Demokratien am Scheideweg

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat J. D. Vance am 14. Februar 2025 den versammelten politischen Entscheidungsträger:innen die Leviten gelesen. Er warf den europäischen Re­gierungen vor, den Volkswillen nicht zu achten, politische Mehrheiten zu ignorieren, „undemokratische Brand­mauern“ zu errichten und Entschei­dungen von Verfassungsgerichten ei­nen Vorrang gegenüber dem Willen der Wähler:innen einzuräumen. Er sah Eu­ropa am demokratischen Scheideweg. Der deutsche Verteidigungsminister Bo­ris Pistorius konterte als erster auf die Rede des US-Vizepräsidenten und ver­wahrte sich sogleich entschieden ge­gen diese Bewertungen sowie die da­mit verbundenen Einmischungen in den damals noch laufenden Wahlkampf in Deutschland. In Europa, so Pistorius, sei die Demokratie alles andere als gefähr­det, und alle Meinungen könnten sich frei und gleich artikulieren – auch die­jenigen extremistischer Parteien.

Auf der Sicherheitskonferenz hatte man eigentlich grundsätzliche Aussa­gen zur Neujustierung des transatlan­tischen Verhältnisses, zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine und zur NATO erwartet. Dass es grundsätzlich um die Demokratie in Europa – und die Demokratie in den USA – ging, machte aber unübersehbar, wie sehr die allge­genwärtige Rede von der Krise der De­mokratie mittlerweile die gesamte Welt in Atem hält.

Wenn man die jüngeren Debatten­beiträge und die einschlägigen Mono­grafien etwa von Eva Illouz (2017) und Philip Manow (2020; 2024) in den Blick nimmt, wird der schwierige Spagat zwi­schen „liberalem“ und „elektoralem“ De­mokratieverständnis deutlich, der ge­genwärtig viele Debatten kennzeichnet. Der Betonung liberaler Abwehrrechte, des individuellen Minderheitenschutzes, der Einschränkung des Exe­kutivhandelns, der Rechts­staatlichkeit und der Gewal­tenteilung steht die Akzentu­ierung der Volkssouveränität und eines majoritären Ver­ständnisses des Demokratie­konzepts gegenüber. In den großen Reden zu 75 Jahren Grundgesetz im Mai 2024 oder zur ersten konstituie­renden Sitzung des Deut­schen Bundestages im September 2024 lässt sich immer wieder ein Rekurs auf die „liberale Demokratie“ finden, die zu verteidigen sei; ein Begriff, den vor zwei Jahrzehnten noch niemand im Munde führte. Manow weist darauf hin, dass „li­berale Demokratie“ erst seit den 1990er-Jahren langsam zu einem Modewort ge­worden ist; und er äußert den Verdacht, dass dies auch Ausdruck einer ideolo­gischen Verwendung sein könnte. An­ders als das Grundgesetz, das keine „li­berale Demokratie“ kennt, sondern ei­nen „demokratische[n] und soziale[n] Bundesstaat“ (Art. 20 Abs. 1 GG) profi­liert, könnte die hartnäckige Betonung des „Liberalen“ an der Demokratie da­rauf hindeuten, dass die Thematisierung von Verteilungsfragen und Debatten um Einschränkungen privater Verfügungs­rechte aus dem Diskurs der Demokra­tie auszuklammern sei. Wer libera­le Abwehrrechte, Minderheitenschutz und Rechtsstaatlichkeit politisch her­vorhebt, kann sich damit „unangeneh­mer“ Fragen sozialstaatlicher Demokra­tie entledigen, die um die Finanzierung der sozialen und technischen Infrastruk­turen und der ökologischen Transfor­mation sowie um progressive Besteu­erung kreisen. Durch den dominanten Topos der liberalen Demokratie droht das „Soziale“ an der Demokratie in den politischen Hintergrund zu rücken. Ei­ne Politik, die drängende Fragen an­geht – darunter die notwendige Ausba­lancierung sozialer Ungleichheitslagen, die Abfederung sozialer Verwerfungen (z. B. über ein sozial umverteilendes Kli­mageld) und die Finanzierung staatlich zu sichernder Infrastrukturen –, dürfte mit dem semantischen Rückgriff auf li­berale Demokratie eher nicht angesto­ßen werden können. Und Menschen, denen die COVID-19-Pandemie, die In­flation und der allgemeine Preisanstieg schwer zugesetzt haben, dürften durch die Beschwörung des „Liberalen“ an der Demokratie ebenfalls kein Vertrauen in politische Institutionen und ein Gemein­wesen zurückerlangen können, das ein­mal auf den Ausgleich schwerer Lasten und die Sicherung sozialer Risiken aus­gerichtet war und den breiteren Schul­tern aus guten Gründen mehr zumute­te als den schmaleren.