Persönliche Entwicklung fördernZirkusluft macht mutig

Beim Balancieren auf dem Pedalo oder beim Üben einer Rolle vorwärts – im Zirkusprojekt sammeln Kinder vielfältige Bewegungserfahrungen. Diese Erfolgserlebnisse machen sie mutiger und sicherer im Alltag.

Ein Kind springt in einer Turnhalle über eine Bank.
© Jacqueline Walter, Heilbronn

Zwei Mädchen stehen in der Turnhalle vor der Balancierrolle. Noch vor einiger Zeit brauchten sie Unterstützung oder stiegen unsicher wieder ab. Heute steigen sie selbstständig auf, strecken die Arme zur Seite und balancieren Schritt für Schritt über die Rolle. Konzentriert, ruhig und sicher. Am Ende angekommen, sieht man ihnen den Stolz deutlich an. Sie haben sich etwas zugetraut und es geschafft.
Seit Juni 2024 nehmen wir mit unserer Kita am Zirkusprojekt des gemeinnützigen Vereins „move!“ teil. In Kooperation mit der Grünewaldgrundschule nutzen wir regelmäßig die Schulsporthalle. Wenn es organisatorisch möglich ist, dann jeden Montag und Dienstag für etwa 30 Minuten. Alle Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren nehmen daran teil.

Von Kasten zu Kasten schwingen

In der Halle werden verschiedene Bewegungsstationen aufgebaut. Diese bereitet der Zirkuspädagoge Lutz Ehmann für die Grundschulkinder vor. Während der Pause nutzen wir die Stationen mit den Kita-Kindern. Es ist beispielsweise ein Kasten aufgebaut, auf den die Kinder klettern. Von dort springen sie auf ein Trampolin und landen auf einer erhöhten Weichbodenmatte. Wenn sie die Übung richtig können, machen sie einen Vorwärtssalto auf die Matte. Dann gibt es große Bälle, auf die sie mithilfe von Seilen, die von der Decke herabhängen, steigen und die Balance halten. Oder sie nutzen Stangen, an denen man normalerweise hochklettert. Es gibt Pedalos, Jonglierteller und Einräder. Letztere sind aber noch zu schwer. Manchmal schwingen die Kinder an zwei Seilen mit Ringen von Kasten zu Kasten. Bei Bedarf unterstützt uns Lutz Ehmann und gibt fachliche Impulse zur richtigen Haltung bei einer Übung oder erklärt, dass diese beispielsweise vorbereitend für den Handstand ist.
Eine feste Station ist die rutschfeste, mit Luft gefüllte Matte, auf der die Kinder krabbeln, hüpfen und die Rolle vorwärts üben können. Ergänzt wird dies durch wechselnde artistische Angebote wie Balancieren, Klettern, Springen über Bänke und Übungen an Seilen. Die Kinder können selbst wählen, was sie ausprobieren möchten und in welchem Tempo.

Zutrauen entwickeln ist ein Prozess

Über das reine Üben hinaus geht es uns vor allem darum, dass die Kinder Selbstvertrauen entwickeln, eigene Grenzen kennenlernen und erweitern sowie Sicherheit in ihren Bewegungen gewinnen. Wir möchten es den Kindern ermöglichen, sich etwas zuzutrauen, Erfolgserlebnisse zu sammeln und ihre motorischen Fähigkeiten Schritt für Schritt auszubauen. Aspekte wie Mut, Körpergefühl und soziale Kompetenzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sollen erleben, dass sie auch schwierige Herausforderungen bewältigen können.
Da immer wieder neue Kinder dazukommen und andere in die Schule wechseln, bleibt dieses Ziel dauerhaft bestehen. Zirkuspädagogik verbindet Bewegung mit Spiel und Kreativität. Dadurch werden motorische, soziale und persönliche Kompetenzen gleichzeitig angesprochen. Die Kinder üben Bewegungsabläufe, beobachten sich gegenseitig und unterstützen sich. Dabei entstehen viele Lernmomente, die über die reine Bewegung hinausgehen.

Die Kinder sind sicherer geworden

Im Alltag sehen wir deutliche Veränderungen. Die Kinder sind sicherer geworden und trauen sich mehr zu. Besonders beim Balancieren, beispielsweise auf der Langbank, zeigt sich diese Entwicklung. Was anfangs nur mit Hilfe möglich war, gelingt inzwischen selbstständig. Auch andere Fortschritte werden sichtbar. Kinder, die sich anfangs nicht an Geräte herangetraut haben, klettern inzwischen eigenständig hinauf oder probieren neue Übungen aus. Diese Erfolgserlebnisse stärken ihr Selbstvertrauen spürbar.
Die Kinder übertragen die Erfahrungen aus dem Projekt in den Kita-Alltag. Unsere kleine, mit Luft gefüllte Matte im Bewegungsraum wird regelmäßig genutzt; bekannte Übungen werden wiederholt und weiterentwickelt. Inzwischen führen einige Kinder auch Kopfstand und Handstand sicher aus. Insgesamt gehen sie mutiger an neue Herausforderungen heran.
Die Altersspanne von 3 bis 6 Jahren sowie die unterschiedlichen Entwicklungsstände – auch im Hinblick auf Inklusion – erfordern viel Aufmerksamkeit und Flexibilität. Nicht jedes Kind braucht das Gleiche: Manche benötigen mehr Unterstützung, andere mehr Herausforderung. Vor allem die Regelmäßigkeit trägt zum Gelingen bei. Feste Abläufe geben den Kindern Sicherheit und Orientierung.

Austesten, was möglich ist

Durch die Mischung aus bekannten Übungen und neuen Impulsen kann jedes Kind auf seinem eigenen Niveau Erfahrungen sammeln. Das Zirkusprojekt zeigt uns, wie wichtig es ist, Kindern etwas zuzutrauen. Gerade herausfordernde Situationen sind für ihre Entwicklung förderlich. Die Kinder erleben, dass sie über sich hinauswachsen können. Das Projekt ist für uns ein fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit geworden. Da wir keine Aufführungen machen, haben Eltern die Möglichkeit, im Rahmen von Hospitationen Einblicke in das Projekt zu erhalten. Dabei informiert unter anderem Lutz Ehmann über Inhalte, Ziele und die pädagogischen Hintergründe des Projekts. 

Präventionspreis 2026 für move! e.V.

Der Verein move! verbindet Zirkussport mit Aufführungen und sozialem Training und schafft so kreative Räume für Bewegung, persönliche Entwicklung und Gemeinschaft. Insbesondere Grundschulkinder, aber auch Kindergartenkinder und Jugendliche profitieren von den Angeboten, die sowohl motorische Fähigkeiten als auch soziale Kompetenzen stärken. Für sein Engagement wurde der Verein im März mit dem Präventionspreis der Präventionsstiftung Baden-Württemberg ausgezeichnet. Weitere Informationen unter: www.movehn.de

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