Im Auftrag des Bistums Hildesheim fertigte Lilian Moreno Sánchez für den „Aschermittwoch der Künstler“ 2013 einen zwölfteiligen Zyklus von großformatigen Zeichnungen mit Kohle und Pastell auf Papier an. Die überlebensgroßen Hochformate zeigen kalligrafisch wirkende Konturen von Knochen, deren Strukturen einmal stärker und einmal schwächer ausfallen. An den Bildrändern verlaufen die schwungvoll gezeichneten Linien ins Nichts oder kommen aus dem Nichts und verdichten sich in der Bildmitte. Die Knochendiagramme sind von Röntgenbildern abgeleitet, die Frakturen und Verletzungen zeigen. Die Röntgenbilder stammen von einem Arzt, der eine Sammlung von Knochenbrüchen angelegt hat, die durch Krieg, Gewalt und Folter verursacht wurden. Die Künstlerin hat diese Verletzungen ästhetisiert und zeichnerisch in Szene gesetzt, um an die Vergänglichkeit alles Körperlichen zu erinnern, aber auch gleichzeitig den geistigen Wert jedes Lebewesens hervorzuheben. Mit ihren Bildern will sie der geschundenen Menschen gedenken und ihr Leid damit erträglicher machen. Mit „Tengo Sed“ zitiert sie eines der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz und stellt damit den Bezug zur körperlichen Passion Christi her. Gleichzeitig eröffnet sie damit die Reflexion über eine transzendente Dimension, die über das Vergängliche hinausreicht und neue Räume des Seelischen andeutet.
Lilian Moreno Sánchez
ist 1968 im chilenischen Buin geboren, studierte bis 1993 Bildende Kunst an der Universidad de Chile und war dort bis 1995 in der Kunstlehre sowie bei mehreren kulturpolitischen Projekten als Leiterin aktiv. 1996 kam sie nach Deutschland und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste in München freie Kunst bei Prof. Gerd Winner. 1999 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin bei Prof. Winner ab und absolvierte 2000 einen Studienaufenthalt an der Scuola Internationale di Grafica in Venedig. Seit 1993 ist Lilian Moreno Sánchez mit Einzelausstellungen in Chile sowie in Deutschland präsent: Durch Ausstellungen wie „Tengo sed – mich dürstet“ im Römer-Pelizaeus-Museum Hildesheim 2013 oder „LEMA“ im Dominikanerkloster Braunschweig wurde sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt, die Interesse an Statements zeitgenössischer christlicher Kunst hat. Die Künstlerin, die seit rund 30 Jahren in Augsburg lebt, fühlt sich nach wie vor als Botschafterin Chiles und arbeitet in ihren Kunstwerken die politischen Krisen dieses Landes von der Militärdiktatur eines Pinochet bis hin zu aktuellen Gesellschaftsprotesten auf. Sie konzentriert sich hierbei auf die Einzelschicksale der betroffenen Menschen, der Opfer und Angehörigen, und setzt ihre Leiden sowie ihre Hoffnungen in den christlichen Kontext von Passion und Gedenken.
http://morenosanchez.com/