Gerechtigkeit für Tiere

Nussbaum, Martha C.: Gerechtigkeit für Tiere. Unsere kollektive Verantwortung, Darmstadt: wbg 2023, 415 S., ISBN 978- 3-8062-4559-2

Das jüngste Werk der amerikanischen Philosophin Martha C. Nussbaum trägt den Titel Gerechtigkeit für Tiere. Unsere kollektive Verantwortung (im englischen Original Justice for Animals). Unter ihren bisherigen Beiträgen zur Ethik und zur politischen Philosophie ragen ihre Arbei­ten zur Theorie der Emotionen und der gemeinsam mit Amartya Sen entwickelte Fähigkeitenansatz heraus. In ihrem neu­en Buch erschließt Nussbaum den Fähig­keitenansatz nun für die ethische Debat­te um den richtigen Umgang mit Tieren.

Ausgangspunkt von Nussbaums Überlegungen zur Tierethik ist das zu­nehmende Bewusstsein für das von Men­schen verursachte Leiden von Tieren. Ei­nerseits vergrößern anthropogene Um­welteinflüsse und die Massentierhaltung das Tierleid, andererseits wissen wir zu­nehmend mehr darüber, welchen leidvol­len Erfahrungen Tiere ausgesetzt sind. Im Zuge dieser Konfrontation wächst auch das moralische Unbehagen, ob der pro­blematischen Lebensbedingungen von Tieren. Vor diesem Hintergrund ist es Nussbaums Anliegen, den Ursprung des moralischen Unbehagens aufzuzeigen.

Im ersten Kapitel legt Nussbaum hier­zu ihren Begriff der Gerechtigkeit dar. Menschen erleiden demzufolge dann Ungerechtigkeit, wenn ihnen ein gutes Leben verwehrt bleibt, da die Entfaltung ihrer Fähigkeiten beeinträchtigt wird. Diese Ungerechtigkeit betrifft auch Tie­re, wie Nussbaum anhand einzelner Le­bensschicksale verdeutlicht. Tiere streben danach, ihre angelegten Fähigkeiten zu entfalten, um ein gutes Leben zu führen, wobei menschliches Handeln dies auf unterschiedliche Weise verhindert. Hier­in sieht Nussbaum den Kern des morali­schen Problems im Umgang mit Tieren. Die Kritik soll schließlich auch als Richt­schnur für einen besseren Umgang mit Tieren dienen, wird hierdurch doch zu­gleich deutlich, worauf es im Umgang mit Tieren ankommt.

Ausgehend hiervon setzt sich Nuss­baum mit drei etablierten Begründungs­ansätzen der Tierethik auseinander: Theorien, die auf der Ähnlichkeit von Tie­ren mit dem Menschen aufbauen, dem utilitaristisch geprägten Ansatz von Pe­ter Singer und dem an Kant orientier­ten Ansatz von Christine Korsgaard (Ka­pitel 2 bis 4). Nussbaum kritisiert diese Ansätze dafür, dass sie der Realisierung von Fähigkeiten als zentralen Aspekt ei­nes Tierlebens nicht genügend Rechnung tragen. Nussbaum entwickelt daraufhin ihren eigenen tierethischen Ansatz, der das Streben von Tieren, ihre Fähigkei­ten zu entfalten und ein gutes Leben zu führen, in den Mittelpunkt stellt (Kapi­tel 5 und 6). Die Vorzüge dieser Ausrich­tung bestehen laut Nussbaum darin, dass der Fähigkeitenansatz die Berücksichti­gung von Tieren nicht von ihrer Ähn­lichkeit zum Menschen abhängig macht und somit auch solche Tiere nicht aus­schließt, die dem Menschen kaum ähn­lich sind. Weiterhin erweise sich der Fä­higkeitenansatz gegenüber dem utilita­ristischen Ansatz als weitsichtiger, weil er davon ausgeht, dass für ein gutes Tierle­ben mehr erforderlich ist als nur die Ver­meidung von Schmerzen.

Im Anschluss an diese grundsätzlichen Bestimmungen diskutiert Nussbaum die normativen Implikationen ihres Ansat­zes. So wird deutlich, was aus ihrem An­satz in Bezug auf das Töten von Tieren und in Bezug auf Tierversuche als zentra­len Fragen der Tierethik folgt (Kapitel 7 und 8). In den Kapiteln 9 bis 11 konkreti­siert Nussbaum die Fähigkeitspotenziale von Tieren in verschiedenen Lebensum­gebungen und macht deutlich, wie eine Anpassung des menschlichen Handelns die entsprechenden Voraussetzungen si­chern kann. Im Schlusskapitel diskutiert Nussbaum die rechtlichen Implikationen ihres Ansatzes. Nussbaum plädiert dafür, die artgerechte Entfaltung von Tieren ge­setzlich zu schützen und die Umsetzung durch Rechtsvertretungen zu erwirken.

Nussbaum gelingt im vorliegenden Werk eine überzeugende Anwendung des Fähigkeitenansatzes auf den Umgang mit Tieren. Wie ihr Werk insgesamt be­sticht auch dieses Buch durch eine präzi­se Argumentation sowie die kenntnisrei­chen Bezüge zur Philosophie- und Kul­turgeschichte. Nussbaums Kritik an den etablierten Ansätzen zur Tierethik mag in manchen Punkten kontrovers erschei­nen. In jedem Fall regt sie aber dazu an, das eigene Verständnis dieser Ansätze zu reflektieren. Weiterhin stützt Nussbaum ihre Argumentation auf zahlreiche empi­rische Forschungsarbeiten zur physiolo­gischen Beschaffenheit und zum Sozial­verhalten verschiedener Tierarten. Indem sie ihre Überlegungen anhand der kon­kreten Lebensumstände von Tieren ver­deutlicht, gelingt Nussbaum eine über­aus zugängliche Darstellung der Zusam­menhänge. Dem Übersetzer Manfred Weltecke ist es dabei gelungen, Nuss­baums anschauliche Sprache ins Deut­sche zu übertragen.

Kenner von Nussbaums Werk wer­den in diesem Buch auf Vertrautes sto­ßen, wobei die Weiterentwicklung des Fähigkeitenansatzes durchaus neue Per­spektiven eröffnet. Neben dieser Bedeu­tung für die Debatte um den Fähigkei­tenansatz bereichert Nussbaums Beitrag vor allem auch die Debatte zum Um­gang mit Tieren, da der Fähigkeitenan­satz eine überzeugende philosophische Begründung für die Forderungen nach einem besseren Schutz von Tieren bie­tet, und so das praktische Anliegen un­terstützt, die Lebenssituation von Tieren zu verbessern.

Stefan Kosak, München