Zehn Jahre sind gemeinhin noch kein bedeutendes Jubiläum, aber in jedem Fall ist es eine gute Gelegenheit, innezuhalten und zurückzuschauen und ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Das geschieht mit Blick auf die vor zehn Jahren von Papst Franziskus veröffentlichte Enzyklika Laudato Si’ – immerhin seine erste Enzyklika nach dem eher kursorischen Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium von 2013 noch im ersten Jahr seines Pontifikats – in diesem Heft in verschiedenen Beiträgen und unter unterschiedlichen Perspektiven.
Inzwischen, nach dem Tod von Papst Franziskus am Ostermontag 2025 und mit dem Pontifikatsbeginn seines Nachfolger Papst Leo XIV. wenige Wochen später – mit der programmatischen Wahl seines Namens in deutlichem Bezug zu Papst Leo XIII. und seiner Sozialverkündigung – ist klar, dass mit Papst Franziskus ein neues Kapitel in der so genannten römischen, also päpstlichen Soziallehre aufgeschlagen wurde. Es ist vom Thema und von der Methodik her neu. Von der Methodik her erhebt das päpstliche Lehramt auf dem Feld der konkreten Ethik, wie Bernhard Emunds zu Recht und deutlich unterstreicht, nicht den Anspruch, unveräußerliche und ewig feststehende Wahrheiten metaphysischer oder grundsätzlich anthropologischer Art zu formulieren, quasi in Stein oder in Naturrecht gemeißelt. Vielmehr begibt sich diese Art katholischer autoritativer Soziallehre in einen Dialog mit den Humanwissenschaften, in diesem Fall im Feld der Klimakrise und der Klimapolitik. Sie tut dies, um nicht allgemeine Grundsätze der katholischen Ethik und Anthropologie einfach auf konkrete Problemlagen anzuwenden, sondern in konkreten Problemlagen auf bestimmte Kontexte einer vorausgehenden Anthropologie der Würde des Menschen und der nachhaltigen Gerechtigkeit aufmerksam zu machen. Dies geschieht im Anschluss an schon zuvor und im Pontifikat Johannes Paul II. und Benedikt XVI. deutlich konturierte Aspekte der Nachhaltigkeit – ein Prinzip, das in den letzten zwanzig Jahren in die erste Reihe der katholischen Sozialprinzipien von Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl aufsteigen konnte.
Insbesondere der klassische Begriff des Gemeinwohls zeigte sich als anschlussfähig und geeignet, einen breiteren Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Sinn der Generationengerechtigkeit zur Entfaltung zu bringen. Es mutet fast kurios an, dass der Blick auf die nachfolgenden und noch ungeborenen Menschen und Generationen bisher im Feld der päpstlichen Soziallehre eher ein Schattendasein fristeten, obschon es Ansätze zu dieser erweiterten Sichtweise auch schon bei Papst Paul VI. und seiner Enzyklika Populorum progressio von 1967 gab. Erst aber die Klimakrise und verschärfte neue Ansätze einer globalen Klimapolitik führten die Notwendigkeit eines neuen sozialethischen Paradigmas in der katholischen Soziallehre und der päpstlichen Sozialverkündigung vor Augen.
Ein Dialog auf Augenhöhe und die Bereitschaft zur Bescheidenheit im interdisziplinären Dialog ist dabei von der katholischen Soziallehre erwartet und gefordert. Und nicht weniger wichtig und über diese Beobachtungen zur neuen Methodik hinausgehend: Verbunden mit diesem durchaus neuen Dialog der theologischen Ethik römischer Provenienz sind auch neue Problemfelder inhaltlicher Art: des Feminismus, der Demokratie, der Finanzpolitik, der globalen Regierungskunst, um nur einige zu nennen, die in den Beiträgen dieses Heftes angesprochen werden.
Manches Mal könnte der in römischem Denken geschulte und daran gewohnte Mensch geneigt sein, nur noch sehr geringe Anknüpfungspunkte an das Proprium und die genuine Spezifität christlicher Ethik und katholischen Lehramts zu finden. Dann sei ein Blick auf das zu Unrecht manchmal zu früh und zu hastig verabschiedete katholische Naturrecht empfohlen: Dahinter steht ja ganz unverdächtig und ausdrücklich die Überzeugung, alle menschlichen Probleme seien aus sich heraus theologische Probleme, weil es im christlichen Glauben niemals einfach um spezielle, sondern immer um grundsätzliche Fragen des Menschseins angesichts der staunenswerten Menschwerdung Gottes geht. Und eben so steht hinter der Rede vom Naturrecht die leitende Überzeugung, Menschen unterschiedlicher Säkularität oder Religiosität kämen überein in der engagierten Ausübung ihres Gewissens, von Natur aus, nicht von Offenbarung aus. Insofern hat Laudato Si’ tatsächlich ein notwendiges neues Kapitel der katholischen Soziallehre eröffnet. Alle Beiträge dieses Heftes wollen dies in unterschiedlichen Facetten beleuchten und illustrieren. Und man darf gespannt sein, welche neuen Unterkapitel in weiteren zehn Jahren dazu zu finden sein werden!