David Luke (Hg.): How Africa Eats: Trade, Food Security and Climate Risks, London: LSE Press 2025, 267 S., ISBN 978-1- 911712-34-3
Unter dem Titel „How Afrika Eats“ widmet sich der von David Luke herausgegebene Sammelband der Frage, wie dieser große Kontinent, der oft mit Unterernährung, Nahrungsmittelkrisen und Dürren in Verbindung gebracht wird, heute und zukünftig seinen Kalorienbedarf decken kann. Die Analysen fußen in erster Linie auf ökonomischen Kennzahlen und Methoden, sind aber so aufbereitet, dass sie auch für andere sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Disziplinen fruchtbar sowie für interessierte Laien verständlich sind.
Wie der Untertitel „Trade, Food Security and Climate Risks“ unterstreicht, geht es den Autor:innen des Sammelbands um Nahrungssicherheit vor dem Hintergrund der Handelsströme von Lebensmitteln und Agrarprodukten durch Importe und Exporte innerhalb und außerhalb Afrikas. Ergänzt wird dies durch eine Betrachtung der Risiken, die der fortschreitende Klimawandel für die ohnehin schon unsichere Versorgung darstellt. Diese Problematik des sich wandelnden Klimas ist so grundlegend, dass sie nicht in einem einzelnen separaten Kapitel abgehandelt wird, sondern sich durch sämtliche Kapitel des Buches zieht und damit die betrachteten Aspekte weiter schärft.
Der Aufbau des Bandes leitet die Leser:innen sinnvoll durch das Thema: Nach der Einleitung und einem Überblick in Kapitel 1, legt Kapitel 2 wichtige Grundlagen, indem es Afrikas Lebensmittel-Im- und Exporte unter dem Aspekt der Ernährungssicherheit betrachtet. Komplementär dazu erörtert das dritte Kapitel die wichtigsten Grundnahrungsmittel und Produkte im afrikanischen Speiseplan. Den Einfluss von Investitionen (Kapitel 4) sowie der afrikanischen und internationalen Agrarpolitik und rechtliche Rahmenbedingungen (Kapitel 4, 7 und 9) zeigen die rechtspolitischen Handlungsspielräume auf. Die innerafrikanischen und globalen Handelsströme sind Gegenstand von Kapitel 5 und 6; bilaterale Handelsbeziehungen stehen im Fokus von Kapitel 8. Das 10. Kapitel fasst die Erkenntnisse noch einmal zusammen und ordnet sie ein.
Den Betrachtungen der Autor:innen liegen fünf Faktoren, die miteinander wechselwirken, zugrunde (S. 10): Berücksichtigt werden (1) Bevölkerung und Marktwachstum in Verbindung mit (2) afrikanischer Landwirtschaft und (3) Handel, welche wiederum die (4) Nahrungs(un)sicherheit bedingen. Der (5) Klimawandel wirkt über seinen Einfluss auf die Landwirtschaft zusätzlich auf das Gefüge ein. Aus diesen fünf Faktoren ergibt sich ein Modell, das in Kapitel 2 eingeführt und in den folgenden Kapiteln vertieft wird. Auf den ersten Blick zeigt das Modell ein zuletzt stabilisiertes Agrardefizit trotz einer wachsenden Bevölkerung. Allerdings verdeutlicht es auch eine starke Abhängigkeit von Importen bei stagnierenden Exporten. Eine differenzierte Betrachtung der Importabhängigkeit zur Herstellung von langfristiger Ernährungssicherheit offenbart weitere Risiken: So werden beispielsweise viele verarbeitete Nahrungsmittel und Maschinen für die Landwirtschaft eingeführt (S. 22). Besonders große Agrardefizite bestehen zudem in Ländern mit großer Bevölkerung, die einen Fokus auf Primärgüter legen und in denen die politische Situation fragil bzw. konfliktreich ist.
Acht Nahrungsmittel decken einen großen Teil des afrikanischen Kalorienbedarfs: Yamswurzel, Maniok, Mais, Reis, Weizen, Fleisch, Geflügel und Fisch sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Insbesondere Yamswurzel und Maniok kommt in Afrika eine wesentliche Bedeutung zu – hier ist der Kontinent sowohl größter Produzent als auch wichtigster Abnehmer. Maniok ist nicht nur klimatisch sehr angepasst, sondern es werden auch alle Teile der Pflanze genutzt, teils weiterverarbeitet (zum Beispiel zu Mehl) oder als Viehfutter verwendet. Gleichwohl kann der Kontinent seinen Bedarf selbst an diesen beiden Nahrungsmitteln nicht aus eigener Kraft decken. Eine zentrale Bedeutung hat außerdem Mais: Auf den Kauf dieses Getreides entfallen 30– 50 % der Ausgaben afrikanischer Haushalte mit niedrigem Einkommen (S. 44). Während zudem Reis und Getreide wichtige Energiequellen sind und lokal angebaut werden, kommt Fleisch, Geflügel und Fisch dagegen anteilig eine geringere Rolle zu. Hier liegt der Konsum (mit Ausnahme von Südafrika) deutlich unter dem globalen Durchschnitt (S. 49– 54). Besorgniserregend ist allerdings, dass der aktuelle afrikanische Bedarf aller acht Nahrungsmittel nicht durch eigene Produktion gedeckt werden kann. Zusätzlich ist das Bevölkerungswachstum höher als die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und damit entgegengesetzt zum globalen Trend. (S. 33)
Wenngleich der Sammelband auf Afrika insgesamt schaut, ist eine Binnendifferenzierung zwischen den Ländern notwendig und findet an vielen Stellen auch statt. Die Unterscheidung nach Regionen zeigt deutliche Unterschiede bei Produktion und Konsum wie auch den Handelsströmen und den Klimarisiken. Über die verschiedenen Aspekte des Handels zeigen sich wenige Muster; eines aber wiederholt sich: Ostafrika bleibt in fast allen Belangen die schwächste Region mit den schwierigsten Aussichten und größten Risiken. Nimmt man den Klimawandel als Variable hinzu, wird deutlich, dass afrikanische Küstenregionen und hier insbesondere nordafrikanische Staaten den Folgen des Klimawandels (steigender Meeresspiegel, Versalzung des Grundwassers) besonders unterliegen (S. 55). Dies ist nicht zuletzt deswegen problematisch, weil Länder wie Marokko überproportional zur afrikanischen Lebensmittelproduktion beitragen.
Die Liste von Risiken, denen Afrika infolge des Klimawandels ausgesetzt ist, ist lang. Neben den Veränderungen von Wetter und Boden – seit Langem ist bekannt, dass in Afrika die Oberflächentemperatur stärker steigt als in anderen Teilen der Erde – ist Afrika durch die Importabhängigkeit besonders gefährdet: Angepasste Sorten, Düngemittel, gegebenenfalls neue Maschinen und Fachwissen müssen zu hohen Kosten eingeführt werden. Auch kann der Wettbewerb um immer weniger ertragreiche Böden zusätzliche Verteilungskonflikte schüren – traditionell nomadische Völker und Viehherden tragen hier ein besonderes Risiko.
Die Tatsache, dass Kleinbauern weiterhin den Großteil der in Afrika tätigen Agrarproduzenten ausmachen (S. 91) und oft selbst an der Armutsgrenze leben, macht die Produktion insgesamt extrem volatil sowie schwer mess- und steuerbar. Dennoch birgt die Dezentralisierung auch Chancen, wenn sie durch Investitionen gestärkt werden kann. Innovativen Finanzinstrumenten kann daher eine zentrale Rolle zukommen (S. 78). Die damit verbundene Hoffnung, von Importen und Ertragsschwankungen unabhängiger zu werden, scheint umso relevanter angesichts der geopolitischen Interessenten wichtiger Handelspartner. Während traditionell Getreide aus – aktuell eher instabilen Ländern wie – Russland und der Ukraine eingeführt wird, treten mit China und zunehmend auch Brasilien Handelspartner auf, die handfeste ökonomische und geopolitische Interessen verfolgen (S. 202–204). Umso bedauerlicher ist, dass internationale Verträge wie das afrikanische Freihandelsabkommen AfCFTA (Kapitel 7) oder auch die Verträge der WTO (S. 214) in Bezug auf die Agrarwirtschaft und Ernährungssicherheit Afrikas blinde Flecken aufweisen.
„How Africa Eats“ zeichnet insgesamt das komplexe Bild eines Kontinents, dessen Schwierigkeiten, die eigene Bevölkerung zu ernähren, differenziert beschreibbar, aber intern kaum und erst recht nicht auf einem einzelnen Weg lösbar sind. Der Band nennt bei aller Komplexität des Themas dennoch einige Auswege, die beschritten werden könnten: Wirtschaftswachstum und Einkommenssteigerungen in der Breite, Schaffung von Mehrwert für die globale Wertschöpfungskette, mehr politische Maßnahmen, diversifizierte Finanzierung, Investitionen, geteiltes Wissen und Institutionen sowie die Anpassung an und Eindämmung von Klimarisiken (S. 254).
Resümierend lässt sich festhalten, dass die umfassenden und differenzierenden Analysen in „How Africa Eats“ das Problem der Nahrungssicherheit Afrikas nachvollziehbar und kenntnisreich aufbereiten. Der Blick ist dabei nie entwicklungspolitisch und bleibt ethisch neutral. Dass zu einigen Bereichen keine Zahlen vorliegen, wie die Autor:innen hervorheben, zeigt gleichwohl, dass der Kontinent auch auf der wirtschaftlichen Landkarte bisher blass bleibt. Dass sich dies ändern muss, weil Nahrungsmittel eben auch zentrale ökonomische Güter sind, machen die Kapitel dieses Sammelbandes deutlich.
Verena Risse, Dortmund