Neue Armut in Deutschland

Nadja Klinger, Jens König: Einfach abgehängt. Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland. Berlin: Rowohlt Verlag 2006, 256 S., ISBN 3-87134-552-0.

Hartz IV – diese am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Reform der deutschen Arbeits- bzw. Sozialpolitik ist der Bezugspunkt des Buches der Journalisten Nadja Klinger und Jens König; und beide gehen soweit, schon jetzt ein epochales Urteil über diese Reform zu fällen: „Wenn man später einmal Historiker fragt, wann die alte Bundesrepublik zu Ende gegangen ist, werden sie sagen. Mit Hartz IV.“ (89) Klinger und König kommen zu diesem Urteil, nachdem sie den täglichen sozialen Kampf von Menschen kennen gelernt haben, die unmittelbar oder mittelbar von diesem Reformprojekt betroffen sind. Sie lassen diese Menschen zu Wort kommen und geben ihnen eine publizistische Plattform. Ihre Scham und ihre Demütigung, ihre verletzte Selbstwertschätzung finden in diesem Buch einen Ausdruck. Die geführten Interviews reichern die Autoren durch eigene Texte an und versuchen so die Individualisierung des sozialen Konflikts aufzubrechen. Denn beide wissen aus ihrer journalistischen Arbeit, dass diese Menschen in der öffentlichen Berichterstattung in der Regel nur dann auftauchen, wenn ihr Verhalten skandalisiert werden kann. Die Verhaltensweisen von „Florida Rolf“ oder jüngst Henrico Frank werden medial ausgeschlachtet und sorgen in große Buchstaben gesetzt für einen politischen Erregungszustand. Aber nicht nur die mediale Öffentlichkeit, auch die sozialen Bewegungen bilden das soziale Leiden dieser Menschen nicht ab. Denn: „Die Schwachen der Gesellschaft sind eben keine Klasse, keine organisierte soziale Kraft, sondern eine ‚Menge ohne Gestalt‘.“ (14) Ähnlich wie in der Studie Pierre Bourdieus über Das Elend der Welt finden sich in diesem Buch deshalb unterschiedliche Berichte über Menschen, deren Situation in den Medien im Allgemeinen abstrakt diskutiert wird. Ihre besonderen Lebensumstände werden aus den parlamentarischen Debatten herausgefiltert, ihr alltäglicher sozialer Kampf findet hier kein politisches Forum. Und wenn dann einmal eine Langzeitarbeitslose zum Mitglied des Deutschen Bundestages gewählt wird, so wie die im Buch portraitierte Elke Reinke, dann scheint ihr Bericht im Parlament keinen politischen Widerhall zu finden.

Auch wenn man die geschichtliche Einschätzung der beiden Autoren nicht unbedingt teilen muss, so machen die verschiedenen Portraits der Autoren dennoch klar, welche Auswirkung diese politische Reform auf das Leben der Menschen hat. Jenseits der journalistischen Stilisierung kann der Leser immer noch viel von den Missachtungserfahrungen spüren, die die Porträtierten erlebt haben und ständig neu erleben müssen. Doch als könnten die beiden Autoren das Ausmaß des alltäglichen sozialen Kampfes in Deutschland selbst nicht glauben oder als unterstellten sie in einer Hermeneutik des Verdachts, dass die Leser ihnen nicht glauben werden, trägt ihr Buch den Untertitel „ein wahrer Bericht“.

„Hartz IV ist ein Passwort. Man betritt das Untergeschoss. Von hier gibt es kaum Ausblick.“ (171) In diesem Untergeschoss ist es entgegen der Rede von der bequemen sozialen Hängematte sehr ungemütlich. Das Problem ist, dass die Jobcenter den Betroffenen gar keine Arbeit anbieten können. Die politische Lebenslüge der Vollbeschäftigung offenbart sich deshalb auch gerade in den Berichten der Mitarbeiterinnen des Hanse-Jobcenter Rostock. Anscheinend wartet die Politik auf die demographische Wende, die das Arbeitsmarktproblem von selbst lösen soll. Dabei wird ignoriert, dass die Erwerbsarbeit für die Gesellschaft und damit für jeden Einzelnen die zentrale Anerkennungs- und Integrationsinstanz ist und alle Arbeitslosen somit aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Durch diese pathologische Fixierung auf die Arbeitsgesellschaft werden auch die Mitarbeiterinnen der Jobcenter infiziert. Die Arbeitslosigkeit und Ausweglosigkeit der ihnen anvertrauten Personen bringt sie um den Schlaf. Sie denken an die vermeintlich starken Kraftfahrer, die in ihrem Büro zu weinen beginnen und stammeln: „Ich kann nicht mehr, meinen Hände brauchen ein Lenkrad.“ (213) Doch die Politiker glauben weiterhin, dass ein Großteil der Hartz-IV-Empfänger mit dem Begriff des Sozialschmarotzers belegt werden kann und dass sie bei der Verabschiedung der Reform ein zu positives Menschenbild hatten. Der Sozialdemokrat Peter Struck folgert: „Es war zu optimistisch, anzunehmen, das Menschen das System nur in Anspruch nehmen, wenn sie es wirklich brauchen.“ (196)

Klinger und König wissen um die Problematik, das prekäre Leben der Porträtierten ans Licht der medialen Öffentlichkeit zu zerren. Die Aufzeichnungen, die zwischen November 2005 und April 2006 entstanden sind, verdoppeln unter Umständen das soziale Leiden der Porträtierten. Mit Bezug auf den gewählten Buchtitel halten sie fest: „Wenn wir behaupten, dass diese Menschen abgehängt sind, dann stören sich die meisten von ihnen daran. Denn sie tun alles, um dazu zugehören. Ihre Anstrengungen sind oft größer als die der nicht Abgehängten. Sie müssen mehr Kraft aufbringen als Menschen, denen es gut geht. Darin besteht ihre Leistung. Deshalb reden sie mit uns – um ihre Leistungen vorzuweisen. Deshalb haben sie die Courage, uns in ihr Leben schauen zu lassen. Bei allem, was wir aus unserem normalen Leben an Sorgen auch kennen: Wir betreten eine uns fremde Welt. Die Worte, die wir in unserem Repertoire haben, beschreiben diese Welt möglicherweise nicht angemessen. Sie gefallen den Porträtierten oft nicht. Wie man eine solche Annäherung ohne gegenseitige Verletzung zustande bringt, dafür gibt es wenig Beispiele oder Regeln und schon gar keine Routine.“ (208) Diese Reflexionen der beiden Autoren über die eigene Recherche und Schreibpraxis geben dem Leser das Gefühl, nicht zum Voyeur zu werden, der zur eigenen Befriedigung in das Leben anderer, ihm unbekannter Menschen blickt.

Axel Bohmeyer