»Böhmen, reich an tausend Reizen«, besingt Rainer Maria Rilke 1895 seine Heimat. Der deutschsprachige Dichter war ein Sohn Prags und der melancholischen Aura der Goldenen Stadt verfallen. Erstaunlicherweise wurde der Großteil seines Werkes erst 2014 ins Tschechische übersetzt. Der Grund dafür könnte vielleicht in antideutschen Ressentiments zu suchen sein, die bereits im 15. Jahrhundert aufkeimten und nach den schrecklichen Erfahrungen der Okkupation durch Nazi-Deutschland Teil der staatlichen Ideologie wurden. Millionen Deutschstämmige wurden nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben, egal ob schuldbeladen oder nicht.
Dabei waren gerade Synthesen immer die Stärke Böhmens. Es war Kaiser Karl IV. aus der Dynastie der Luxemburger, der Prag zur europäischen Metropole erhob; und der Baumeister seiner Karlsbrücke, Peter Parler, kam aus Schwäbisch Gmünd. Wer es gerne etwas profaner mag: Ausgerechnet ein Braumeister aus Bayern hat das legendäre Pils erfunden.
Lange Jahre trennte der Eiserne Vorhang in den Köpfen die Deutschen und Tschechen. Dann kam mit der Samtenen Revolution der verspätete politische Frühling an die Moldau. Eine neue Generation entdeckt nun die vielen Gemeinsamkeiten und das verbindende kulturelle Erbe.
Ihr, Euer
Dr. Klaus Hillingmeier
Chefredakteur