Familie in der Krise

Mack, Elke: Familien in der Krise. Lösungsvorschläge Christlicher Sozialethik (ta ethika, Bd. 1), München: Herbert Utz Verlag 2005, 106 S., ISBN 3–8316-0543–2

Dass sich die Familie in einer Krise befindet, wird von vielen Familienwissenschaftler/inne/n unterschiedlicher Disziplinen immer wieder gerne beschworen. In ihrer Monografie, die sich auf den zweiten Blick als Aufsatzsammlung entpuppt, sieht Elke Mack die Familie, genauer gesagt die klassische „Normalfamilie“, in einer Krise, weil in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden. Mit diesem Phänomen sowie der Frage, wie eine christliche Familienethik angesichts dieser demografischen Entwicklung zu konzipieren ist, setzt sich die Autorin in ihren ersten drei Aufsätzen auseinander, die sich auch in einzelnen Textpassagen überschneiden. In ihrem vierten und letzten Beitrag thematisiert sie in Kontrast dazu die Rolle der Familie in den Entwicklungsländern vor dem Hintergrund der dortigen Bevölkerungsexplosion.

Als Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland nennt Mack in ihrem ersten, in Englisch verfassten Aufsatz Demographic Threat to the Family from a Christian Point of View u. a. ökonomische Risiken wie Arbeitslosigkeit oder Familienarmut sowie die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach Mack bedroht die niedrige Geburtenrate aber nicht nur die traditionelle Familie, sondern auch die soziale Gerechtigkeit, da die sozialen Sicherungssysteme auf Kinder als zukünftige Beitragszahler/innen hin angelegt sind. Des Weiteren wirke sich eine niedrige Geburtenrate auch negativ auf die ökonomische Entwicklung Deutschlands aus.

In ihrem zweiten Beitrag Familienförderung als familienökonomische, sozialpolitische und entwicklungspsychologische Herausforderung geht Mack ausführlicher auf die strukturellen Handlungsbedingungen junger Paare ein und untersucht in Anlehnung an die Familienökonomie Gary S. Beckers, inwieweit die gegebenen sozioökonomischen Rahmenbedingungen positive oder negative Anreize für Kinder setzen. In diesem Kontext diskutiert sie ausgewählte familienpolitische Maßnahmen wie z. B. die steuerliche Freistellung des kindlichen Existenzminimums, Kinder- und Erziehungsgeld. Das Erziehungsgeld ist allerdings nicht, wie behauptet, an die Nichterwerbstätigkeit eines Partners geknüpft, sondern kann mit einer Teilzeiterwerbstätigkeit bis zu 30 Stunden wöchentlich verbunden werden. Neben der Bewertung existierender Strukturen als prinzipiell nicht kinderförderlich zeigt Mack darüber hinaus politische Maßnahmen auf, die einen Anreiz für Kinder schaffen können.

Die Fragen, welche spezifische Legitimation die „Normalfamilie“ angesichts der Pluralisierung der Lebensformen besitzt und inwieweit sich eine christliche Familienethik auf die Familiengründung und Kinderzahl erstrecken darf, stehen im Mittelpunkt des dritten Aufsatzes Christliche Familienethik in einer Zeit gesellschaftlichen Wandels. Nach Darlegung des christlichen Ehe- und Familienverständnisses kommt die Autorin zu dem Schluss, dass sich eine Familienethik nicht in persönliche Lebensentscheidungen junger Paare einmischen dürfe. Allerdings müsse eine Familienethik für gesellschaftliche und politische Strukturen eintreten, die junge Paare in der Realisierung ihres Kinderwunsches unterstützen.

In ihrem vierten und letzten Aufsatz Globale Familienförderung als Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft setzt sich Mack ausgehend vom Prinzip der Nachhaltigkeit schließlich mit der Frage auseinander, wie in den Entwicklungsländern eine Bevölkerungsentwicklung gefördert werden kann, „die mit der Würde und Freiheit und dem Lebensrecht von Menschen in jeder Hinsicht vereinbar ist und zudem die Institution der Familie nicht gefährdet“ (93). Die Antwort auf diese Frage sieht Mack in der Stärkung der Menschenrechte für Frauen, da empirische Studien eine positive Korrelation zwischen dieser und einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung aufweisen.

Insgesamt ist es Mack mit ihrer Aufsatzsammlung gelungen, das derzeit in Deutschland stark diskutierte Thema der demografischen Entwicklung aufzugreifen und aus familienethischer Perspektive zu beleuchten. Dies ist insofern neu, als in der christlichen Sozialethik zumeist nur die mit der niedrigen Geburtenrate verbundenen Folgeprobleme diskutiert werden, nicht aber die Auswirkungen auf die Familie bzw. auf eine Familienethik selbst. Indem sie das Problem der niedrigen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland mit dem Problem der Überbevölkerung in den Entwicklungsländern konstrastiert, zeigt sie zugleich die Spannbreite der mit der demografischen Entwicklung verbundenen Problematik auf. Kritisch anzumerken bleibt, dass sich der/die Lesende die Zielsetzung der Publikation sowie das thematische Verhältnis der einzelnen Beiträge zueinander selbst erschließen muss, da Mack ihren vier Aufsätzen keine Einleitung voranstellt. Eine solche wäre jedoch für die Rezeption des Gesamtwerks hilfreich gewesen.

Christiane Eckstein