Unternehmensethik

Wieland, Josef u. a.: Unternehmensethik im Spannungsfeld der Kulturen und Religionen (Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur; Bd. 14), herausgegeben von Wallacher, Johannes /Reder, Michael / Karcher, Tobias, Stuttgart: Kohlhammer 2006, 188 S., ISBN 978–3–17-019532–5

Ein zartes Pflänzchen erblüht seit kurzer Zeit: ein Forschungsprogramm, das durch Etiketten wie „Kulturelle Ökonomik“ (Blümle et al. 2004), „Kulturalistische Unternehmensethik“ (Beschorner et al. 2007), „Kulturvergleichende Institutionenökonomik“ (Leipold 2006) oder „Ökonomische Moralkulturen“ (Schramm 2007) angezeigt wird. Es geht um die Erkenntnis, dass sowohl die institutionellen Programmierungen der nationalen (kapitalistischen) Wirtschaftssysteme (z. B. die US-amerikanische Wirtschaft oder die deutsche „Soziale Marktwirtschaft“ oder der chinesische guanxi-Kapitalismus) als auch die Organisationsstrukturen der Unternehmen nicht im luftleeren Raum schweben, sondern zutiefst durch die jeweiligen Moral- und/oder Religionskulturen geprägt sind. In diesem thematischen Feld bewegt sich auch das vorliegende Buch, das eine Vielzahl unterschiedlicher Autoren und Ansätze vereinigt.

Das Buch bietet eine bunte Reihe von Beiträgen, die aus den 2. „Ludwigshafener Gesprächen“ (2005) hervorgegangen sind. Bekannte (z. B. Josef Wieland oder Georges Enderle) und weniger bekannter Autoren beleuchten diverse Facetten des Themenfeldes: 1. Unternehmensethik in diversen moralkulturellen Kontexten (Deutschland, USA, China, Islam), 2. Konzeptionelle Aspekte der Unternehmensethik (Religion und Politik; Global Governance; Corporate Social Responsibility; Corporate Citizenship), 3. Umsetzung von unternehmerischer Verantwortung (UN Global Compact; Corporate Citizenship bei BASF; Anwendung menschenrechtlicher Standards).

Wie das mit Sammelbänden dieser Art so ist: Eine konzeptionell abschließende Klärung kann man angesichts der Unterschiedlichkeit der Autoren, der Disparatheiten des Gegenstandes und der Tatsache, dass es sich um ein erst in jüngerer Zeit aufblühendes Forschungsprogramm handelt, nicht erwarten. Wer aber einen Eindruck bekommen möchte von der Vielfältigkeit und Multidimensionalität einer moralkulturell sensibilisierten Unternehmensethik, der wird in diesem Band fündig. Untergründige oder manifeste Beziehungen zwischen Ökonomie und Kultur werden verdeutlicht, die kulturell erwarteten Verantwortlichkeiten global operierender Unternehmen analysiert und die Implementationsschwierigkeiten und -möglichkeiten ausgeleuchtet.

Das Buch bietet „work in progress“: Es kann als Einstieg und als vorläufige Vertiefung der Thematik dienen, einen konzeptionell einheitlichen Entwurf oder eine abschließende Klärung all der kulturökonomischen Fragen kann man naturgemäß nicht erwarten. Aber das war auch sicher nicht die Absicht der Herausgeber – im Gegenteil: Es geht darum, das Fenster der Diskussionen über die Religionen und Moralkulturen als ökonomische Faktoren weit zu öffnen.

Michael Schramm