Damit alle leben können

Beck, Christian/Fischer, Wolfgang (Hg.): Damit alle leben können. Plädoyers für eine menschenfreundliche Ethik. Festschrift für Johannes Hoffmann zum 70. Geburtstag (Factibilitas – Schriften zur Sozialethik und Sozialphilosophie, 1), Erkelenz: Altius 2007, 216 S., ISBN 978–3–932483–16–5

Eine Festschrift ist eine schöne Gabe: Sie bedeutet Anerkennung für die wissenschaftliche Arbeit eines Berufslebens. Zugleich zeigt sich darin Dankbarkeit und Verbundenheit von WeggefährtInnen. Der vorliegende Sammelband ist Johannes Hoffmann, dem emeritierten Professor für Moraltheologie und Sozialethik am Fachbereich Katholische Theologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, zum 70. Geburtstag gewidmet.

Mit dem Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden zum ethisch-ökologischen Rating hat sich Hoffmann profiliert. Seine ethische Arbeit ist von einer deutlichen Praxisorientierung und dem hohen Ausmaß seiner Beratertätigkeit geprägt. Wohl deshalb wird Hoffmann von den Herausgebern als „Lebens-Ermöglicher“ tituliert, wodurch die Titelwahl der Festschrift erklärt ist.

Der Titel „Damit alle leben können“ klingt verheißungsvoll. Er trifft eine zentrale Erwartung, die an Ethik generell gestellt wird: Ethik, im Besonderen auch theologische Ethik, soll dem Leben verpflichtet sein – sowohl der Möglichkeit des physischen Überlebens aller Menschen als auch dem guten Leben. Leben zu können setzt Orientierung voraus, wie im Vorwort betont wird. Ethik bietet Orientierung für verantwortungsvolles Handeln an und fragt somit explizit nach den Bedingungen für die Möglichkeiten und für die Gestaltung gerechten und guten Lebens. Somit ist es einleuchtend, dass dieser Sammelband laut seines Untertitels nach einer „menschenfreundlichen Ethik“ fragt.

Der Sammelband vereinigt in diesem überaus breit angelegten Themenkreis sehr unterschiedliche Beiträge – unterschiedlich sowohl in ihrer wissenschaftlichen Qualität als auch in ihrer erkennbaren Nähe zu den Arbeitsschwerpunkten des Jubilars. Einige Artikel seien zur näheren Besprechung herausgegriffen: Im ersten Beitrag von Franz Josef Stendebach wird mit „Schuldenerlass und Sklavenbefreiung im antiken Israel“ (9–18) eine Fragestellung aufgegriffen, die nicht nur SozialethikerInnen sondern insbesondere auch viele sozial bewegte ChristInnen beschäftigt. Eine Darlegung der biblischen Schuldenerlass-, Ackerbrache- und Sklavenfreilassungsgesetze akzentuiert insbesondere die Jobeljahr- Normen als detaillierten und utopischen Versuch der Bibel, auf wirtschaftliche Eigengesetzlichkeiten und deren soziale Problematiken humanisierend einzuwirken. Mit dem abschließenden Plädoyer für eine Fortschreibung der sozialkritischen Tendenzen der Jobeljahr-Idee im Hinblick auf die aktuellen sozialen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse stärkt der Alttestamentler jene Stimmen, die sich aus entwicklungspolitischen Gründen immer wieder auf die Jobeljahr-Idee beziehen.

Claus F. Lücker (19–27) geht dem Phänomen nach, dass sich viele ChristInnen, die er mit dem aktualisierten Magnifikat-Text konfrontierte, Widerstand äußerten. Die Identifikation geschehe in unserer Gesellschaft eher mit den Reichen. Damit trifft der Autor nicht nur einen gewichtigen Grund für das Problem, dass die Option für die Armen von ChristInnen häufig recht halbherzig verfolgt wird. Er zeigt mit seinem Hinweis auf die Sinus-Milieu-Studie auch ein konkretes Potenzial für die Kirche an: Nahezu ausschließlich im Milieu der „Postmateriellen“ lägen „Chancen eines Neuaufbruchs im Sinne der weltumspannend gedachten Programmatik Jesu Christi, wie der Lukasevangelist sie beschreibt.“ (27)

Regina Ammicht Quinn fragt in ihrem Beitrag „Kampf um Anerkennung und soziale Scham“ (39–50) „nach den sozialen und moralischen Mechanismen des sozialen Fortschritts und nach der Struktur sozialer Konflikte.“ (39) Der Schlüsselbegriff ist die Anerkennung. Das Gefühl bei deren Verletzung, insbesondere die soziale Scham, sei aber entgegen Axel Honneths Vermutung gerade kein prinzipieller Antrieb sozialen Fortschritts. Da soziale Scham eng mit dem Prestigebedürfnis verknüpft sei und etwa zum Verstecken von Armut führe, würden soziale Fortschritte eher behindert. Die Aufgabe der theologischen Ethik, so die durchaus plausible Folgerung, liege im Brechen des gesellschaftlichen Tabus „soziale Scham“.

Helmut Schlegel (149–157) geht dem Zusammenhang zwischen Ethik und Investment nach und bezieht sich auf konkrete Erfahrungen mit der franziskanischen Suche nach vertretbaren Anlageformen und speziell mit dem Frankfurt- Hohenheimer Leitfaden. Schlegel zeigt die franziskanisch-spirituellen Grundlagen des Bedürfnisses nach ethisch verantwortbaren Geldanlege-Möglichkeiten sowie nach konkreten Kriterien auf. Das Problem der Geldanlage sei für franziskanische Ordensgemeinschaften besonders brisant, habe doch Franz von Assisi das Armutsgebot mit dem Geldverbot verbunden. Für Kollektive, die dieser Tradition unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft treu bleiben wollen, habe der Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden eine wegweisende Möglichkeit aufgezeigt, die sozialen, ökologischen und spirituellen Dimensionen des Geldes bei Anlageentscheidungen zu berücksichtigen.

Den besonderen Charme dieser Festschrift stellt der abschließende Beitrag von Maria Hoffmann, der Ehefrau des Jubilars, dar. Die Autorin zeichnet unter „Notizen aus dem Leben“ die Biografie von Johannes Hoffmann nach. Sie bringt die wissenschaftlichen Erfolge ihres Mannes zur Sprache, verdeutlicht aber ebenso unaufdringlich wie klar die Einbettung seines wissenschaftlichen Wirkens in familiäre und andere soziale Netze sowie die Auswirkung von Forschungsinteressen auf die Gestalt der eigenen Lebenswelt.

Insgesamt ist festzustellen, dass die Ankündigung des Buchuntertitels, hier würden „Plädoyers für eine menschenfreundliche Ethik“ vorgestellt, nur teilweise eingelöst wird. Die meisten Beiträge sind ihrer Art nach zwar ausdrückliche Plädoyers für soziale Gerechtigkeit. Was in einem Gutteil der Beiträge aber ein Desiderat bleibt, ist die Entfaltung von „menschenfreundlicher Ethik“, also die explizite ethische Reflexion und Begründung.

Dem Sammelband hätte eine inhaltliche Einführung zum Aufbau des Buches bzw. zu den einzelnen Beiträgen gut getan. Wünschenswert wären zudem eine konzeptionelle Struktur des Buches und Hinweise zu den einzelnen AutorInnen. Mit diesem Band liegt also nicht mehr und nicht weniger vor als die im Vorwort angekündigte Sammlung von Beiträgen, die dem Jubilar gewidmet sind.

Gleichwohl werden die LeserInnen viele Beiträge mit Gewinn lesen. Das Buch kann einer breiten Leserschaft an die Hand gegeben werden: Es setzt zum Großteil wenig ethisches Fachwissen voraus, hebt Themen wie Reue oder Scham aus dem Schatten der Vernachlässigung und es vermag sozial- und wirtschaftsethisch interessierten LeserInnen manche sozialen Zusammenhänge und Schlüsselprobleme zu erschließen.

Edeltraud Koller