Titelseite Amosinternational 4/2024

Heft 4/2024Vermisst, ersehnt und umkämpft: Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Inhalt

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird von vielen Seiten als gefährdet deklariert. Doch was steckt wirklich hinter diesem Bedrohungsszenario? Die Beiträge des Heftes nehmen das Thema aus verschiedenen Perspektiven in den Blick. Sie fragen nach dem Zusammenhang von Klimapolitik und Zusammenhalt, analysieren Kulturkämpfe und reflektieren die Rolle der Kirchen.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 7

    Hinter ein Argument schauen, das keines istEin sozialethischer Kommentar zur Politik mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt

    Vor etwa einem Jahrzehnt ‚explodierten‘ Diskurse um den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Man beklagt seinen dramatischen Niedergang; man hält es für dringend geboten, ihn zu stärken oder sogar wiederherzustellen. „Wir“, schreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, müssen „alles stärken […], was uns verbindet“ (2024, 53). Kann die Sozialethik zur öffentlichen Kommunikation über den gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen – und wenn ja, was?

  • Plus S. 15

    Gesellschaftliche Ungleichheit und gesellschaftlicher ZusammenhaltPolitische Strategien zwischen kultureller Missachtung und sozioökonomischer Ungleichheit

    Der Zusammenhang von gesellschaftlichem Zusammenhalt und gesellschaftlicher Ungleichheit wird in diesem Beitrag im Hinblick auf die Diversität von Lebensformen einerseits und auf sozioökonomische Ungleichheiten andererseits behandelt. Es wird angenommen, dass strukturell differenzierte und weltanschaulich plurale Gesellschaften selbstverständlich gesellschaftliche Ungleichheit aufweisen; zudem ist es die Aufgabe einer an Freiheitsrechten, Beteiligungsrechten und sozialen Anspruchsrechten orientierten Politik, diese Ungleichheiten einzuhegen und zu gestalten. Davon ausgehend stellt der Aufsatz die Paradigmen der Anerkennung und der Umverteilung nebeneinander. Mit Nancy Fraser wird der Imperativ universeller Teilhabe als gemeinsame normative Basis beider Paradigmen benannt. Von da aus wird eine bifokale Gerechtigkeitsperspektive vorgeschlagen, um auf dieser Grundlage eine Politik der Umverteilung und eine Politik der Anerkennung als zwei wechselseitig irreduzible Faktoren von Gerechtigkeit zu formulieren.

  • Plus S. 22

    Von Kulturkämpfen und anderen Problemen

    Gesellschaftliche Auseinandersetzungen über Sachfragen werden heutzutage häufig als Kulturkämpfe ausgetragen. Diese reduzieren Differenz auf zwei Pole (dafür oder dagegen) und verknüpfen sie mit Identitätsfragen, sodass die sachliche Auseinandersetzung erschwert wird. Der folgende Beitrag setzt sich kritisch mit dieser Tendenz auseinander und konkretisiert deren Problematik am Beispiel des Genderns. Kulturkämpfe – so zeigt sich – weisen stets eine gewisse Ambivalenz auf und stehen in einem Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Dabei darf jedoch der Stellenwert kultureller Aspekte nicht grundsätzlich ausgeblendet oder abgelehnt werden. Schließlich wird auch die Bedeutung von sachlichen Auseinandersetzungen in Parlamenten und außerparlamentarischen Kontexten hervorgehoben und gefolgert, dass neben aller Betonung der Differenz ein universalistischer Impuls nötig ist, der die Differenzen überschreitet.

  • Plus S. 32

    Demokratischer Zusammenhalt in der sozial-ökologischen Transformation

    Die Forderung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, wird von politischen Akteuren vor allem dann erhoben, wenn sie ihn durch Krisenphänomene bedroht sehen. In der Klimakrise wird das besonders deutlich. Damit Deutschland seiner Verantwortung zur Eindämmung der Klimakrise gerecht werden kann, ist eine umfassende sozial-ökologische Transformation unserer Gesellschaft nötig. Dass diese Transformation nicht hinreichend zügig verfolgt wird, begründen Vertreter:innen unterschiedlicher politischer Lager damit, dass man den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gefährden dürfe. Dagegen argumentiert dieser Beitrag, dass der Zusammenhalt vor allem dann gefährdet wäre, wenn die Klimakrise unvermindert voranschreitet. Nötig sind deshalb demokratiepolitische Reformprozesse, die eine konstruktive Austragung von Konflikten über die Ausgestaltung der sozial-ökologischen Transformation ermöglichen.

  • Plus S. 39

    Der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Kirchen

    Im vorliegenden Aufsatz werden zwei Faktoren und Mechanismen des gesellschaftlichen Zusammenhalts hervorgehoben: erstens die Triggerpunkte im Anschluss an den Soziologen Steffen Mau u. a. und zweitens die Garantien wohlfahrtsstaatlicher Existenzsicherung. Vor diesem Hintergrund wird nach dem Beitrag gefragt, den die Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können. Dabei zeigt sich – so die These – dass für weite Teile der deutschen Bevölkerung die hypertrophen Ansprüche der Kirchen als monopolistische Garanten von Moral und Zusammenhalt zu Triggerpunkten geworden sind, die Empörung hervorrufen. Gleichwohl gehören die Kirchen mit ihren Wohlfahrtsverbänden nach wie vor zu den gesellschaftlichen Kräften, die zum heute erneut gefährdeten wohlfahrtsstaatlichen Zusammenhalt beitragen.

Arts & ethics

  • Gratis S. 28

    "Marienaltar"

    "Marienaltar"

    Michael Triegel: „Marienaltar“ (Mitteltafel), 2022

Interview

  • Gratis S. 46

    „Die Demokratie stirbt aus dem Lokalen heraus“Soziale Orte als Kultur der Resilienz in vulnerablen Zeiten

    Zerbricht unsere Gesellschaft? Geht der gesellschaftliche Zusammenhalt in Krisenzeiten verloren? Welchen Beitrag kann die Zivilgesellschaft leisten? Berthold Vogel ist Professor für Soziologie und forscht zu diesen Fragen. Er ist einer der Sprecher des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Im Interview mit Amosinternational spricht er über die Aufgaben des FGZ, erste Forschungsergebnisse und reflektiert die Frage, warum die Sozialethik nicht Teil des Forschungsteams ist. Darüber hinaus geht er auf die Bedeutung der „Sozialen Orte“ im Lokalen ein, spricht über Teilhabe und Vielfalt und erklärt, warum Einsamkeit Nährboden für Ressentiments sein kann.

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