, auf die Politik und die öffentliche Meinung? Die Antworten auf diese Fragen beziehen sich im Folgenden weitgehend auf die Zeit nach dem Umbruch von 1989.

Dokumentation

  • Plus S. 40

    Für eine Kultur der GesundheitZehn Thesen des Landeskomitees der Katholiken in Bayern

    In den folgenden Thesen spielt der Perspektivenwechsel von der „Reparaturmedizin“ auf die Ressourcen der Gesundheit (Salutogenese) eine zentrale Rolle. Es handelt sich um eine Zusammenfassung der im Januar 2009 vom Landeskomitee der Katholiken in Bayern vorgelegten „Ethischen Orientierungen für die Gesundheitspolitik“ (Zeitansagen 13, S. 16–18). Der vollständige Text kann bestellt werden über: info@landeskomitee.de.

Kontrovers

  • Plus S. 47

    Sozialethik ökumenischDas sozialethische Profil der Gemeinsamen Sozialarbeit der Konfessionen im Bergbau (GSA). Ein Positionspapier der Kirchen

    Ihre historischen Wurzeln hat die GSA in den Dialogen zu gesellschaftlichen Neuorientierung nach dem zweiten Weltkrieg. In Zeiten des demokratischen Neubeginns engagierten sich die Kirchen gemeinsam für die soziale Neuordnung der Betriebe, für den Aufbau einer Kultur der Mitbestimmung und der sozialen Kooperation. Seit den fünfziger Jahren gibt es in Zusammenarbeit mit dem Bergbau und später auch mit anderen Großbetrieben eine breit angelegte sozialethisch profilierte Tagungsarbeit, die von den Diözesen Paderborn und Essen sowie den Landeskirchen Rheinland und Westfalen gemeinsam getragen wird. Das im Folgenden dokumentierte Profi l dieser traditionsreichen Arbeit wurde 2008 nach ausführlichen Diskussionen von den vier Kirchen-/Bistumsleitungen bestätigt. Es beschreibt nicht nur eine für die Sozialethik vorbildliche Basis- und Praxisorientierung, es ist zugleich beeindruckendes Zeugnis einer Ökumene, die sich auch und gerade in Krisen- und Umbruchszeiten bewährt hat.

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