Latein ist die Sprache der alten Römer und wurde seit der Spätantike zur wichtigsten Sprache der westlichen Kirche. In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurde die Liturgie im Westen zunächst vielfach auf Griechisch gefeiert. Ab dem 3. Jahrhundert setzte sich jedoch zunehmend Latein als Liturgiesprache durch. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Kirchenvater Hieronymus († 420), der in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts eine lateinische Bibelübersetzung schuf, die sogenannte Vulgata. Sie prägte über viele Jahrhunderte das biblische und theologische Denken der westlichen Kirche.
Mit der Missionierung Mittel- und Nordeuropas verbreitete sich Latein weit über den Mittelmeerraum hinaus. Es wurde zur gemeinsamen Sprache von Kirche, Theologie und Bildung. Im europäischen Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit hinein war Latein die wichtigste Sprache der Wissenschaft und der kirchlichen Verwaltung. Viele liturgische Texte, Gebete und Gesänge der westlichen Kirche entstanden daher in lateinischer Sprache.
Bis zur Liturgiereform des 20. Jahrhunderts wurde die Messliturgie und ein großer Teil der sakramentlichen Feiern der römisch-katholischen Kirche grundsätzlich auf Latein gefeiert. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) ermöglichte die Verwendung der jeweiligen Landessprache, damit die Gläubigen die liturgischen Texte leichter verstehen und aktiv mitfeiern können. Heute wird die Eucharistie meist in der Volkssprache gefeiert. Latein bleibt jedoch die offizielle Sprache der römisch-katholischen Kirche: Die maßgeblichen Ausgaben der liturgischen Bücher sowie viele kirchliche Dokumente erscheinen zunächst auf Latein und werden von dort in die verschiedenen Landessprachen übertragen.
Manuel Uder, Trier