Moderne Gesellschaften, auch die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, sind geprägt vom „Faktum des Pluralismus“. Die Menschen sind verschieden. Sie kommen aus unterschiedlichen Gegenden, möglicherweise sogar aus unterschiedlichen Gegenden der ganzen Welt, und sie haben unterschiedliche weltanschauliche (religiöse, moralische, philosophische, politische) Überzeugungen. Und trotzdem sollen sie friedlich und möglichst produktiv zusammenleben und kooperieren. Die Herausforderung lautet also: Integration – Integration aller, die hier leben, und Integration von Migranten, die neu zu uns kommen. Für eine sozialethische Zeitschrift, mit dem Titel „Gesellschaft gerecht gestalten“ ist das Problem der Integration eine Herausforderung. Deswegen dieses Heft.
In einer pluralistischen Gesellschaft sind die Menschen verschieden und sollen doch hinsichtlich ihrer Würde gleich sein. Das ist eine fortwährende Aufgabe für die gesamte Gesellschaft: Sie muss versuchen, die Unterschiedlichkeiten jeden Tag aufs Neue über fortwährende Selbstverständigungsprozesse zu integrieren, ohne aber ihre Identität als pluralitätsfähige und damit liberale Gesellschaft zu verlieren und in inkompatible oder sich gar bekämpfende Parallelgesellschaften zu zerfallen. Es geht um eine „genuine Inklusionsaufgabe der gesamten Gesellschaft“, die alle betrifft (so Katja Neuhoff in ihrem Beitrag) und eine Herausforderung für das Migrationsrecht darstellt (siehe hierzu den Beitrag von Markus Babo).
Die Integrationsaufgabe moderner pluralistischer Gesellschaften ist für die christliche Sozialethik kein ganz einfaches Thema, denn sie zwingt dazu, zwischen der eigenen christlichen Konzeption des „Guten“ und der politischen Strategie, „Gesellschaft gerecht zu gestalten“, einen Unterschied zu machen. Wir haben seit Beginn der Neuzeit unter großen Schmerzen (Religionskriege) gelernt, dass es weder realistisch noch zweckmäßig ist, auf einen Konsens der widerstreitenden (religiösen, philosophischen, moralischen) Weltanschauungen zu hoffen. Die Integrationsbasis pluralistischer Gesellschaften kann nicht in einer dieser umfassenden Weltanschauungen liegen, sie muss vielmehr als „übergreifender Konsens“ (so der Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls) angesetzt werden. Alle anderen Optionen führen nahezu notwendig zu Unterdrückung und Gewalt.
Nun ist aber ein solcher „übergreifender Konsens“ als Integrationsbasis pluralistischer Gesellschaften alles andere als eine einfache Aufgabe. Denn die Toleranz eines „übergreifenden Konsenses“ kann nicht (wirklich) tolerant sein gegenüber der Intoleranz. Im Haus der modernen Gesellschaft gibt es zwar viele Wohnungen (vgl. Joh 14,2), also viele Räume unterschiedlicher weltanschaulicher Vorstellungen, politisch aber bedarf es angesichts dieser vielen verschiedenen Wohnungen einer „Hausordnung“. Wenn wir eine tolerante Gesellschaftsordnung nicht gegen die Angriffe der Intoleranz verteidigen, dann wird die pluralistische Toleranz vernichtet werden (so der Wissenschaftsphilosoph und Gesellschaftstheoretiker Karl R. Popper). Das Paradox der Integrationsaufgabe pluralistischer Gesellschaften lautet: Keine politische Toleranz den Feinden der politischen Toleranz! Dieses Paradox macht die Aufgabe der Integration außerordentlich schwierig.
Ich möchte schließen mit einem theologischen Gedanken, denn für eine christliche Sozialethik ist die „Erinnerung“ an die Erfahrungen aus der Geschichte der eigenen Glaubensgemeinschaft grundlegend und prägend (siehe hierzu den Beitrag von Albert- Peter Rethmann). In 1 Chr 29,15 steht der Satz: „Denn wir sind nur Gäste bei Dir [= Gott], Fremdlinge“. Wenn man so will, ist das eine frühe Fassung des Spruchs: „Alle Menschen sind Ausländer – fast überall“. Zum Ausdruck kommt eine ganz existenzielle Erfahrung des Fremdseins und des Bewusstseins, dass alle Menschen darauf angewiesen sind, von Anderen (oder dem Anderen) angenommen zu werden. Wie Marianne Heimbach-Steins schreibt, ist eine solche Perspektive eine „grundlegende Voraussetzung für die Möglichkeit der ethischen Universalisierung“: Im Lichte einer solchen existenziellen Erfahrung wird man befähigt, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen und zumindest die Herausforderung einer gesellschaftlichen Integration als solche an sich heranzulassen.
Die Schwierigkeiten, Paradoxien und Dilemmata der realen Integration sind damit noch nicht gelöst. Dieses mühselige „Geschäft“ nimmt uns niemand ab. Ein Baustein hierzu ist das vorliegende Heft.