Global Governance

Reder, Michael: Global Governance. Philosophische Modelle der Weltpolitik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006, 277 S., ISBN 978–3–534–20000

Die vorliegende Dissertation des wiss. Mitarbeiters am Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München vergleicht fünf unterschiedliche Konzepte von „Global Governance“. Dabei handelt es sich aber nicht wie der Untertitel andeutet, um philosophische Modelle, sondern um zwei Konzepte von Politikwissenschaftlern, eines von einem soziologischen Systemtheoretiker, eines von einem politischen Ökonomen und lediglich eines von einem Philosophen. Allerdings weisen auch die nichtphilosophischen Konzepte philosophische Implikationen auf, z. B. wegen einer expliziten normativen Gestaltungsabsicht. Mit diesen Repräsentanten soll die Spannbreite des Global Governance-Diskurses aufgegriffen werden.

Gegenstand der philosophischen Dissertation ist eine methodische Grundlagenfrage, die auch für die Christliche Sozialethik Bedeutung hat; denn auch diese ist eine interdisziplinär angelegte Wissenschaft: Welche profanwissenschaftlicher Theorien soll sie für ihre normative Reflexion heranziehen, wenn sie ein analytisch komplexes Phänomen wie die Globalisierung bzw. seine politische Gestaltung (global governance) zum Thema macht. Wie trifft man hier eine sachgerechte Auswahl? Weitere methodische Fragen ergeben sich dann, wenn man nicht nur ein einziges Theoriekonzept heranzieht: Können heterogene Konzepte überhaupt miteinander verknüpft werden? Eine weitere Problematik besteht darin, dass die Analyse komplexer Vorgänge wie die der Globalisierung nicht generell, sondern nur hinsichtlich einzelner Aspekte empirisch belegt werden können. Solche Einzelbelege können aber nicht Gesamttheorien bestätigen oder falsifizieren. Hinzu kommt, dass Großtheorien häufig auf eine bewusste (normativ begründete) Gestaltung der Globalisierung abzielen. Ein solches normatives Vorverständnis und eine entsprechende Gestaltungsabsicht können sich bereits in der Heuristik der Analyse niederschlagen. Es besteht somit die Gefahr, dass empirisch-analytisch Ergebnisse und normative Absichten nicht hinreichend methodisch reflektiert und unterschieden werden. Solche methodisch bedeutsamen Problemstellungen werden in der anspruchsvollen Dissertation systematisch abgehandelt.

Nach einem weit ausgreifenden philosophiegeschichtlichen Prolog (Cusanus, Schleiermacher, Husserl) und einer Einführung in die „Global Governance“ – Problematik werden als erstes Konzept des Global Governance die Überlegungen der Politikwissenschaftler Dirk Messner/Franz Nuscheler, die am Duisburger Institut für Entwicklung und Frieden entwickelt wurden, behandelt. Beide Autoren wollen globale Regelsysteme und internationale Organisationen weiterentwickeln und stärken. Dabei setzen sie auf Akteure wie Nationalstaaten, Transnationale Organisationen und zivilgesellschaftliche Akteure. Mit Recht warnen sie davor die Repräsentanz und Legitimität von Nicht-Regierungs-Organisationen zu überschätzen.

James Rosenau aus Washington repräsentiert in der Untersuchung den analytischen Zweig der amerikanischen Politikwissenschaft. Er arbeitet besonders die Einschränkung nationaler Handlungsfähigkeiten (z. B. hinsichtlich der Besteuerung) sowie dialektische und gegenläufige Teilprozesse im Prozess der Globalisierung (Abgrenzung und zugleich Integration) heraus. Dafür hat er den Begriff der Fragmegration geprägt.

Der deutsche Soziologie Helmut Willke argumentiert auf der Basis der Luhmann’schen Systemtheorie. Diese sieht gesellschaftliche Prozesse als eigendynamische Prozesse an, die kaum durch individuelles Verhalten von einzelnen Akteuren oder durch politisches Handeln zu steuern sind. Da das politische System nur eines unter mehreren gesellschaftlichen Systemen ist, kann der Staat im klassischen Verständnis als verantwortlicher Agent für das Gemeinwohl seine Aufgabe einer gesamtgesellschaftlichen Steuerung nicht mehr erfüllen. Globale Steuerungsprobleme (z. B. der internationalen Finanzmärkte) sind eher durch Selbststeuerung der dort Agierenden, z. B. durch Vereinbarungen der Banken oder durch neue Marktakteure (z. B. Ratingagenturen) zu bewältigen als durch staatliche Eingriffe.

Der in London lehrende Volkswirt Meghnad Desai behandelt Globalisierungsprozesse in historischer Perspektive anhand der Theorien zentraler Vertreter der Volkswirtschaftslehre wie Adam Smith, Karl Marx, Joseph Schumpeter, John M. Keynes und Friedrich A. von Hayek. Er empfiehlt Entwicklungsländern wie Indien, sich bewusst in den Globalisierungsprozess zu integrieren. Desai weist mit Hinweis auf das Ende der ersten Globalisierungsperiode 1871–1914 auf ein mögliches Ende des jetzigen Globalisierungsprozesses hin. Eine „Deglobalisierung“ ist im Kontext seines zyklischen Ansatzes möglich.

Der letzte Vertreter ist der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, der in seiner an die Vertragstheorie angelehnten Argumentation Überlegungen von Kant und Rawls aufnimmt. Dies bedingt vor allem den Anspruch einer Verrechtlichung der globalen Ordnung. Höffe entwickelt das Konzept einer förderalen Weltrepublik, wobei seine institutionellen Vorstellungen, z. B. eines Weltparlaments, Analogien zum politischen System der Bundesrepublik darstellen, welches modifiziert auf die globale Ebene übertragen wird. Im Gegensatz zu Systemtheoretikern wie Willke sind „Weltbürgertugenden“ für Höffe eine sinnvolle Kategorie.

Es ist das Verdienst dieser Studie anhand des Vergleichs der verschiedenen Theorien herausgearbeitet zu haben, welche methodischen Anforderungen an ein Konzept der „Global Governance“ zu richten sind, wenn dieses sowohl analytisch fruchtbar globale Entwicklungstendenzen erklären will, als auch in der Lage sein soll, normativ geleitet die politische Gestaltung globaler Regelsysteme und Institutionen zu ermöglichen. Reder weist zutreffend daraufhin, dass es in den einzelnen Theorien vernachlässigte Aspekte gibt wie die Bedeutung von Religion und Kultur. Nicht alle Konzepte beachten hinreichend Machtasymmetrien und Exklusionsprozesse in der Weltgesellschaft. Problematisch ist, dass der Vfs. dem Konzept von Habermas für die normative Reflexion Relevanz zuerkennt, ist doch dessen anspruchsvolles Demokratiekonzept bereits im nationalen Rahmen nicht realisierbar und noch weniger für globale Fragen tauglich. Die Untersuchung ist sorgfältig gearbeitet, ein Personenregister ist angefügt. Leider fehlt ein Sachregister.

Joachim Wiemeyer