Roland Minnerath: Gegen den Verfall des Sozialen – Ethik in Zeiten der Globalisierung, Freiburg i. Br.: Herder 2007 (franz. Original 2004), 160 S., ISBN 978–3–451–28662–9
Der Vf. ist Erzbischof von Dijon, Mitglied der Internationalen Theologenkommission und der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften. Der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds und langjähriger Präsident der französischen Sozialen Wochen Michel Camdessus steuert ein Nachwort bei.
Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Buch. Es verzichtet auf Fußnoten. Allerdings enthält es ein umfangreiches Sachregister. Lediglich für die deutsche Ausgabe wurden wenige Literaturangaben hinzugefügt. Nach welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ist nicht ersichtlich, z. B. fehlen die beiden wichtigsten Standardlehrwerke für den akademischen Unterricht in Christlicher Sozialethik in Deutschland: das zweibändige von M. Heimbach-Steins herausgegebene Grundlagenwerk ebenso wie das einführende Werk von Arno Anzenbacher.
Der Vf. will Kerngehalte der Katholischen Soziallehre ohne Rückgriff auf die biblischen Schriften oder kirchenamtliche Dokumente in allgemeinverständlicher Weise aufzeigen. Damit sollen Nichtchristen bzw. Nichtkatholiken angesprochen werden. Da sowohl das christliche Menschenbild, grundlegende Werte und Prinzipien der Soziallehre wie auch die Sachbereiche Familie, Wirtschaft, Frieden, Zivilgesellschaft und Politik dargestellt werden, kann auf 140 Seiten die Vielzahl komplexer Einzelfragen (z. B. Entschuldung von Entwicklungsländern, Korruption) immer nur in wenigen Sätzen abgehandelt werden.
Das Buch enthält keinen kritischen Rückblick auf die Vorgeschichte heutiger kirchlicher Positionen, etwa auf die lange Ablehnung und die erst spät erfolgte Zuwendung zu den Menschenrechten, vor allem zur Religionsfreiheit. Ebenso wenig enthält das Buch eine Auseinandersetzung mit anderen ethischen Strömungen der Gegenwart. Die kirchlichen Werte werden lediglich postuliert und eingefordert, aber es fehlt der sozialwissenschaftliche Bezug zu der modernen Gesellschaft und die Fragestellung, wie Werte in den Strukturen und Institutionen einer modernen Gesellschaft implementiert werden können.
Der Vf. argumentiert in Form der traditionellen Soziallehre der Kirche, indem er auf das Naturgesetz und das Naturrecht Bezug nimmt, vom christlichen Menschenbild ausgeht und Grundprinzipien aufführt. In vielen Passagen entspricht das Werk den älteren deutschen Einführungen in die katholische Soziallehre wie der von Höffner oder von Nell-Breuning, z. B. wenn es gegen Liberalismus und Kollektivismus Stellung nimmt, einen liberalen Nachwächterstaat wie einen umfassenden Versorgungsstaat ablehnt. Es unterscheidet sich von diesen aber dadurch, dass eine Vielzahl neuerer gesellschaftlicher Entwicklungen (nichteheliche Lebensgemeinschaften, Globalisierung, Stammenzellenforschung, „Homo“-Ehe etc.) und Stichworte des neueren Diskurses (Zivilgesellschaft) aufgenommen und die kirchlichen Positionen zu diesen Sachverhalten, allerdings ohne detaillierte argumentative Auseinandersetzung, kurz dargelegt werden.
In dem Band fehlt gelegentlich die Sensibilität für moderne Herausforderungen und Fragestellungen, z. B. die Frauenfrage, wenn der Vf. kurz „Gender“-Diskussionen zurückweist oder im Nachwort Camdessus über „Brüderlichkeit“ reflektiert, während heute doch eher von „Geschwisterlichkeit“ gesprochen wird.
Ob die Absicht von Minnerath erfolgreich sein wird, gerade einen mit der Katholischen Soziallehre nicht vertrauten Leser durch rationale Argumentation für die katholische Sicht der Gesellschaft gewinnen zu können, ist eher mit Skepsis zu betrachten.
Joachim Wiemeyer