Liebe bewegt... und verändert die Welt

Peter Klasvogt, Heinrich Pompey (Hg.): Liebe bewegt … und verändert die Welt. Programmansage für eine Kirche, die liebt. Eine Antwort auf die Enzyklika Papst Benedikts XVI. „Deus caritas est“, Paderborn: Bonifatius-Verlag 2008, 495 S., ISDN 978–3–89710–378–8

Eine Festschrift ganz eigener Art legen die Herausgeber des vorliegenden Bandes, der Sozialethiker und Direktor der Katholischen Akademie Schwerte und der Kommende Dortmund, Peter Klasvogt, und der emeritierte Professor für Caritaswissenschaft an der Universität Freiburg, Heinrich Pompey, vor. Zum 80. Geburtstag ist Papst Benedikt XVI. Adressat einer mit fast 500 Seiten umfangreichen Auseinandersetzung und Antwort auf seine Antrittsenzyklika „Deus caritas est“. Nach einem Geleitwort des Erzbischofs von Paderborn, Hans-Josef Becker, und einem Vorwort der beiden Herausgeber gliedert sich die Auseinandersetzung mit der Enzyklika in drei Teile, die jeweils eine Vielzahl an Einzelbeiträgen umfassen. Ein erster Hauptteil trägt den Titel: Deus caritas est. „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“. Liebe, die sich mitteilt. Er setzt sich in fünf Beiträgen mit zentralen Inhalten der Programmatik der Enzyklika Benedikts XVI. auseinander. Der zweite Hauptteil ist überschrieben mit: Ecclesia caritas est. „Bringt die Seiten der Kirchen-Lyra zum Klingen“. Liebe, die die Welt verändert. Er sammelt Einzelbeiträge, die in sechs Praxisfeldern umfassend die diakonische Dimension der Kirche ausloten. Ein erstes Praxisfeld befasst sich mit der diakonischen Gemeinde, bevor der organisierten Caritas ein zweites Feld gewidmet ist. Menschlichen Krisensituationen wendet sich das dritte Praxisfeld zu, bevor ein viertes Praxisfeld der Resozialisierung gewidmet ist. In die weltweite Dimension gehen die beiden letzten Praxisfelder mit den Themen Migration (5. Praxisfeld) und weltweite Solidarität (6. Praxisfeld). Der dritte Hauptteil steht unter der Überschrift: Fides caritas est. „In eurer Liebe sei Christus wie ein Lied!“ Liebe, in der Gott gegenwärtig wird. Thematisiert wird in deutlich mystagogischer Akzentuierung ein christozentrisches Kirchenbild, in dem Liebe zum Lebensprinzip der Kirche wird: „Liebe bewegt – und verändert die Welt“.

Der Festschrift, die auf ein internationales Symposion 2007 in Dortmund und Schwerte zurückgeht, ist mithin eine von gewohnten Festschriften abweichende Struktur und Sprache eigen. Sie stellt zum einen theologisch und intellektuell gelebtes Christsein und kirchlich-caritative Praxis auf den Prüfstand von Authentizität und Glaubwürdigkeit, ein Anliegen, das „Deus caritas est“ anzielt, zugleich aber stellt sie auch eine Form des Danks für die Eintrittsenzyklika des Papstes dar. Diesen spannungsvollen Bogen zeigen auch die Beiträge vor allem des ersten Teils des vorliegenden Buchs, der den theologischen Ort der Enzyklika, ihre anthropologische Bedeutung und die ekklesiologischen, pastoralen, sozialethischen und politischen Implikationen zu erschließen sucht. Wegen der Vielzahl der Beiträge ist es nicht möglich, in einer Rezension jeden einzelnen Beitrag ausführlich zu würdigen. Besonders hervorzuheben aus dem ersten Hauptteil ist der Beitrag des Bonner Dogmatikers Karl-Heinz Menke, der es versteht, die Theologie von „Deus caritas est“ systematisch zu erschließen. Menke formuliert die provokative These, „Deus caritas est“ sei der Versuch des neuen Papstes, dieselben Inhalte, die das Lehrschreiben „Dominus Jesus“ 2000 bestimmt haben, positiv, in einer Art katechetischer Vermittlung des spezifi sch Christlichen, zu explizieren (S. 47). Menke zeigt den missionarisch-katechetischen Charakter der Enzyklika auf, „die einem suchenden Nichtchristen erklärt, warum er in Jesus Christus und in der Zugehörigkeit zur Kirche den Sinn des eigenen Lebens erkennen kann“ (S. 48). Beide großen Teile der Enzyklika, der christologische und der ekklesiologische, werden im Rückgriff auf die Theologie Hans Urs von Balthasars in ihrer theologischen Mitte und in ihrer Herkunft erschlossen. Hauptbezugspunkt sind dabei die Begriffe von Eros, Caritas und Agape als den zentralen Begriffen der Liebe in „Deus caritas est“. Ebenfalls herauszustellen ist der Beitrag von Karl Gabriel zur Ekklesiologie sowie zu den pastoralen und sozialethischen Implikationen der Enzyklika. Er arbeitet das Grundthema des Verhältnisses von Gerechtigkeit und Liebe heraus und entfaltet in Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas die für kritische ZeitgenossInnen entscheidende Frage eines kritischen Verhältnisses von Glaube und Vernunft sowie die Doppelbindung der christlichen Soziallehre an christlichen Glauben und praktische Vernunft als ihrem konstitutiven Profi l. Lohnend sind auch die anderen Beiträge des ersten Hauptteils, so ein eher kirchlicher Blick auf die Programmatik von „Deus caritas est“ durch Paul- Josef Kardinal Cordes, zur Anthropologie der Enzyklika durch den Caritaswissenschaftler Klaus Baumann und zur diakonischen Pastoral durch den Pastoralpsychologen Isidor Baumgartner.

Aufbauend auf die grundlegende Auseinandersetzung mit der Enzyklika finden sich im zweiten Hauptteil eine Vielzahl von großenteils eindrucksvollen Modellen und Beispielen christlichen Handelns, die einerseits diakonische Spiritualität im Blick auf Gemeinde und andererseits die Vielfalt caritativer Handlungsfelder der Kirche durchbuchstabieren. Wie es bei einer Festschrift nicht anders denkbar ist, sind sie in Reflexionsniveau, Nähe zu den Praxisfeldern, persönlich-biographisch geprägten Glaubenszeugnissen bis hin zum Sprachstil äußerst unterschiedlich. Auch Niveauunterschiede in der theologisch- pastoralen Reflexionsebene sind für ein literarisches Genus wie diese Festschrift erwartbar und zeigen sich – mit den dazugehörenden Vor- und Nachteilen – auch in diesem Band. Wer den umfangreichen zweiten Hauptteil allerdings als Fundgrube für innovative und menschlich wie pastoral überzeugende Praxis der Kirche liest, wird eine Kirche kennen lernen, die an vielen Orten und in vielfältigen Formen und Gestalten Liebe kommuniziert und lebt.

Im dritten Hauptteil finden sich wiederum Beiträge ganz unterschiedlicher Ausrichtung, deren gemeinsamer Nenner die Überzeugung ist: Ekklesia caritas est, Kirche ist Liebe, oder sie sollte es zumindest sein. Kirche gewinnt in der Liebe Gestalt und wird geglaubt und bekannt in ihren sozialen Strukturen und im menschlichen Miteinander, wenn diese ihren Einsatz als Ausdruck der Liebe verstehen und praktizieren, „die von Gott ausgeht und im Liebestun der Kirche als ganzer wie im persönlichen Einsatz ihrer einzelnen Glieder Gestalt gewinnt“ (S. 384). Auf diese Weise kann sie Gottes Liebe in der Welt darstellen. Der eindrucksvolle dritte Teil mündet in einen Beitrag von Peter Klasvogt, der eine Spiritualität der Gottesfinsternis entfaltet, „in der das Licht der Gottespräsenz paradoxerweise um so heller aufleuchtet“ (S. 492), und der damit den weiten Bogen schließt, den die Enzyklika „Deus caritas est“ geschlagen hat.

Den vorliegenden Band lesen alle mit Gewinn, die in Pastoral und Caritas der Kirche diese bedeutende Antrittsenzyklika „Deus caritas est“ in die Tiefe ausloten und verstehen wollen. Die Vielzahl an überzeugenden Praxisformen und Gestalten christlicher Liebe regen das eigene Handeln und die Reflexion auf Sinn und Ziel christlicher Praxis an. Angesichts des literarischen Genus einer Geburtstagsgabe mag man verzeihen, dass manche Beiträge allzu optimistisch und geradezu hymnisch von Kirche und ihrer Praxis reden. Der eine oder andere kritischere Unterton hätte manchen Beiträgen gut getan. Ohne Frage aber liegt hier ein theologisches, pastorales, sozialethisches und spirituelles „Lesebuch“ zur Antrittsenzyklika von Benedikt XVI. vor, das die Tragweite und den Gehalt dieser Enzyklika nahe zu bringen versteht.

Martina Blasberg-Kuhnke