„Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“, Misereor-Hungertuch 2021/22

Zeichnung und Gold auf Stoff, 270 ×180 cm
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum – die Kraft des Wandels“, Misereor-Hungertuch 2021/22, Zeichnung und Gold auf Stoff, 270 ×180 cm© Lilian Moreno Sánchez, Bildquelle Hungertuch: @Misereor / Fotograf Dieter Härtl

Auf dem Triptychon „Die Kraft des Wandels“ erkennt man das stilisierte Röntgenbild eines menschlichen Fußes, das die Künstlerin fast kalligrafisch mit Kohle auf die drei Leinwände nachgezeichnet hat. Bei genauerem Hinsehen sieht man, dass die Leinwände nicht weiß, sondern Blumenmuster von Bettwäsche sind und an einigen Stellen dreckige Spuren aufweisen. Einzelne Blumenmotive der Leinwände sind mit Goldgarn aufgestickt worden und heben sich leuchtend von dem Hintergrund ab. Der medizinische Blick erkennt bei dem geröntgen Fuß einen gewaltigen Trümmerbruch. Die Künstlerin hat als Bildvorlage die Röntgenaufnahme eines gewalttätig zertrümmerten Fußes eines Demonstranten der Massenunruhen 2019 in Santiago de Chile verwendet. Die chilenische Bevölkerung ging damals gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit auf die Straße und wurde von den staatlichen Sicherheitskräften brutal niedergeknüppelt. Moreno Sánchez besuchte nach den Unruhen den Ort in Santiago de Chile und sammelte mit den späteren Leinwänden ihres Bildes durch Hinterherziehen die Spuren der Straße auf. So wird der Dreck auf dem Triptychon zu einer wertvollen Erinnerungsspur und der dargestellte gebrochene Fuß zu einem Aufschrei gegen Gewalt und Unmenschlichkeit. Die vergoldeten Blumen veredeln die Darstellung und symbolisieren die Kraft des humanitären Widerstands und der geistigen Freiheit, selbst wenn der Körper verletzbar ist.

Lilian Moreno Sánchez
ist 1968 im chilenischen Buin geboren, studierte bis 1993 Bildende Kunst an der Universidad de Chile und war dort bis 1995 in der Kunstlehre sowie bei mehreren kulturpolitischen Projekten als Leiterin aktiv. 1996 kam sie nach Deutschland und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste in München freie Kunst bei Prof. Gerd Winner. 1999 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin bei Prof. Winner ab und absolvierte 2000 einen Studienaufenthalt an der Scuola Internationale di Grafica in Venedig. Seit 1993 ist Lilian Moreno Sánchez mit Einzelausstellungen in Chile sowie in Deutschland präsent: Durch Ausstellungen wie „Tengo sed – mich dürstet“ im Römer-Pelizaeus-Museum Hildesheim 2013 oder „LEMA“ im Dominikanerkloster Braunschweig wurde sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt, die Interesse an Statements zeitgenössischer christlicher Kunst hat. Die Künstlerin, die seit rund 30 Jahren in Augsburg lebt, fühlt sich nach wie vor als Botschafterin Chiles und arbeitet in ihren Kunstwerken die politischen Krisen dieses Landes von der Militärdiktatur eines Pinochet bis hin zu aktuellen Gesellschaftsprotesten auf. Sie konzentriert sich hierbei auf die Einzelschicksale der betroffenen Menschen, der Opfer und Angehörigen, und setzt ihre Leiden sowie ihre Hoffnungen in den christlichen Kontext von Passion und Gedenken.
http://morenosanchez.com/