Tines praktische TheorieNicht fertig. Zum Glück!

Eine Illustration zeigt eine Person, die auf einer Welle surft, in der sich viele Gegenstände befinden.
© Marén Gröschel, Braunschweig

Bungee-Jumping? Big-Wave-Surfing? Eisklettern? Ha! Darüber können wir – die wir doch den mutigsten Job der Welt machen – nur müde lächeln. Zugegeben, Mut zeigt sich in unserem Arbeitsfeld selten spektakulär. Er zeigt sich dort, wo Menschen trotzdem weitermachen. Wo Fachkräfte Kindern zutrauen, zu wachsen. Wo Teams sich weiterentwickeln, obwohl im Alltag kaum Luft dafür bleibt – manchmal ist sie am Ende des Tages so dünn wie am Gipfel des Mont Blancs. Wo man neue Kletterwege ausprobiert mit dem Wissen, dass pädagogische Prozesse selten geradlinig verlaufen und meistens jemand dabei weint. Und das sind nicht immer die Kinder. Nun ja, die Zumutungen? Davon kennen wir genug. Denn Entwicklungen waren noch nie bequem. Nicht für Kinder. Nicht für Teams. Nicht für Systeme. Jede neue Welle verlangt es, bekannte Reviere zu verlassen. Noch einmal neu hinzusehen und sich irritieren zu lassen. Vielleicht auch festzustellen, dass man längst nicht fertig ist mit Lernen. Ach ja, wo war noch mal das Sicherungsseil?
Zumutungen und Mut – sie bilden im Grunde den Kern unserer pädagogischen Arbeit: Menschen nicht kleinzuhalten in dem, was sie schon können, sondern groß zu denken in dem, was noch möglich werden kann. Kinder machen uns das täglich vor. Sie fallen hin, probieren neu, scheitern öffentlich mit beeindruckender Selbstverständlichkeit und stellen danach trotzdem weiter Fragen. Erwachsene entwickeln dafür meist deutlich kompliziertere Bewältigungsstrategien.
Vielleicht brauchen wir deshalb gerade jetzt mehr Mut zur Entwicklung. Nicht zur Selbstoptimierung, auch nicht zum ewigen „Höher“, „Schneller“, „Besser“, sondern zur ehrlichen Bewegung. Zum fachlichen Weiterdenken, zum Verändern und für meine kleine, gemeine Lieblingsfrage: „Ist das eine nötige Struktur oder eine angenehme Gewohnheit?“
Womöglich ist genau das das Schönste (und manchmal Nervigste) an Pädagogik: dass man eigentlich niemals fertig ist.
Dies ist meine letzte Kolumne, da ich ganz neue Wege einschlage und mich auf (noch) unbekanntes Terrain wage. Deshalb verabschiede ich mich in großer Dankbarkeit. Fürs Lesen. Fürs Mitdenken. Für ein Arbeitsfeld, das trotz aller Herausforderungen nie aufhört, an Entwicklung zu glauben.

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