Burger, Jonatan: Rechtspopulismus als Herausforderung christlicher Sozialethik. Problemanalysen und Handlungsperspektiven (Freiburger theologische Studien, Bd. 200), Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2024, 748 S., ISBN 978-3-451-39839-1
Die Freiburger Dissertation von Jonatan Burger ist ein bemerkenswertes Buch zwischen Analyse und Anwendung. Der Autor bringt als Dekanatsreferent in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und als Referent der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen ganz unterschiedliche Zugänge zu seinem Untersuchungsgegenstand mit. Seine Publikation behandelt mit dem – spätestens seit der „Erklärung der deutschen Bischöfe zum völkischen Nationalismus“ vom Februar 2024 – präsenten, zeitaktuellen Thema „Christentum und Rechtspopulismus“ eines der drängendsten Handlungsfelder kirchlicher Praxis. Burger beschreibt es in diesem Sinn als „sozialethische Herausforderung“ (S. 19). Seine Studie folgt der Grundthese: Die christliche Sozialethik muss die Erfolgsbedingungen des Rechtspopulismus über eine politikwissenschaftliche Beschreibung des Phänomens hinaus betrachten und sich mit dessen Bedrohungspotenzial für die liberale Demokratie beschäftigen. Hervorgehoben zu beachten sei das Verhältnis des Rechtspopulismus zum Rechtsextremismus, wobei der „Alternative für Deutschland“ als parteipolitischer Form dieser Bewegungen besondere Bedeutung zukomme. Ferner sollen auf diese Untersuchungen aufbauend Handlungsperspektiven „für die Gesellschaft insgesamt und für die katholische Kirche im Besonderen“ (S. 21) dargelegt werden, die nicht den Anspruch einer umfassenden Lösungsstrategie erheben, sondern „in der alltäglichen Auseinandersetzung vor Ort mitbedacht werden“ (S. 27) sollen.
Um diese Aufgabe anzugehen, durchkämmt Burger das mittlerweile unübersichtliche Panorama derjenigen Literatur, die sich dem Erfolg populistischer Parteien, Bewegungen und Argumentationsmuster widmet. Er begegnet seinem Vorhaben dabei mit klug gesetzten Fokuspunkten (schöne Bildsprache: „‚Scheinwerfer‘ ins Dickicht“, S. 23) in Anlehnung an den berühmten Cardijn’schen-Dreischritt: Nach einem kenntnisreichen „Grundlagen“-Teil (Kapitel I, „Sehen“) folgt ein theoriegesättigter Teil zu „Geistes- und sozialwissenschaftlichen Deutungen und christlich-sozialethischen Perspektiven“ (Kapitel II, „Urteilen“), welcher schließlich in die „Schlussfolgerungen“ (Kapitel III, „Handeln“) mündet. Die ersten beiden Kapitel bieten präzise politikwissenschaftliche, zeit- und begriffsgeschichtliche Verortungen sowohl zentraler Begriffe als auch Theoriekonzepte, etwa der Polarisierungsthese bei Chantal Mouffe, dem Begriff des Volkes bei Papst Franziskus oder der Auseinandersetzung mit ökonomischen und kulturellen Krisenerzählungen des Rechtspopulismus wie Globalisierung, Migration oder Wohlfahrtstaatlichkeit. Populismus markiert in diesem Zusammenhang eine neue Spielart des Politischen in (westlichen) Demokratien, die Strategie statt Inhalt darstellt und auch nicht auf gewisse stilbildende Elemente reduziert werden sollte. Burger diskutiert den Begriff weiterhin im Kontext verwandter Begriffe wie „Rechtsextremismus“, „Rechtsradikalismus“, „Neue Rechte“ und auch in Abgrenzung zum Begriff des „Linkspopulismus“ sowie in kritischer Rezeption der sogenannten „Extremismustheorie“. Die AfD wird als Partei mit populistischen und rechtsextremen Neigungen untersucht, auf ihr Verhältnis zur NS-Ideologie und ihre Beobachtung durch den Verfassungsschutz geprüft und vorsichtig als „rechtspopulistische Partei mit rechtsextremen Tendenzen“ (S. 260) charakterisiert – in der Kapitelüberschrift ist die Formulierung allerdings noch mit einem Fragezeichen versehen. Die politischen Phänomene Rechtsextremismus und Rechtspopulismus werden nicht nur als in prinzipiellem Konflikt mit den ethischen Grundsätzen der christlichen Sozialethik gezeigt, sondern auch der Erfolg des Rechtspopulismus über ein Konglomerat von Krisen- und Defizitphänomenen erklärt – was konstruktive Reaktionen auf dieses Analyseergebnis herausfordernd gestaltet, aber das förderliche Element der christlichen Hoffnung gegen geschichtspessimistische Konjunkturen und Zukunftsangst ins Spiel bringt.
Das alles ist als Darstellung bereits erhellend, bildet in Burgers Studie zugleich aber die Fundierung für das folgende Handlungskapitel. Denn nach der Problemanalyse verspricht Burger Handlungsoptionen. Und liefert diese im Schlusskapitel wieder in dreierlei Perspektive: säkulare Handlungsoptionen, Handlungsoptionen nach innen gegenüber dem Rechtspopulismus als Herausforderung für die katholische Kirche und Handlungsoptionen nach außen zur Eindämmung des Rechtspopulismus in der Gesellschaft. Neben einer politischen Ausgrenzung von Sympathisantinnen und Sympathisanten rechtspopulistischer Argumentationsmuster sei eine differenzierte inhaltliche Konfrontation rechtspopulistischen Denkens von Nöten. Kirche solle sich ferner in eine Anwaltschaft für Marginalisierte begeben und dabei auch kritisch eigenes Handeln bedenken, ohne Moral als eine der letzten Performancegewinne in der säkularisierten Welt ideologisch zu funktionalisieren und das vielbemühte Wort vom „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ als Einhegung realer gesellschaftlicher Konflikte misszuverstehen. Als schlagendes Argument erscheint in diesem Zusammenhang die Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements zur „Rechtspopulismusprävention“ (S. 662) – etwa durch Angebote politischer Bildung. Letztlich müsse neben der Aktivierung der offiziellen Kirche auch ein „öffentlicher Katholizismus“ im Sinn einer subsidiär wirkenden, sich für die Demokratie engagierenden katholischen Zivilgesellschaft angeregt werden. Kirche solle nicht selbst Politik treiben, aber durch Schaffung politischen Bewusstseins der in den eigenen Strukturen aktiven Katholik:innen sowie in der Bereitstellung von politischen Rahmenbedingungen Politik möglich machen.
Summa summarum: Jonatan Burgers kenntnis- wie umfangreiche Studie ist ein beachtenswerter Wissensspeicher, der zum Handeln anregen kann. Hervorzuheben ist dabei die gewinnbringende Zusammenführung politikwissenschaftlicher und zeitgeschichtlicher Erklärungsansätze in Verbindung mit einer sozialethischen und theologischen Reflexion des Materials. Ein Register hätte den Handbuchcharakter des Buches zwar noch verstärkt, aber wegen seiner klaren Gliederung, breiten wie präzisen Klärung entscheidender Begriffe, ausführlichen Diskussion zahlreicher Deutungsansätze über den Erfolg des Rechtspopulismus und einem anregenden Anwendungsteil über kirchliche wie auch gesellschaftliche Handlungsoptionen gegen den Rechtspopulismus lässt sich die Studie trotzdem ganz wunderbar komplett oder auch selektiv lesen. Insgesamt ist das Buch deshalb nicht nur für Interessierte an Fragen christlicher Sozialethik interessant, sodass ihm weite Verbreitung sowohl in der akademischen Wissenschaft als auch in der politischen Bildung zu wünschen ist. Allen, die nach Anregungen für den Umgang mit der Herausforderung des Rechtspopulismus in Kirche und Gesellschaft suchen und ebenso allen, die sich mit dem Thema Rechtspopulismus analytisch beschäftigen wollen oder müssen, sei Burgers Studie als „Vademekum“ empfohlen – an dieser Stelle mag die Information hilfreich sein, dass es auch eine Ausgabe als E-Book gibt.