Das Magnificat ist der Lobgesang Marias, den der Evangelist Lukas überliefert (Lk 1,46–55). Maria spricht ihn, nachdem sie ihre Verwandte Elisabet besucht hat, die von Gottes Geist erfüllt Maria und das Kind in ihrem Leib preist. Das Magnificat beginnt in der lateinischen Tradition mit den Worten „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn“ – und entfaltet einen Wechsel von persönlichem Dank und dem Lob Gottes für seine rettenden Taten zugunsten der Schwachen und Bedürftigen.
Das Lob Marias ist stark alttestamentlich geprägt: Es erinnert an das Danklied der Hanna (1 Sam 2,1–10), der Mutter des Propheten Samuel, und greift Formulierungen aus Psalmen und den Prophetenbüchern auf. Es beschreibt Gottes Macht, Barmherzigkeit und Treue – zunächst am Beispiel Marias und anschließend in einem Blick auf ganz Israel. Dabei wird Maria als Vorbild der Kirche erkennbar:
"Meine Seele preist die Größe des Herrn, *
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. *
Sieh, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, *
und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht *
über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: *
er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron *
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben *
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an *
und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, *
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn *
und dem Heiligen Geist.
Wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit *
und in Ewigkeit. Amen."
Liturgisch relevant ist das Magnificat vor allem als Höhepunkt ("Hochgesang") der Vesper, des abendlichen Stundengebets der Kirche. Schon der heilige Benedikt empfahl in seiner Ordensregel, es täglich im Abendgebet zu singen.
In der Vesper bildet das Magnificat den zentralen Lobpreis: Es schließt diese Gebetszeit mit dem Dank für Gottes befreiendes Handeln und erinnert die Gläubigen daran, dass Gottes Rettung den Niedrigen und Bedürftigen gilt. Durch seinen Platz am Ende der Vesper wird das Magnificat so zu einem täglichen Moment der Besinnung, des Dankes und der Hoffnung auf Gottes fortwährendes Eingreifen in der Welt.
Manuel Uder