„Als die Titanic unterging, spielte noch das Salonorchester.“ Ein Bonmot, auf das immer wieder gern anspielt, wer das allgemeine Desinteresse und die notorische Unbekümmertheit einer Gesellschaft beklagt, die sich angesichts heraufziehender Krisenzeiten oder unabwendbarer Katastrophen der Kunst des Verdrängens und Ausblendens befleißigt.
Nun mag man darüber streiten, ob die demographische Entwicklung mit ihren schon heute abschätzbaren Folgen in die Kategorie der Katastrophen gehört oder nicht. Im Weltmaßstab ist der Bevölkerungsrückgang in Deutschland ohnehin marginal: Unser Verschwinden würde gar nicht auffallen, so der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birk (FAZ vom 28.06.2006). Weniger werden wir auf jeden Fall, und die Folgekosten – nicht nur finanzieller Art – sind schon heute vorhersehbar. Denn demographische Voraussagen sind keine Zauberei, und die Prognosen für die Folgen des Bevölkerungswandels in 20, 30 oder 50 Jahren entstammen nicht dem Kaffeesatz. Auch wenn diese Themen in der öffentlichen Wahrnehmung bislang weithin ausgeblendet wurden: Fakt ist, dass die Bevölkerung in Deutschland, darüber hinaus in ganz Europa, schon seit Jahrzehnten kontinuierlich abnimmt, was sich in den nächsten Jahrzehnten noch beschleunigen wird. An der Politik liegt es, ob diese Erkenntnisse wahr- und ernst genommen und zur Grundlage weitsichtigen politischen Handelns gemacht werden.
Da ist es wenig überraschend, dass die Politik gleichsam über Nacht die Familie wieder entdeckt. Während die Adenauersche Philosophie die Grundlage des Generationenvertrags auf die saloppe Formel brachte „Kinder bekommen die Leute immer“, und der selbsternannte Wirtschaftskanzler Schröder noch Ende der 90er Jahre Themen wie Kinder, Frauen und Familie als „Gedöns“ abtat, sind es nach den harten Themen wie Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit nun die sog. „weichen“ Faktoren Klimawandel und Familie – übrigens auch Religion –, die neuerdings ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung rücken. Themen, mit denen derzeit Politik gemacht wird und in Zukunft, so jedenfalls die Analysen der Parteistrategen, Wahlen gewonnen werden. Doch Skepsis ist geboten, wenn Familienpolitik öffentlichkeitswirksam auf der Agenda politischen Handelns steht, während sie insgeheim (oder auch offen) instrumentalisiert wird für das Ziel, die sozialen Sicherungssysteme zu stabilisieren.
Mit dem vorliegenden Themenheft möchte Amos die Frage nach der ethischen Dimension politischen Argumentierens und Handelns stellen, wenn die Erhöhung der Geburtenrate zum Gradmesser erfolgreicher Sozialpolitik erhoben wird. Ist es ethisch gerechtfertigt, mit einer vornehmlich ökonomistischen Strategie der Familienpolitik den demographisch bedingten Problemen der Alterssicherung vorzubeugen? Wer entscheidet über die sozialethischen Grundlagen einer „modernen“ Familienpolitik? Ehe und Familie, Keimzelle und wertproduktive Wachstumsmitte der Gesellschaft, verdienen auch unabhängig von demographischen Unheilsszenarien besonderen Schutz und hohe Aufmerksamkeit. Noch gelten Kinder weithin als Armutsrisiko und Beeinträchtigung des vorherrschenden hedonistisch- individualistischen Lebensideals. Politische Maßnahmen können da allenfalls Voraussetzungen für ein Umdenken schaffen. Entscheidend aber wird sein, ob Kinderreichtum in unserer Gesellschaft wieder als hohes Lebensgut entdeckt wird, jenseits aller finanziellen Anreize und Absicherungen. Elternschaft erfordert höchsten persönlichen Einsatz. Ihr Beitrag zum Aufbau einer menschlichen Gesellschaft verdient über wirtschaftliche Gratifikation und steuerliche Vergünstigung hinaus ein entsprechendes Maß an gesellschaftlicher Anerkennung, Wertschätzung und Unterstützung. Das in allen Parteien propagierte familienpolitische Credo zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Bereitstellung entsprechender Rahmenbedingungen können dabei nur ein Mosaikstein sein in der notwendigen Allianz aller gesellschaftlichen Kräfte zugunsten der Familien. Diese muss mit Mut und Fantasie einen nachhaltigen Boden bereiten, auf dem Kinder wieder als Geschenk betrachtet und Heranwachsende als Hoffnungs- und Verantwortungsträger für die Gesellschaft von morgen behandelt werden.
Weder die beruhigenden Klänge politischer Salonorchester noch die schrillen Töne demographischer Unheilspropheten werden die Renaissance der Familie als Wachstumsmitte unserer Gesellschaft herbeiführen. Da braucht es vielmehr eine Faszination, die vom Leben selbst ausgeht und zu neuer Lebensbejahung führt – Keim einer Hoffnung, dass das Leben sich durchsetzt, auch in irdisch-ethischer, nicht nur in eschatologisch-theologischer Perspektive.