Titelseite Amosinternational 4/2025

Heft 4/2025Stabile, fragile Solidaritäten

Inhalt
1. Auflage 2025
Bestellnummer: Z940004

Solidarität kann gestaltet werden, ist aber ebenfalls politisch umkämpft. So ist sie als gleichzeitig "stabil" und "fragil" zu bezeichnen. In dieser Spannung bewegen sich die Beiträge des Heftes, die das Thema aus sozialethischer, gewerkschaftlicher, soziologischer und internationaler Perspektive beleuchten.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 5

    Auf dem Weg zu einem republikanischen Solidarismus?Solidarität und Demokratie jenseits des liberalen Politikparadigmas

    Der Beitrag wirft die Frage auf, ob das ‚liberale Politikparadigma‘ angesichts der vielfachen Krisen der Gegenwart historisch und normativ an sein Ende gekommen ist und ob es nicht durch das Konzept eines ‚republikanischen Solidarismus‘ ersetzt werden sollte. Er skizziert zunächst drei ‚postliberale‘ Herausforderungen an das Gesellschaftsideal des klassischen Liberalismus (fremdbestimmte Lohnarbeit, unüberschaubare Märkte und moderne Wohlfahrtsstaatlichkeit). Anschließend erinnert er an die Aufbrüche der französischen Solidaritätssoziologie (Comte, Durkheim) und die politische Theorie des französischen solidarisme (Gide, Bourgeois), die Ansätze zu einem postliberalen Politikparadigma liefern, das freiheitlich, modern und demokratisch ist und angesichts der ‚Krise der liberalen Demokratie‘ neue Perspektiven eröffnen kann.

  • Plus S. 13

    Gewerkschaften - Selbstverteidigung im liberalen Skript oder solidatischer Ordnungsfaktor

    Gewerkschaften halfen auch ordnungspolitisch über Jahrzehnte mit, die Demokratie in Deutschland stabil zu halten. Der Beitrag geht den Fragen nach, was die Gewerkschaften in Deutschland ausmachte und welches Solidaritätsverständnis sie normativ orientierte; er untersucht dabei auch, was an der korporativen Demokratie, in der die Gewerkschaften eine wichtige Rolle spielten, womöglich besser war, als es das liberale Skript vermuten lässt. Die Rolle von Community Organizing wird abschließend thematisiert, um Entwicklungsprozesse aufzuzeigen. Auch gewerkschaftlich ist Organizing zu einer wichtigen Strategie geworden. Steht diese Strategie für den Rückbau der Gewerkschaften vom gesamtgesellschaftlich wirksamen Ordnungsfaktor zu „Gallischen Dörfern“ oder kann sie dabei helfen, klassentheoretisches Bewusstsein wiederzuerlangen und die Einsicht in strukturelle Solidarität zu revitalisieren?

  • Plus S. 22

    Engagierte und Communities als Lückenbüßer in Zeiten fragiler sozialstaatlicher Solidarität

    Flüchtlingshilfe, Tafeln, Pflegeehrenamt, Freiwillige Feuerwehr, Nachbarschaftshilfe oder Freiwilligendienste: Unbezahlte Arbeit hat viele Gesichter, ist gern gesehen und findet nicht nur im Privathaushalt statt. Die gesellschaftliche Alterung, der Wandel der Geschlechterverhältnisse und der Umbau des Sozialstaats haben Sorgelücken entstehen lassen, die zunehmend von Freiwilligen und Engagierten geschlossen werden. Forciert durch die Krise des Neoliberalismus ist eine Konfiguration entstanden, die als Community-Kapitalismus bezeichnet werden kann: Soziale Aufgaben werden an die Zivilgesellschaft delegiert und mit einer neuen Gemeinschaftsrhetorik und -politik verknüpft. Doch so schön die Rhetorik von Gemeinwohl, Gemeinsinn, Hilfe und Freiwilligkeit auf den ersten Blick klingt: diese Delegation sozialer Aufgaben an die Zivilgesellschaft birgt Kehrseiten und Probleme, denen der Beitrag nachgeht.

  • Plus S. 32

    Wohlfahrtsstaatliche Solidarität

    Wohlfahrtsstaatliche Solidarität ist ein komplexes Phänomen, das aus unterschiedlichen Umverteilungsmechanismen besteht, die jeweils einer eigenen funktionalen und normativen Logik folgen. Der Beitrag versucht zunächst, Solidarität und besonders wohlfahrtsstaatliche Solidarität begrifflich genauer zu klären und auszudifferenzieren. Für die im deutschen Wohlfahrtsstaat zentralen Sozialversicherungen werden die drei grundlegenden Ausgleichsformen (Schadens-, Risiko- und sozialer Ausgleich) erläutert. Schließlich wird die Frage nach dem Wandel wohlfahrtsstaatlicher Solidarität untersucht. Dabei wird deutlich, dass die verbreitete Wahrnehmung einer Entsolidarisierung zu kurz greift. Dagegen wird die These eines strukturellen Wandels wohlfahrtsstaatlicher Solidarität begründet, nämlich eines Ausbaus des sozialen Ausgleichs bei gleichzeitigem Rückbau des Risikoausgleichs.

  • Plus S. 39

    Europäische Solidarität - überall und nirgends?

    Solidarität ist im politischen Diskurs der EU allgegenwärtig – insbesondere in Krisen wie der Eurokrise, der COVID-19-Pandemie oder angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Der Beitrag argumentiert, dass diese häufige Berufung auf Solidarität zu einer begrifflichen Entleerung und politischen Entwertung geführt hat. Solidarität wird beschworen, aber selten konkret umgesetzt. Mit Verweis auf die vergangenen Krisen wird verdeutlicht, wie Solidarität ihre Wirkung verliert, wenn sie nicht klar definiert und institutionell verankert ist. Um dem entgegenzuwirken, braucht es nicht nur neue Praktiken, sondern auch eine bewusstere Kommunikationsstrategie, die auch ein strategisches Schweigen umfasst, um den Begriff wieder zu schärfen und die Öffentlichkeit für Solidarität zu sensibilisieren.

  • Plus S. 45

    "Eine patriarchale Weltordnung zerstört die Natur, zerstört Körper und eignet sich Länder an - diese Logik gilt es zu durchbrechenEntwicklungszusammenarbeit als Form internationales Solidarität

    Seitdem sie existiert steht die Entwicklungszusammenarbeit in der Kritik. Aktuell gerät sie durch wieder aufkommendes nationales Denken unter Legitimierungszwang. Dabei hat sie ein enormes Potenzial, eine globale Solidarität zwischen Mensch und Natur zu fördern. Amosinternational hat mit Sandra Lassak von Misereor über die Herausforderungen ihrer Arbeit gesprochen. Im Gespräch beschreibt sie, wie eine Entwicklungszusammenarbeit aussehen kann, die ihre Partner im Globalen Süden ernstnimmt, auf welche Weise Allianzen und Netzwerke eine internationale Solidarität fördern und welche Hoffnungen sie für eine Zukunft hat, in der es ein gutes Leben für alle Menschen weltweit gibt.

Arts & ethics

  • Gratis S. 28

    "Tod und Auferstehung"

    "Tod und Auferstehung"

    Lilian Moreno Sánchez, „Tod und Auferstehung“, Fenster in St. Bernward in Ilsede, 2018–19

Dokumentation

  • Plus S. 50

    Prof. Dr. Markus Kiefer anlässlich der Verleihung des Wilhelm-Weber-Preises

    Wir dokumentieren nachstehend die Rede von Prof. Dr. Markus Kiefer anläßlich der Preisverleihung 2024 an Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der deutschen Arbeitgeberverbände. Der Sohn des Stiftungsgründers geht hier auf die Motive der Gründung des Preises ein. Prof. Dr. Markus Kiefer war in der Zeit von 2015–2020 Vorsitzender des Kuratoriums zur Vergabe des Wilhelm-Weber-Preises.

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