Aktuell sind zahlreiche, oft dramatisch eskalierende Gewaltprozesse in allen Teilen der Welt zu beobachten. Diese Entwicklung ist in mehrfacher Hinsicht besorgniserregend, nicht zuletzt mit Blick auf die Versorgungslage der Zivilbevölkerung. Gleichzeitig kürzen Regierungen der westlichen Welt Gelder für Hilfsprogramme oder behindern humanitäre Hilfe; und sie schrecken auch selbst nicht zurück vor der Anwendung offensiver militärischer Gewalt.
Diese Abkehr von den in der Nachkriegszeit eingelebten Normen des Westens kulminierte im Angriff der USA auf Venezuela am 3. Januar 2026 und in ihrer offen ausgesprochenen Rückkehr zur Monroe-Doktrin (National Security Strategy 2025). Bestätigt sich nun endgültig das, was Trumps zweite Amtszeit befürchten ließ? Werden sich die USA fortan als entfesselter Hegemon der westlichen Hemisphäre gerieren, der sich frei von völkerrechtlichen Bindungen wähnt und fremde Länder nach den eigenen Nationalinteressen gefügig zu machen versucht? Der Sturz von Staatschef Maduro folgte jedenfalls dem „Mandate of Leadership“, dem Projekt 2025 der Heritage Foundation (2023, 181), und den Ankündigungen des US‑Präsidenten in seiner von Falschbehauptungen strotzenden Rede vor der UN-Vollversammlung im September 2025. Unabhängig davon, wie kritikwürdig die Herrschaft Maduros in Venezuela war: In diesem US-Angriff manifestiert sich ein militärischer Machtgebrauch, der erhebliche Konsequenzen haben dürfte. Die UN-Charta und das zwischenstaatliche Gewaltverbot scheinen nun vollends obsolet zu sein. Was soll etwa China jetzt noch davon abhalten, Taiwan anzugreifen?
Im Nachgang zur völkerrechtswidrigen Invasion in den Irak, getragen von einer „Koalition der Willigen“ (der Deutschland und Frankreich im Jahr 2003 nicht angehörten!), hatte Jürgen Habermas schon vor über zwei Jahrzehnten konstatiert, dass eine US-Politik, „die das Völkerrecht ignoriert, die Vereinten Nationen an den Rand drängt und den Bruch mit Europa in Kauf nimmt“, den Westen gespalten habe (Habermas 2004, 7). Dass Habermas diesen Bruch der USA mit dem ‚alten Europa‘ und seinen politisch-moralischen Wertmustern so spät ansetzte, mag seinem eurozentrischen Blick geschuldet sein. Wie dem auch sei: Nicht nur das geopolitische Handeln der USA hat in den letzten zwei Jahrzehnten zu erheblichen kognitiven Dissonanzen bei Verfechtern einer regelbasierten Ordnung geführt. Der gesamte Westen – sicherheitspolitisch an die USA gebunden – hat sich moralisch nicht wenig diskreditiert. Dass die BRICS-Staaten sich vom Westen nichts mehr sagen lassen, ist nicht zuletzt auch eine Reaktion auf das normative Messen mit zweierlei Maß, das sich der Westen im Blick auf das Völkerrecht angewöhnt hat.
Auch dem Spitzenpersonal der führenden EU-Staaten gelingt es seit Jahren nicht, eine weitergehende politische Einigung der EU zu erreichen, u. a. in sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen. Stattdessen zwingt der Ukraine- Krieg „die EU zum Festhalten an einem Bündnis mit den USA im Rahmen einer Nato, die durch den angebahnten Regimewechsel ihres wichtigsten und bisher führenden Mitglieds für die Rechtfertigung ihrer militärischen Ukraine- Unterstützung nicht länger glaubhaft die Menschenrechte in Anspruch nehmen kann“ (Habermas 2025, 9).
In seinem Schreiben Laudate Deum vom 4. Oktober 2023 forderte Papst Franziskus, der Schwäche der internationalen Politik durch eine Neugestaltung des Multilateralismus abzuhelfen. Die Welt sei im Begriff, „so multipolar und zugleich so komplex zu werden“ (42), dass „notwendigerweise Räume des Gesprächs, der Konsultation, der Schlichtung, der Konfliktlösung und der Supervision, letztendlich also eine Art größere ‚Demokratisierung‘ auf Weltebene erforderlich“ (43) seien; nicht aber Institutionen, „die die Rechte der Stärksten wahren, ohne sich um die Rechte aller zu kümmern“ (ebd.). Wenn nichts anderes hilft, müsse es ein zivilgesellschaftlicher „Multilateralismus ‚von unten‘“ (38) richten.
Angesichts der jüngsten geopolitischen Entwicklungen ist dieses von Johannes J. Frühbauer und Markus Patenge koordinierte Themenheft von größter Aktualität. Es will zur Bündelung analytischer Perspektiven auf die in Unordnung geratene Welt beitragen. Offen ist dabei, wie angesichts der neuen völkerrechtswidrigen militärischen Gewalt und der bewussten Zerstörung rechtsstaatlicher Institutionen in diesem Jahr die 250 Jahre alte US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die ‚älteste Demokratie der Welt‘ gefeiert werden können und sollen.