Johannes Müller, Johannes Wallacher: Entwicklungsgerechte Weltwirtschaft. Perpektiven für eine sozial- und umweltverträgliche Globalisierung, Stuttgart: Kohlhammer 2005, kart., 264 S., ISBN 978-3-17-018323-0. Martin Joe Ibeh, Joachim Wiemeyer (Hg.): Entwicklungszusammenarbeit im Zeitalter der Globalisierung, Paderborn: Schöningh 2006, kart., 302 S., ISBN 978-3-506-7180-3.
Die ethische wie die ökonomische Debatte um Globalisierung und Entwicklungszusammenarbeit sieht sich mit dem Sachverhalt konfrontiert, dass sich die ökonomische Situation gerade für die ärmsten Länder verschlechtert und eine optimistische Interpretation des ökonomischen Globalisierungsprozesses daher zynisch erscheinen kann. Deshalb müssen schlüssige sozialwissenschaftliche Analysen der Globalisierungsprobleme sowie sozialethisch begründete Beurteilungskriterien und Handlungsoptionen entwickelt werden. Dies intendieren die Autoren bzw. Herausgeber der beiden vorliegenden Bände.
Die Monographie von Johannes Müller und Johannes Wallacher hat mit ihren zehn auch didaktisch plausibel aufeinanderfolgenden und inhaltlich extrem dicht formulierten Kapiteln Lehrbuchcharakter. Die Orientierung fällt dank der übersichtlichen Gestaltung sowohl im Inhaltsverzeichnis als auch im Text leicht. Die zahlreichen, knapp bzw. kompakt gehaltenen Abschnitte enthalten ei ne Fülle von Informationen. Nach einem grundlegenden, den Globalisierungsbegriff differenzierenden Einleitungskapitel folgen zwei weitere analytische Kapitel über die Entwicklungsländer im Kontext des Welthandels und über das internationale Finanzsystem. Die Kapitel 4 und 5 bieten wirtschaftswissenschaftliches bzw. ethisches Beurteilungsinstrumentarium für die Probleme der wirtschaftlichen Globalisierung. Ein weites Spektrum an Strategien für eine entwicklungsgerechte Weltwirtschaft wird in den Kapiteln 5 bis 10 vorgestellt und diskutiert. Die Autoren setzen sich somit in der gesamten zweiten Hälfte ihres Bandes mit Handlungsmöglichkeiten auseinander: Sie stellen die unterschiedlichen „Außenwirtschaftlichen Strategien“ (Kap. 6) vor, erläutern die wichtigsten Gesichtspunkte, Probleme und Perspektiven einer „Welthandelsordnung und Entwicklungspolitik“ (Kap. 7), formulieren Optionen für eine „Reform des internationalen Finanzsystems“ (Kap. 8) und beziehen sich in den letzten beiden Kapiteln einerseits auf „Transnationale Unternehmen […]“ (Kap. 9) und andererseits auf die Politik (Kap. 10: „Multilaterale Entwicklungszusammenarbeit“) als Akteure einer ‚entwicklungsgerechten Weltwirtschaft‘. Dabei reicht das letzte Kapitel von der Definition der Entwicklungszusammenarbeit (gegenüber der ‚Entwicklungshilfe‘) über die Darstellung von Formen, Instrumenten und Verfahren öffentlicher Entwicklungshilfe im Allgemeinen sowie der deutschen und europäischen Entwicklungspolitik im Besonderen, bis hin zur (möglichen) Rolle internationaler Organisationen und zivilgesellschaftlicher Akteure.
Die Autoren beabsichtigen, mit dem Band eine in ökonomischer und ethischer Hinsicht tragfähige Grundlage für eine „Weltordnungspolitik mit dem Ziel, wirtschaftliche Effizienz, ökologische Zukunftsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und kulturelle Vielfalt miteinander zu verbinden“ (122), zu entwickeln. Dazu wählen sie einen interdisziplinären (wirtschaftswissenschaftlichen, entwicklungspolitischen und sozialethischen) Zugriff auf das Thema und verbinden „eine ökonomische bzw. sozialwissenschaftliche Perspektive mit einer sozialethischen Reflexion“ (11). Das ist nicht trivial, denn es gibt einerseits Ansätze, die glauben, mit ökonomischem Sachverstand ethische Probleme lösen zu können, und andererseits die Neigung, moralische Appelle an die Stelle einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung treten zu lassen. Am deutlichsten wird diese ‚doppelte‘ wissenschaftliche Orientierung natürlich in den Kapiteln 4 und 5, die die jeweils notwendige wirtschaftswissenschaftliche bzw. sozialethische Perspektive repräsentieren, aber nur zusammen das hinreichende Instrumentarium für eine Urteilsbildung über Fragen einer gerechten Weltwirtschaft bereitstellen können. Freilich bedarf es in Bezug auf beide Bereiche (Ökonomik und Ethik) auch interner evaluativer Entscheidungen: Die konventionellen ökonomischen Theorien des internationalen Handels erscheinen im Hinblick auf die Zielsetzung der Realisierung einer entwicklungsgerechten Weltwirtschaft ebenso defizient wie (neomarxistische) Imperialismus- und Dependenztheorien (91–100). Müller und Wallacher tendieren in dieser Hinsicht (100–104) zur Realisierung einer „weltmarktorientierte[n] nationale[n] Entwicklungspolitik“, d. h. zu einer „Kombination von Innenorientierung […] mit selektiver Außenorientierung“, weil eine „völlige Abkoppelung vom Weltmarkt […] weder ökonomisch sinnvoll noch politisch möglich“ sei. „Vorrangiges Ziel muss die Befriedigung der Grundbedürfnisse sein.“ (104) Damit allerdings verweist die ökonomische bereits auf die ethische Perspektive (105–127). Zwar sei es „nicht einfach von der Hand zu weisen“, dass „gesamtwirtschaftliches Wachstum über kurz oder lang auch den Schwächeren zugute komme“ (106); dieses gesamtwirtschaftliche Wachstum jedoch sei „bestenfalls eine notwendige, keineswegs aber eine hinreichende Bedingung für die Bekämpfung von Armut“ (ebd.). Müller / Wallacher begründen und erläutern ihre normative Konzeption, indem sie „von grundlegenden, möglichst vielen Menschen gemeinsamen Erfahrungen ausgehen. Ein möglicher Ansatz geht von der Verletzbarkeit des Menschen als einer anthropologischen Wurzel von Moralität aus“ (109). Die Autoren erläutern und differenzieren einen solchen Ansatz, indem sie von „gemeinsame[n] menschliche[n] Leiderfahrungen wie Hunger, Armut, Unterdrückung oder Diskriminierung“ (109) ausgehend einen weiten Bogen über Michael Walzer und Peter Ulrich bis hin zu Amartya Sens Capabilities approach spannen (109–111). Grundlegende Bedeutung innerhalb des vorliegenden Konzepts einer entwicklungsgerechten Weltwirtschaft hat – neben Chancengerechtigkeit, Tauschgerechtigkeit, dem Prinzip der Partizipation und weiteren (113–119) – folglich das „Kriterium der Bedürfnisgerechtigkeit“: „Insofern muss die Befriedigung fundamentaler menschlicher Bedürfnisse stets höchste Priorität haben.“ (114)
Die 16 Beiträge des von Martin Joe Ibeh und Joachim Wiemeyer herausgegebenen Sammelbandes Entwicklungszusammenarbeit im Zeitalter der Globalisierung ergeben zum gleichen Thema naturgemäß ein sehr viel heterogeneres Bild. Der Band ist in vier etwa gleich große Teile unterteilt: 1. Sozialethische Grundlagen, 2. Finanzierung, Verschuldung und Entwicklung, 3. Handel und Ernährung, 4. Hilfe zur Entwicklung. Peter Langhorst gibt einen Überblick über die Entwicklung der Aussagen des kirchlichen Lehramts zum Entwicklungsproblem, Reinhard Marx führt in die sozialethische Problemlage hinsichtlich Globalisierung und Entwicklung ein und nennt „Ethische Kriterien zur Bewertung der Globalisierungsverläufe“ (34) (Bedürfnisgerechtigkeit – womit gemeint ist: „Jeder Mensch hat das Recht, das zu bekommen, was er oder sie zum Überleben braucht“ [34] –, Chancengerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Verfahrensgerechtigkeit), skizziert den Zusammenhang von „Weltgemeinwohl und ‚Global Governance‘“ (36–38) und erläutert die UN-Millenniumsziele als „wegweisendes Projekt der Weltgemeinschaft“ (38–41). Hans-Gerd Angel schildert die Kirchlichen Hilfswerke in ihrer unverzichtbaren Funktion für das diakonische Handeln „in internationaler Dimension“ (53), als „zivilgesellschaftliche Fenster“ (57) und „als binnenkirchliche integrative Größen“ (60). Johannes Wallacher gibt einen Überblick über Möglichkeiten und Probleme der Finanzierung von Entwicklung. Die Schuldenkrise, die Entschuldung und das Insolvenzrecht für Staaten erörtern Josef Sayer und Martin Dabrowski in ihren Beiträgen. Die Bereitschaft der Politik des Bundes, Mittel für die Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen, und die Beweggründe der jeweiligen Bundesregierungen stellt Ludger Reuke dar. Joachim Wiemeyer unternimmt den Versuch, grundlegende Elemente der Sozialen Marktwirtschaft bzw. einer „Ökosozialen Marktwirtschaft“, die auch in die EU-Verträge eingeflossen seien, als Leitbild für die Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung zu rekonstruieren. Markus Vogt bezieht sich in seinen Überlegungen vor allem auf die Landwirtschaft bzw. auf die Agrarpolitik, schlägt dabei das Rahmenkonzept einer „Multifunktionalen Landwirtschaft als ethische[n] Bewertungsansatz“ (177) vor und geht auf Strategien der Hungerbekämpfung durch landwirtschaftliche Reformen ebenso ein wie auf das Problem der Patentierung von Saatgut. Thomas Bohrmann erörtert die Bedeutung und die Probleme der Massenmedien in und für die Entwicklungsländer, geht dabei insbesondere auf das Internet ein und legt „Ethische Leitlinien für die Medienentwicklung bzw. Medienzusammenarbeit“ (268) vor. Ein Plädoyer für den Wandel „Von der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe zur umfassenden sozio-kulturellen Entwicklungspolitik“ (275) von Martin Joe Ibeh, das zugleich zusammenfassenden Charakter hat, schließt den Band ab.
Der Band bietet für viele entwicklungspolitische Themen interessante Perspektiven und umfassende Erläuterungen. Die genannten Aufsätze führen jeweils in bestimmte Themengebiete der Entwicklungspolitik ein und repräsentieren zum Teil recht unterschiedliche ethische Zugangs- und Argumentationsweisen. Andere, hier nicht im einzelnen genannte Beiträge des Bandes erscheinen dagegen entbehrlich. Entbehrlich ist auch die kuriose Zeichnung auf dem Umschlag, eine Art Eine-Welt-Version des SED-Symbols: Zwei Hände liegen – im Hintergrund die Erdkugel – zum Handschlag ineinander, eine weiße und eine schwarze, die weiße wohl aus einer gestreiften Anzugjacke, die schwarze aus einem heftig gemusterten und schon leicht zerrissenen Ärmel…
Die beiden Bände führen – je auf ihre Weise – in den Gesamtkomplex bzw. in einzelne Problemfelder der Entwicklungspolitik ein. Der Band von Müller / Wallacher behandelt das Thema umfassend, kombiniert die wichtigsten Informationen mit weiterführenden (Literatur-)Hinweisen und bietet eine sozialethische Reflexion. Für die Auseinandersetzung mit Fragen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung – etwa auch im Rahmen von Lehrveranstaltungen – ist der Band eine ideale Grundlage. Auch die genannten Beiträge in dem Band von Ibeh / Wiemeyer bieten dies in Bezug auf Einzelaspekte des Themenspektrums, etwa auf die Finanzierung von Entwicklung, auf die Konzeption einer ‚öko-sozialen Weltwirtschaft‘, auf Agrarpolitik oder auf Massenmedien und Entwicklung.
Christian Spieß