Skandal Arbeitslosigkeit

Koller, Edeltraud/Kreutzer, Ansgar/Vondrasek, Bernhard: Skandal Arbeitslosigkeit. Theologische Anfragen, Linz: Wagner Verlag 2007, 156 S., ISBN 978–3–902330–23–9

Arbeitslosigkeit als Gegenstand der Theologie steht im Zentrum des Gemeinschaftswerks dreier Dozierender der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, das in Zusammenarbeit mit der Bischöfl ichen Arbeitslosenstiftung der Diözese Linz entstand. Ansgar Kreutzer, Assistent am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik, Edeltraud Koller, Assistentin am Institut für Moraltheologie, und Bernhard Vondrasek SDB, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Geschäftsführer des Instituts für Caritaswissenschaften, betrachten Arbeitslosigkeit aus systematisch-theologischer, moraltheologischer und pastoraltheologischer Perspektive.

Die Bedeutung struktureller Arbeitslosigkeit erschließt sich vor dem Hintergrund der Bedeutung von Erwerbstätigkeit in der modernen Arbeitsgesellschaft. Aufgrund der der Erwerbsarbeit zugewiesenen Funktion individueller Bedürfnissicherung, persönlicher Sinnstiftung und sozialer Einbindung, übernehme diese in der Arbeitsgesellschaft die Rolle einer Quelle guten Lebens. Strukturelle Erwerbslosigkeit wird vor diesem Hintergrund als moralischer Skandal bezeichnet. Zugleich stelle sie eine Anfrage an bestehende Arbeitstheologien, in denen eine durch Arbeit vermittelte Teilhabe des Menschen am Schöpfungswerk Gottes betont werde.

Die Verf. weisen Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches und zugleich theologisches Thema aus. Motive wie Option für die Armen, strukturelle Sünde und Reich Gottes werden als Bilder einer theologischen Annäherung an den Gegenstand der Arbeitslosigkeit bereitgestellt. Ekklesiologische Momente wie die diakonische und gesellschaftskritische Funktion der Kirche kennzeichnen gesellschaftliche Phänomene als Aufgaben kirchlichen Handelns. Die auf den Gegenstand der Erwerbslosigkeit zielenden Betrachtungen der Verf. werden fachspezifisch jeweils der systematisch-, moral- und pastoraltheologischen Perspektive unterstellt, die je ein Verf. in einem Beitrag einnimmt. Die drei Zugänge führen die Mehrdimensionalität theologischer Betrachtungsweisen in Bezug auf denselben Gegenstand vor Augen. Aufgrund der Beschränkung auf die drei gewählten fachspezifischen Perspektiven bleiben die im vorliegenden Werk gesammelten Ausführungen offen für Beiträge aus anderen theologischen Teildisziplinen. So wäre in einem Beitrag aus Sicht der theologischen Sozialethik unter anderem die im Hinblick auf das Phänomen der strukturellen Arbeitslosigkeit aufgeworfenen Anfragen an die Rolle der Erwerbsarbeit als gesellschaftlichem Leitbild zu stellen. Das von einigen Autoren angesichts der Bedeutung der Erwerbsarbeit propagierte Recht auf Arbeit oder Konzepte erwerbsarbeitsunabhängiger Mindestsicherung sind in diesem Zusammenhang als mögliche Themen zu nennen.

Im ersten Beitrag „Arbeitslosigkeit. Herausforderung für gesellschaftliche und theologische Deutungsmuster“ (19–55) führt Ansgar Kreutzer in der Gesellschaft bestehende Urteile über Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit an. Die Auffassung, jeder sei seines Glückes Schmied, zeuge von einer Sichtweise, in der Erfolg und Misserfolg in der Erwerbsarbeitsgesellschaft individualisiert werde. Der Arbeitslose gerate in den Verdacht der Faulenzerei oder werde als jemand verstanden, der seinem Leben keinen Sinn zu verleihen vermöchte. Dem setzt Kreutzer theologische „Gegenfeuer“ entgegen. Sündenbockmechanismen, die politisches Versagen verschleierten, seien aufzuzeigen, die Strukturalität von Sünde darzulegen und Arbeitslosigkeit vor diesem Hintergrund zu verstehen. Strukturellem Unheil sei das Bild vom Reich Gottes als Bild gemeinschaftlichen Heils entgegenzusetzen, in dem der schädigende Individualismus überwunden werde.

Edeltraud Koller legt in ihren Ausführungen „Arbeitslosigkeit. Herausforderung für eine humane Wirtschaft“ (57–92) den Bezug zwischen Wirtschaftssystem und Arbeitslosigkeit dar. Das Ziel des Wirtschaftssystems bestehe nicht in der Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern in der Erwirtschaftung von Gewinnen. Da Arbeit einen maßgeblichen Kostenfaktor darstelle, bestehe der Anreiz, die unternehmerischen Gewinne zu Lasten der Beschäftigung zu erhöhen. Daher stelle sich die Frage, wie im Rahmen des Wirtschaftssystems Massenarbeitslosigkeit vermieden werden könne. Eine Lösung des Problems durch Marktmechanismen erweise sich vor dem genannten Hintergrund als unwahrscheinlich. Im Rahmen ethischer Überlegungen qualifiziert Koller die Grundstruktur der Wirtschaft als strukturell ungerecht, insoweit das Kapital gegenüber der Arbeit einseitig begünstigt werde. Es entstünden schuldhafte Strukturen, in denen denjenigen, die über das Kapital verfügten, eine Verfolgung ihrer Interessen ermöglicht werde, denjenigen ohne Kapital dasselbe hingegen nicht möglich sei. Zur Bekämpfung der ungerechten Strukturen seien Veränderungen auf individueller und institutioneller Ebene anzustreben. In einem eigenen Abschnitt betont die Verf. die Bedeutung individueller Tugenden für eine humane Gestaltung der Wirtschaft. Tugendhaftes Verhalten müsse zugleich strukturell gestützt werden. Daher seien Institutionen, die das tugendhafte Verhalten des Individuums stärkten, unerlässlich. Die starke Betonung der Individualethik im Rahmen der Ausführungen drängt die institutionenethischen Überlegungen allerdings in den Hintergrund.

Unter dem Titel „Arbeitslosigkeit. Pastoraltheologischer Ansporn und sozialpastorale Herausforderung“ (93–131) bestimmt Bernhard Vondrasek das biographische Schicksal Arbeitsloser als Aufgabenfeld kontextueller Sozialpastoral. Kirchliche Akteure seien gefordert, Arbeitslose auf der einen Seite mit Hilfsmaßnahmen zu stützen, auf der anderen Seite im gesellschaftlichen Raum anwaltschaftlich Partei für sie zu ergreifen, und so die zwei Ebenen der Sozialpastoral, Solidarität und Parteilichkeit, in die Praxis umzusetzen. Als biblische Folie der Sozialpastoral diene die Botschaft vom Reich Gottes, die mitmenschliche Nähe Jesu als Motiv des „Nah am Menschen“ und die Befähigung und Ermächtigung zur Hilfe. Das biblische Motiv der Ermächtigung finde in der Theorie der Sozialen Arbeit seine Parallele im Begriff des Empowerments. Konkretes sozial pastorales Handeln stütze sich auf die Erkenntnisse der Sozialen Arbeit und sei lebensweltorientiert und empowermentgestützt. In diesen Kontexten bilde sozialpastorales Handeln eine Klammer zwischen den Bereichen von Kirche und Staat und könne unter dem Leitbild des Bildes vom Reich Gottes auf den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft hinwirken.

Judith Hahn