„Hauptsache gesund!“ – Was auch immer bei Verabschiedungen, Geburtstagen oder Jubiläen an guten Wünschen mit auf den Weg gegeben wird, eines darf nie fehlen: „Bleiben Sie gesund!“ Ein Megathema, wie selbsternannte Gesundheitscoachs auf Sozialen Medien sowie die Bücherflut an Ratgebern, an Gesundheitsmagazinen in Radio und Fernsehen belegen; das Interesse an Arztserien scheint ungebrochen, nicht minder an der Apotheken Umschau, seit über 20 Jahren das reichweitenstärkste Print-Medium mit rd. 20 Millionen Lesern im Monat. In der alternden deutschen Gesellschaft ist die Gesundheitswirtschaft mit einer Wertschöpfung von 490,2 Milliarden Euro (2024) ein riesiger Wachstumsmarkt. Darauf spielte der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch an, wenn er etwas bitter eine deutsche Schriftstellerin zitiert: „den europäischen Literaturen blieben heute nur zwei große Themen: Alzheimer und Krebs. Alles andere sei quasi überwunden, Komfort und Sicherheit sind grenzenlos, Tragödien und Leiden wird es nicht mehr geben.“ – Das war noch vor Beginn des russischen Angriffskriegs und vor Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie, die allen Gesellschaften, auch den wohlhabenden, eindrücklich zum Bewusstsein brachte, wie gefährdet das „Menschenrecht auf Gesundheit“ (WHO) ist, erst recht, wenn man es auf der UN-Agenda der Nachhaltigkeitsziele wiederfindet, gleich nach Armutsbekämpfung und Beendigung von Hunger.
Da klingt es recht utopisch, „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern“, wenn ein amerikanischer Potentat gerade die Hilfen für USAID aussetzt und in Khartum, Sudan, eines der letzten funktionierenden Krankenhäuser schließen muss. „Armut ist eine der wichtigsten Ursachen für Herstellung und Verkauf gefälschter Medikamente“ (WHO) – mit verheerenden Folgen bei der Bekämpfung lebensgefährlicher Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder Aids. Andreas Lob-Hüdepohl verweist in seinem Beitrag auf den menschenrechtlichen Anspruch auf Gesundheit und fordert einen „universalistischen Zugang zur (menschlichen) Gesundheit, den Planetary Health markiert“ – „für alle und alles, weltweit und über alle Grenzen von Generationen hinweg“. Und doch gibt es „gesundheitliche Ungleichheiten“, die ungerecht sind, schreibt der Arzt und Ethiker Johannes Ulrich, und entwickelt Perspektiven für die „Entwicklung konkreter Gesundheitsprogramme (health policies)“. Davon würden auch hierzulande Menschen profitieren, die „aus rechtlichen oder praktischen Gründen keinen Versicherungsschutz haben“ und „von der regulären Gesundheitsversorgung ausgeschlossen sind“, wie Franziska Max darlegt. Das beschäftigt auch die aktuelle Debatte der Krankenhausreform. Markus Zimmermann plädiert in diesem Zusammenhang für eine „flächendeckende medizinische Grundversorgung durch Schaffung von sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen“.
Es stimmt: Gesundheit ist ein Megathema, das uns nicht nur auf nationaler Ebene beschäftigen darf. „Gesundheit ist ein primäres Gut, wie Brot, wie Wasser, wie Wohnung, wie Arbeit“, und es sei beschämend, so Papst Franziskus, dass viele Menschen auf der Welt keine Gesundheitsversorgung haben. Weltweit sind daher auch die Ordenskrankenhäuser und kirchlichen Gesundheitsdienste gefragt, „sich um diejenigen zu kümmern, die von der Gesundheitswirtschaft und einer bestimmten zeitgenössischen Kultur ausrangiert werden“, so der Papst in einer Rede vor Vertretern des Religiösen Verbandes der Sozial- und Gesundheitseinrichtungen (ARIS) im April 2023. Wenn Gesundheit nicht nur ein Privileg der Reichen ist, abhängig von sozioökonomischen Faktoren, insbesondere des Einkommens und der Bildung, dann ist die Weltgemeinschaft herausgefordert, „Gesundheitsfürsorge als Teil einer ‚sozialen Infrastruktur‘ zu konstituieren, die Gesundheit als ein öffentliches Gut begreift, das allen verfügbar sein muss“ (medico international).
Keine Frage, dass alles getan werden muss, um Leiden zu verringern und Krankheiten zu heilen. Und doch bleibt es die vielleicht wichtigste menschliche Herausforderung, mit körperlicher und mentaler Beeinträchtigung zu leben, die Erfahrung der eigenen Kontingenz zu akzeptieren, erst recht im Angesicht des Todes – und an ihr zu reifen. „Hauptsache gesund?“ Das Fragen und das Nachdenken fängt oft erst an, wenn es nicht mehr gut geht, wenn es nicht mehr rund läuft und am Horizont die Gewissheit aufscheint, dass das Leben endlich ist. Das fordert letztendlich zu jener „existenziellen Ernsthaftigkeit“ (Wilhelm Schmid) heraus, sich mit der eigenen Lebenssituation auseinanderzusetzen, nach der Sinnhaftigkeit zu fragen und sich jener letzten unabweisbaren Einsamkeit zu stellen, die im Menschen zur (christlichen?) Lebenskunst heranreift.