Die strukturelle Rücksichtslosigkeit einer alternden Gesellschaft gegenüber Kindern

El-Mafaalani, Aladin/Kurtenbach, Sebastian/Strohmeier, Klaus Peter: Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft, Köln: Kiepen­heuer & Witsch 2025, 288 S., ISBN 978- 3-462-00752-7.

Ohne Umschweife soll das Fazit des Re­zensenten ganz am Anfang der Rezen­sion stehen: Den Autoren des Buches „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ ge­lingt eine herausragende (da sehr an­spruchsvolle) Leistung: Sie widmen sich sachlich fundiert und soziologisch prä­zise, aber für die Leser:in in leicht ver­ständlicher Sprache der fehlenden ge­sellschaftlichen Rücksichtnahme auf Kinder. Hierzu schildern sie eindrucks­volle Beispiele und sprachliche Bilder, die selbst komplexeste Sachverhalte veranschaulichen und so nicht nur einer Fachleser:innenschaft zugänglich ma­chen. Dies wurde unter anderem auch mit der Nominierung zum Deutschen Sachbuchpreis 2025 honoriert. So wirkt die Formulierung von „familienbehinder­ten Erwachsenen“ zwar beim ersten Le­sen verstörend; sie verdeutlicht jedoch zugleich einfach und anschaulich, wes­halb Kinder zum „Hindernis im Lebens­lauf“ von Eltern in einer funktional dif­ferenzierten und individualisierten mo­dernen Gesellschaft werden, in der es „weder Orte noch Zeit für Kinder gibt“ (S. 43). Ein weiterer wesentlicher Beitrag zur guten Lesbarkeit zeigt sich daran, dass sich die drei Autoren – mit Prof. Dr. Peter Strohmeier als „Doktorvater“ von sowohl Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani als auch Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach – von den Argumentationsweisen her sehr vertraut sind. Dadurch liest sich das Buch „wie aus einem Guss“, denn die Autoren nehmen in den Kapiteln immer wieder aufeinander Bezug.

Das Sachbuch widmet sich in neun Kapiteln dem Thema, warum Kinder eine Minderheit ohne Schutz sind. Im ersten Kapitel werden vor allem die verschiede­nen Schieflagen (demografisch, demokra­tisch, sozialstaatlich) in einer alternden Gesellschaft dargestellt und exempla­risch am Beispiel der Ausgaben der Alters­sicherung im Vergleich zum Bildungssys­tem erläutert. Die Kapitel 2 bis 4 befassen sich vor allem mit den Fragen von Eltern­schaft und Kindheit. Hierbei stellt sich be­sonders die sozialethische Frage der Ge­nerationengerechtigkeit, da Kinder und ihre Eltern nach Auffassung der Autoren politische Minderheiten sind.

Im zweiten Kapitel wird dabei zu­nächst die Rolle von Kindern in der mo­dernen funktional differenzierten Gesell­schaft anschaulich erläutert sowie ver­deutlicht, dass unsere Gesellschaft nicht per se kinderfeindlich ist, sondern – auf­grund ihrer funktionalen Ausdifferenzie­rung – Eltern wie kinderlose Erwachse­ne behandelt, da die „Indifferenz gegen­über Kindern (und ihren Eltern) […] eine Funktionsbedingung der modernen Ge­sellschaft“ (S. 34) ist. Die Folge ist eine strukturelle Rücksichtslosigkeit der Ge­sellschaft, in der es kaum Raum für Kin­der und ihre – die funktionalen Abläufe störenden – Bedürfnisse gibt.

Anschließend befasst sich das drit­te Kapitel mit der Superdiversität von Kindheiten, die von den Kindern als nor­mal erlebt werden. So haben in Grund­schulen westdeutscher Großstädte bis zu 75 % der Kinder einen Migrationshinter­grund und besitzen familiäre Wurzeln in über 50 Ländern mit 23 Muttersprachen. Die migrationsbezogene Diversität inner­halb einer Grundschulklasse übersteigt damit regelmäßig die Diversität eines international agierenden Unternehmens in derselben Stadt (S. 79). Für die Kinder ist dies selbstverständlich und eine gro­ße Ressource. Im Bildungssystem für Ki­tas und Schulen wird jedoch weiterhin von homogenen Kindheiten – die in den 1970er Jahren noch weitestgehend der Normalfall waren – in Bezug auf Spra­che, Familienkonstellationen, Religiosi­tät, ethnische und kulturelle Herkunft ausgegangen und superdiverse Kindhei­ten werden ignoriert.

Das vierte Kapitel komplettiert die Analyse, indem es die Fragmentierung von Kindheiten untersucht und erläu­tert. Der Begriff „Fragmentierung von Kindheiten“ bedeutet, dass sich die Nor­malitäten von Kindern in ihrem (Le­bens-)Alltag immer stärker voneinan­der unterscheiden. Durch die fehlende Bindekraft von Großorganisationen wie Kirchen, Verbänden und Parteien, die früher die verschiedenen Interessen ein­zelner Gruppen bündeln konnten, wird die Fragmentierung zunehmend kom­plexer (S. 91). Gleichzeitig wird deutlich, welchen Einfluss Nachbarschaft und Um­welt auf die Chancen von Kindern haben. Um die unterschiedlichen Lebensrealitä­ten von Kindern zu berücksichtigen, be­darf es eines neuen Ansatzes und nicht der Wiederholung des Immergleichen.

Das fünfte Kapitel stellt die simple Frage „Was brauchen Kinder?“ Die Ant­worten des Kapitels sind dabei ebenfalls verblüffend einfach, obwohl sie die Kom­plexität der zuvor beschriebenen Heraus­forderungen von Kindheiten berücksich­tigen. Erstens: Kinder benötigen Erwach­sene, die sich für sie interessieren und denen sie wichtig sind. Zweitens: Kin­der müssen an komplexen Entscheidun­gen, die ihr Leben und Wohlbefinden be­treffen, beteiligt werden. Des Weiteren wird der Einfluss der Schulen zum Wohl­befinden von Kindern erläutert und ge­zeigt, dass Schulen unterschiedlich gut zum Wohlbefinden beitragen. Neben der Schule sind es vor allem die Familie oder familienähnliche Erwachsene, die für Kinder einen wesentlichen Lebens- und Erfahrungsraum bilden, der zu ihrem Wohlbefinden beiträgt. In diesem Zuge wird vor allem mehr „Familienzeit“ für Kinder benötigt.

Mit dem sechsten Kapitel wird der lösungsorientierte Ansatz des Buches deutlich. Es wird aufgezeigt, welche Res­source in der pädagogischen Arbeit mit Kindern bereits in der Kita liegt und dass diese als Bildungsinstitution wahrge­nommen werden muss. Daher bedarf es eines Kulturwandels zu multifunktiona­len Institutionen, damit Kitas und Schu­len zukünftig Familien entlasten, indem sie in einem zunehmend komplexen Sys­tem das einzelne Kind in den Mittelpunkt rücken und den individuellen Bedarfen der Kinder besser gerecht werden. An die Zusammenarbeit von multiprofessionel­len Teams in Kita und Schule knüpft di­rekt das siebte Kapitel an, in dem der So­zialraum und die Nachbarschaft als Er­fahrungsräume für Gemeinschaft und Gesellschaft beleuchtet werden. Es fehlt zunehmend an Orten gemeinsamer Kind­heit, also Orten, an denen Kinder aus unterschiedlichen Lebensrealitäten zu­sammenkommen (S. 173). Kindliche Le­benswelten, wie Familie, Nachbarschaft, Schule und Vereine müssen zusammen­geführt werden, um Kindern Gemein­schaft und Gesellschaft zu ermöglichen; hierzu werden exemplarisch Community- Zentren angeführt, die sich nicht von der defizitären Perspektive nach den Män­geln in der Infrastruktur leiten lassen, sondern danach fragen, wie ein Zusam­menleben in der Zukunft aussehen soll.

Das achte Kapitel zeigt die Chancen des gesellschaftlichen Engagements der Rentner:innen für Kinder, sei es im Eh­renamt oder als Großeltern. Hier liegt ein enormes Potenzial, von dem sowohl die „Boomer“-Generation als auch die Kin­der und deren Eltern profitieren kön­nen. Im abschließenden neunten Kapitel fassen die Autoren die Ergebnisse tref­fend zusammen, in dem sie festhalten: „Die alternde Gesellschaft ist weder kin­dergerecht noch ist sie gerecht zu Kin­dern. Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder werden nicht angemessen mit­gedacht. Es gibt nur wenige Kinder, und sie werden behandelt wie Außenseiter. Sie sind (anders als andere Minderhei­ten) eine Minderheit ohne Minderheiten­schutz.“ (S. 207) Gleichzeitig zeigen die Autoren im abschließenden Kapitel We­ge auf, wie Familienpolitik die Bedürf­nisse der Kinder besser berücksichtigen kann, welchen Beitrag Großeltern leisten können, wie Kitas und Schulen attrakti­ve Lern- und Lebensorte werden und dass Bildungsinstitutionen zukünftig traditio­nelle Funktionen von Familien überneh­men müssen. Darüber hinaus entwickeln die Autoren konkrete Vorschläge für ei­nen politisch wirksamen Minderheiten­schutz, indem sie die Installation von Zukunftsräten mit Menschen zwischen 10 und 30 Jahren vorschlagen, um po­litische Entscheidungen auf Generatio­nengerechtigkeit zu überprüfen. Auch in diesem Kapitel lassen sich die Auto­ren nicht dazu verleiten, Generationen gegeneinander auszuspielen und for­mulieren keine Anklage, sondern versu­chen mit lösungsorientierten Ansätzen, die Chancen von Kindern zu verbessern.

Robert Kläsener, Münster