Axel Bohmeyer: Jenseits der Diskursethik. Christliche Sozialethik und Axel Honneths Theorie sozialer Anerkennung (Forum Sozialethik, Bd. 2), Münster: Aschendorff Verlag 2006, 294 S., ISBN 3-402-00573-5.
Die kritische Distanzierung der neuscholastisch-naturrechtlich geprägten vorkonziliaren katholischen Soziallehre veranlasste in den 90er Jahren einige deutsche Sozialethiker dazu, die Zukunft der Disziplin in der Rezeption der Diskursethik (vor allem bei Jürgen Habermas) zu suchen. In seiner unter der Leitung von Hans-Joachim Höhn verfassten Dissertation sieht Bohmeyer darin eine Sackgasse. Er unterzieht die Diskursethik einer grundlegenden Kritik und plädiert für eine Erneuerung der Christlichen Sozialethik durch die Rezeption der sozialen Anerkennungstheorie von Axel Honneth.
Bohmeyer skizziert zunächst das Theoriedesign der Diskursethik, ihren deontologischen, formalistischen, kognitivistischen und universalistischen Charakter sowie ihre starke Trennung von gutem Leben (Ethik) und Gerechtigkeit (Moral).
Dann zeigt er, wie es angesichts der gesellschaftstheoretischen, methodologischen und begründungstheoretischen Defizite der neuscholastischen Sozialethik zur christlich-sozialethischen Rezeption der Diskursethik kam, teils als Transformation, teils im Sinne einer Komplementarität. Daran schließt sich Bohmeyers Fundamentalkritik der Diskursethik von Habermas an. Der zentrale, zu ihrem „Programmabsturz“ führende Fehler liegt in der misslungenen Trennung des Guten und des Gerechten, was sich besonders in der bioethischen Debatte zeigte. Vor allem die Abhängigkeit der für das kommunikative Handeln beanspruchten moralischen Motivation von der sozialisationsbedingten Ich- Identität, vom Recht, das motivationale Schwächen kompensieren soll, sowie vom evaluativen Potential der Religion als notwendigen normativen Ressourcen macht deutlich, dass die interpersonale Moral auf gattungsethische Voraussetzungen angewiesen ist, ohne welche die Diskursethik letztlich dem Dezisionismus verfällt. Diese Voraussetzungen aber bedingen eine Basistheorie des guten Lebens.
Im Hauptteil der Arbeit geht es um die systematische Rekonstruktion der Anerkennungstheorie Honneths, die als kritische Gesellschaftstheorie diese Defizite durch eine Aktualisierung und Weiterführung des Anerkennungsmotivs Hegels zu überwinden sucht. Honneth versteht seine Theorie zunächst als eine die Diskursethik fundierende Ergänzungskonzeption, grenzt sich aber dann immer mehr von der Diskursethik ab. Es geht ihm zunehmend um die Frage nach den konkreten Bedingungen und Strukturen jener Sittlichkeit von Individuum und Gesellschaft, die sich in Anerkennungsformen auslegt, und damit um eine die Moral fundierende Ethik des Guten. Als Sphären der Anerkennung werden unterschieden: die Liebe als partikuläre, affektive, konkret bedürfnisbezogene und Selbstvertrauen stiftende Sphäre, das Recht als Sphäre formell-gleicher, universell-reziproker Anerkennung und die soziale Wertschätzung als die an ein Wertesystem rückgebundene integrative Sphäre der sozialen Anerkennung individueller Praktiken, Lebensformen und Leistungen. Geschichtsphilosophisch geht es in diesen Sphären um Anerkennungskämpfe in einer Fortschrittsperspektive, die auf eine Steigerung menschlicher Rationalität und Autonomie bzw. des moralischen Niveaus der Gesellschaft abzielt. In der Frage nach dem Beurteilungsmaßstab konkreter sozialer Entwicklungen verweist die Ethik des Guten letztlich auf eine (zumindest schwache) kontexttranszendierende Anthropologie.
Bohmeyer beurteilt die Möglichkeit eines Theorietranfers dieses Anerkennungsparadigmas in die Christliche Sozialethik durchaus positiv. Vor allem die (wenn auch systematisch offene) anthropologische Fundierung einer anerkennungstheoretischen Ethik des Guten erscheint gegenüber der Naturrechtstradition anschlussfähig. – In den beiden letzten Abschnitten des Buches wird die Anerkennungstheorie (wohl eher als illustrierender Exkurs als in systematischer Absicht) auf den Arbeitsbegriff bezogen und damit auf einen aktuellen Kontext hin konkretisiert.
Besonders die zentralen Abschnitte des Buches, die Habermaskritik und die Honnethrekonstruktion, zeichnen sich aus durch Kenntnisreichtum sowie durch Prägnanz und Dichte der philosophischen Vermittlung. Der klare und pointierte Stil macht den Text außerdem gut lesbar und spannend. Einige kritische Anmerkungen zu diesem gediegenen Buch: Die Habermaskritik erscheint mir trotz berechtigter Aspekte als zu hart. – Vielleicht ist es etwas zu hoch gegriffen, angesichts der zweifellos wertvollen Erörterungen Honneths gleich für einen Theorietransfer einzutreten. Genügt es nicht, legitime Motive systematisch zu berücksichtigen? Die Christliche Sozialethik intendiert ein kirchliches Ethos, das im Einklang mit dem Lehramt so etwas wie dynamische Kontinuität braucht. Das lässt sich schwer vereinbaren mit ständigen Neupositionierungen „jenseits“ irgendwelcher alten. – Auch wenn es ohne fundierende Ethik keine Gerechtigkeitstheorie gibt, bedeutet das wohl nicht die Suspendierung der Differenz. So ging der m. E. sinnvollen Unterscheidung Kants zwischen Rechtslehre (Gerechtigkeit) und Tugendlehre (gutes Leben) in der „Metaphysik der Sitten“ die Grundlegungsschrift voraus, welche die Unterscheidung ethisch fundierte.
Arno Anzenbacher