Karger-Kroll, Anna/Schäfers, Lars (Hg.): Gerechte Rente. Sozialethische Perspektiven einer interdisziplinären Sondierung der Alterssicherung (Ethik in den Sozialwissenschaften, Bd. 5), Baden-Baden: Nomos 2024, 338 S., ISBN 978–3- 7560-1712-6
Der Sammelband nimmt mit der Alterssicherung durch Rente ein Thema auf, das mindestens seit den Sozialreformen der „Agenda 2010“ in Deutschland politisch nicht zur Ruhe gekommen ist; die Sozialethik behandelte es dennoch lange nur am Rande, bevor es zuletzt stärker in den Blick genommen wurde (vgl. z. B. Bachmann, Claudius/Heimbach-Steins, Marianne: Alterssicherung – Lebensqualität – Teilhabe. Eine sozialethische Arbeitsskizze in programmatischer Absicht (ICS AP, Nr. 18), Münster 2022; Heimbach-Steins, Marianne: Alter – Altern – Alterssicherung. Sozialethische Perspektiven (JCSW, Nr. 64), Münster 2023). Der vorliegende Band versteht das Alter als „Phase eines Posterwerbsarbeitslebens […] mit einer breiten Spanne von Lebensmöglichkeiten zwischen hoher sozialer Mobilität wie Gestaltungsenergie einerseits und zunehmender Fragilität von Lebensbeziehungen wie Lebenskräften andererseits“ (Lob-Hüdepohl, 136) und fragt: Was heißt in den vielen unterschiedlichen Kontexten, die sich hinsichtlich der rentenförmigen Alterssicherung ergeben, eigentlich gerecht? Die Herausgeber:innen sehen dabei demographischen Wandel und arbeitsmarktliche Entwicklungen als zentrale Herausforderungen für die Finanzierbarkeit der Gesetzlichen Rentenversicherung ohne übermäßige Beitragsbelastung der Erwerbstätigen – gleichzeitig seien die gegenwärtigen Beiträge nur zu rechtfertigen, wenn auch künftigen Generationen die Vermeidung großflächiger Altersarmut zugesagt werden könne (Karger-Kroll/Schäfers, 10).
Die 18 Beiträge des Sammelbands sind auf fünf Abschnitte verteilt, die die thematischen Schwerpunkte vorgeben. Nach Erörterung des Gegenstands aus unterschiedlichen thematischen und disziplinären Perspektiven folgt jeweils eine ethische Systematisierung und Einordnung des Gesagten.
Der erste Abschnitt „Die Altersversicherung in Deutschland – eine interdisziplinär-normative Erschließung“ führt in die Funktionsweise des gegenwärtigen deutschen Rentensystems ein und arbeitet die hinter technischen Vorgaben stehenden ethischen Prinzipien und Gerechtigkeitskonzeptionen heraus. Dabei werden unterschiedliche Theorien überblickshaft vorgestellt und die historische Entwicklung nachgezeichnet, die dazu geführt hat, dass sich das gegenwärtige Rentensystem nicht eins zu eins nach einem dieser Modelle richtet, sondern sie vielfach vermischt. Gleichzeitig wird die kritische Frage nach der Bedeutung und Wirksamkeit der Sozialphilosophie im praktischen Tun gestellt, die keineswegs selbstverständlich gegeben ist, auch wenn sich durchaus konkrete Konsequenzen ethischer Maximen in sozialen Institutionen beobachten lassen (Küppers, 23–40). So wird die unterschiedliche Ausrichtung des Systems im Lauf der Zeit beispielsweise auf Gleichheit oder Armutsvermeidung deutlich (Küppers, 23–40 und Blank,41–57) und aufgezeigt, wie viele normative Vorannahmen bereits jeder Beschreibung des Ist-Zustandes zugrunde liegen (Blank, 41–57). Nach einem juristischen Beitrag über die Grundgedanken des Rentensystems (Ruland, 59–76), werden diese in das System der Prinzipien der Christlichen Sozialethik eingeordnet, um eine Verbindung von (Un-) Gleichheit und Gerechtigkeit herzustellen (Karger-Kroll, 77–91).
Der zweite Abschnitt „Die Vermeidung von Armut – wachsende Herausforderung für das gesamte System der Alterssicherung?“ nimmt Altersarmut als Gegenstand der ethischen Diskussion um die Rente auf. Er führt in die Problematik und die Komplexität der rentenbasierten Bekämpfung von Altersarmut ein (Bäcker, 95–120) und systematisiert das Verhältnis von Rente und Grundsicherung (Cremer, 121–134). Abschließend wird Altersarmut vor dem Hintergrund der Gerechtigkeitsgrunddimensionen des Renten-und Versorgungssystems erörtert (Lob-Hüdepohl, 135–147).
Der dritte Teil „Lebensstandardisierung – ein legitimes Ziel des Drei-Säulen-Systems?“ stellt die Frage nach dem eigentlichen Ziel der Rentenversicherung. Dabei wird zunächst das Verhältnis zur Grundsicherung noch einmal aufgegriffen und neben dem Abstand von Rente und Grundsicherung auch diskutiert, welche Ziele dem Rentensystem im Lauf der Zeit gesetzt wurden (Steffen, 151–163). Sodann wird die betriebliche Altersvorsorge in den Blick genommen; dabei zeigt sich, dass diese Säule der Alterssicherung Beschäftigte mit geringen Einkommen, denen eine Unterversorgung im Alter besonders akut droht, oft nicht erreicht (Jansen,165–185). Vor diesem Hintergrund erlangt die Befähigungsgerechtigkeit eine besondere Bedeutung, die in ihrer konkreten Verwirklichung mit Aspekten von Subsidiarität und Solidarität verbunden werden sollte (Schäfers, 187–202).
Im vierten Abschnitt „Gerechtigkeit zwischen den Generationen – ein vielschichtiges Gebot“ stehen Überlegungen zur Generationengerechtigkeit im Mittelpunkt. Es wird nachvollzogen, wie das Prinzip in die Diskussion um die gesetzliche Rente kam, und herausgearbeitet, dass oft neoliberale Ideen hinter der Forderung nach Generationengerechtigkeit stehen, die faktisch nicht spätere Generationen, sondern Arbeitgeber:innen entlasten (Brettschneider, 205-–25). Weiterhin wird auf die Rollen von Eltern und Erziehung für die Stabilität des Rentensystems als faktisches Drei-Generationen-Modell aufmerksam gemacht, das auch die noch nicht Erwerbstätigen berücksichtigt. Die Leistung von Eltern gegenüber dieser Generation schlägt sich im Rentenpunktesystem derzeit nicht ausreichend nieder (Zschiedrich, 227–242).
Der fünfte Abschnitt „Mit der Zeit gehen? – Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels für Alterssicherung“ versammelt weiterführende Aspekte hinsichtlich der Rente in der gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft. Im Kontext der Geschlechtergerechtigkeit wird dabei spezifisch nach Geschlechtseffekten der Umstellung auf das Drei-Säulen-Modell geschaut. Auf empirischer Basis zeigt sich ein heterogenes Bild, bei dem sich ein grundsätzlicher, aber langsamer Trend zur Angleichung der Rentenanwartschaften der Geschlechter erkennen lässt, der allerdings weniger auf einem Aufschließen der Frauen als auf einem sinkenden Rentenniveau der Männer basiert (Frommert, 245–262). Im Zusammenhang mit dem Wandel der Lebensformen werden die Auswirkungen von Scheidung und Trennung auf das Rentenniveau und die Armutsgefahr im Alter untersucht (Kreyenfeld/Schmauk/Mika, 263–281). Auch die Veränderung der Erwerbsformen wird diskutiert; hier erweisen sich Langzeitarbeitslosigkeit sowie atypische und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit geringen Löhnen und Teilzeit-oder Mehrfachbeschäftigung als Risikofaktoren für eine geringe Rente im Alter (Schmitz-Kießler, 283–304). Abschließend wird die Bedeutung eines Rechts auf Arbeit für die Rentenstruktur diskutiert, das nicht als individuelles Recht, aber als grundlegender Anspruch an die gesellschaftliche Struktur sozialethisch begründet werden kann (Nothelle-Wildfeuer, 305– 322).
Der Epilog des Bandes nimmt noch einmal die Komplexität des Rentensystems auf und verweist auf die daran herangetragenen normativen Erwartungen. Dabei seien neben rentenpolitischen Fragen auch Bildungs-, Arbeitsmarkt-und Familienpolitik einzubeziehen. Gleichzeitig müssten Ungerechtigkeiten im Arbeitsmarkt, wie im Bereich der Zugangsgerechtigkeit, auch dort behoben werden, da nachträgliche Korrekturen das Rentensystem überforderten (Mandry, 323–335). Es brauche daher eine „integrierte soziale Lebenslaufpolitik, die die Menschen über alle Lebensphasen und Generationen hinweg dazu befähigt und es ihnen strukturell ermöglicht, sich im Lauf ihres Erwerbslebens durch eigene (Erwerbs-und Sorge-)Arbeit eine auskömmliche Alterssicherung aufzubauen“ (Brettschneider, 223).
Der Band wird seinem Anspruch gerecht, „auf das Desiderat einer aktuellen sozialethischen Aufarbeitung der unterschiedlichen Dimensionen, Konzeptionen und Bedeutungsgehalte von Gerechtigkeit sowie der normativen Grundbegriffe und Grundannahmen, die dem Rentensystem zugrunde liegen (sollten) und als Orientierung im rentenpolitischen Diskurs dienen könn(t)en“ (Karger-Kroll/ Schäfers, 9) zu reagieren. Hervorzuheben ist die umfassende, interdisziplinäre Behandlung der vielfältigen Aspekte der Alterssicherung in Deutschland, die eine multiperspektivische Sicht auf die Debatte ermöglicht. Dies gilt insbesondere für die Sinnhaftigkeit des Anfang des Jahrtausends etablierten Drei-Säulen-Modells und für Chancen und Grenzen bestehender Reformvorschläge. Seine inhaltliche Stärke bezieht der Band aus der Informiertheit und Stringenz der einzelnen Beiträge, die jeweils tief in ihre Materie eindringen und diese anschaulich darstellen. Wünschenswert gewesen wäre jedoch die Weitung des Blicks über das deutsche Alterssicherungssystem hinaus, etwa in Form einer Außenperspektive oder einiger Schlaglichter auf internationale Alternativmodelle. Dennoch stellt der Band eine solide Grundlage für die sozialethische Debatte um die Zukunft der Rente in Deutschland zur Verfügung. Er verdeutlicht die Bedeutung und Dringlichkeit des Themas und regt zur weiteren Diskussion an.
Pavlos Leußler, Bonn