In seinem am 28. Juni 2025 in London uraufgeführten Stück Don’t leave me behind zeichnet der britische Komponist Alex Paxton ein eindrucksvolles musikalisches Bild der Gesellschaften der Gegenwart. Es ist eine ständig in Stil, Tonalität, Tempo, Takt, Laustärke, Rhythmik wechselnde Musik, die manchmal größte Lebendigkeit, manchmal fast meditative Ruhe, manchmal dynamische Melodik und manchmal wildes Durcheinander aneinanderreiht. In der Werknotiz, die der Komponist seiner Partitur voranstellt, schreibt er: „Der Titel Don’t leave me behind stammt aus dem Songtext am Ende des Stücks. Ich liebe die Vielschichtigkeit und Assoziationskraft dieses Satzes – er ruft Geschichten und emotionale Zustände hervor. Er kann ganz alltägliche Situationen beschreiben: etwa wenn ein Bus nicht hält oder man das Kind nicht mit zum Einkaufen nimmt, weil es ohne schneller geht. Zugleich kann er aber auch auf epische Reisen zwischen Leben und Tod verweisen, auf die Mechanismen von Bildungseinrichtungen oder den Umgang mit den verletzlichsten Menschen in unserer Gesellschaft.“ Beim Komponieren versuche er, „ein akustisches Orchesterensemble zu erschaffen, das nicht nur als riesiger biologischer Organismus aus außergewöhnlichen Musiker:innen funktioniert, sondern auch als ein hörendes und reagierendes Wesen. Es nimmt die unterschiedlichsten Musikformen unserer Gesellschaft wahr […].“ Der titelgebende Satz Don’t leave me behind wird, von der Stimme des Komponisten gesungen, elektronisch in das Stück hineingesampelt. Der – durchaus nicht schöne, fragil eine sehr einfache Melodie aus fünf Tönen unbeholfen hervorbringende – Gesang wird bei den Aufführungen des Stücks zuerst von den Musiker:innen des Ensembles, dann – für ein klassisches Konzertpublikum zeitgenössischer Musik völlig ungewöhnlich – nach und nach vom Publikum übernommen, bevor das Stück mit einem langen Ton endet.
Dieses für das Ensemble Modern komponierte Musikstück bringt etwas zum Ausdruck, das dem grundlegenden Gedanken des Prinzips der Solidarität entspricht, jenem Grundgedanken der Solidarität, wie sie von den Solidaristen des 20. Jahrhunderts um Oswald von Nell-Breuning SJ in das sozialkatholische Denken, aus der französischen Soziologie in die katholische Sozialtradition importiert wurde. Menschen sind umso mehr reziprok aufeinander angewiesen, je weiter fortgeschritten die funktionale Differenzierung und vor allem die Arbeitsteilung ist. Menschen in modernen Gesellschaften bilden „ein ganz neues System von Rechten und Pflichten, das sie untereinander dauerhaft bindet“ (Émile Durkheim, Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt am Main 1988, 477). Denn „sobald wir begonnen haben, zusammenzuarbeiten, sind wir gebunden, und die Regelwirkung der Gesellschaft spannt uns ein“ (ebd. 273).
Außerhalb des solidaristischen Denkens der katholischen Tradition hat Solidarität im öffentlichen Sprachgebrauch und in der politischen Rhetorik heute meist einen „warmen“ Bedeutungsgehalt, impliziert also Nähe, Gemeinschaft, Zuwendung, Mitgefühl. Angesichts des Siegeszuges des „semantischen Wärmestroms der Solidarität gerät in Vergessenheit, dass dieser Begriff schon von seiner Etymologie und seinen Ursprüngen in der römischen Rechtstradition her nichts mit emphatischen Verbundenheitsgefühlen, moralischen Tugenden und sozialen Nähe-Erfahrungen zu tun hat“, sondern eine „denkbar ‚kalte‘ Grundierung“ aufweist (Große Kracht, Solidarität und Solidarismus, 10). Auch in Alex Paxtons Komposition scheint es zunächst keine Verbindung zwischen den verschiedenen auseinanderstrebenden Bewegungen des Stückes zu geben. Bis durch den sich aus dem Durcheinander entwickelnden verbindenden, sehr schlichten Gesang auf verblüffende Weise deutlich und plausibel wird, wie alles und alle miteinander zusammenhängen. Oswald von Nell-Breunings berühmte Formel „Gemeinverstrickung – Gemeinhaftung“ ist buchstäblich Klang geworden.
Im vorliegenden Heft knüpfen einige der Autor:innen an die ‚kalte‘ Solidaritätssemantik der katholischen Sozialtradition an, andere bringen ganz andere Gedanken ins Spiel, wieder andere kombinieren verschiedene Aspekte und Konzepte der Solidarität; es geht dabei um wohlfahrtspolitische, gesellschaftliche, europäische und globale Solidarität – dabei aber immer und bei aller Vielschichtigkeit und Unübersichtlichkeit der Problemlagen um den einen Imperativ: Don’t leave me behind!