Tines praktische TheoriePädagogische Neurosen im Rückblick

Eine Illustration zeigt vier Personen, die an einem Tisch sitzen, Tee trinken und Stullen essen.
© Marén Gröschel, Braunschweig

Wenn ich heute an manche meiner früheren pädagogischen Überzeugungen denke, habe ich zwei gleichzeitige Gefühle: Zuneigung und leichte Fremdscham. Zuneigung, weil ich es ernst gemeint habe. Fremdscham, weil ich es sehr ernst gemeint habe.
Ich war früher eine große Verfechterin von Strukturen. Und zwar von solchen, die man sehen konnte. Sitzordnungen zum Beispiel. Meine Güte habe ich Sitzordnungen geliebt! Das hatte etwas ungemein Beruhigendes – für mich. Für die Kinder war es vor allem eins: ein tägliches Rätsel, warum es existenziell wichtig war, dass sie heute ausgerechnet auf diesem Platz sitzen. Heute frage ich mich auch: Warum eigentlich? Die Kinder wussten es jedenfalls nicht. Aber sie haben es akzeptiert. Und da sag noch einer, Kinder seien nicht kooperativ. Auch das gemeinsame Frühstück war mir heilig. Alle zur gleichen Zeit, alle am Tisch, alle möglichst gleichzeitig essend. Ach, und bitte erzählt doch was Schönes vom Wochenende! Ich nannte das Gemeinschaft. Heute weiß ich: Es war vor allem mein Versuch, Chaos zu verhindern. Dass Kinder unterschiedlich hungrig sind und unterschiedlich schnell essen, das erschien mir damals pädagogisch schwer integrierbar.
Und dann der Morgenkreis. Ach, der Morgenkreis. Früher war er gesetzt. Unverrückbar, jeden Morgen. Alle Kinder. Still sitzen, zuhören, die Anwesenheitsliste checken, mitmachen. Ich hätte vermutlich auch bei Feueralarm noch gesagt: „Ganz kurz, wir machen das Lied noch zu Ende!“ Heute fühlt sich dieser Pflicht-Morgenkreis für mich ein bisschen an wie eine pädagogische Zwangsstörung. Nicht der Morgenkreis an sich – der ist großartig –, sondern die Idee, dass alle zur gleichen Zeit das gleiche Bedürfnis nach Sitzen, Singen und Warten haben müssen. Spoiler: Haben sie nicht.
Damals hätte ich gesagt: Kinder brauchen das. Heute sage ich: Ich brauchte das. Ich brauchte die Übersicht. Die Gleichzeitigkeit. Die Gewissheit, dass mein Tag planbar beginnt. Haltung entwickelt sich eben nicht im Konzeptordner oder mit der abgeschlossenen Ausbildung, sondern im Alltag. Manchmal entwickelt sie sich genau dann, wenn man endlich merkt, dass man eher das eigene Sicherheitsbedürfnis als das der Kinder berücksichtigt.
Heute arbeite ich anders. Nicht strukturlos, sondern differenzierter. Sitzplätze? Heute hier, morgen da. Frühstück darf sich verteilen. Morgenkreis darf Einladung sein statt Pflichtveranstaltung. Erstaunlicherweise ist die Welt davon nicht untergegangen. Im Gegenteil: Die Kinder wirken entspannter. Und ich auch.
Wenn ich heute den Kopf über manche meiner früheren Überzeugungen schüttle, dann tue ich das mit Humor und Dankbarkeit. Denn es zeigt mir, dass meine Haltung nicht stehen geblieben ist, dass ich dazugelernt habe. Und dass es gesund ist, alte Sicherheiten zu hinterfragen, selbst wenn sie sich jahrelang sehr richtig angefühlt haben. Vielleicht ist das die eigentliche Professionalität in unserem Beruf? Nicht perfekt sein. Sondern beweglich und bereit, über die eigenen pädagogischen Neurosen von früher herzlich zu lachen.

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