Die Dynamik der Macht: Von Möglichkeit zu Wirklichkeit

Das deutsche Wort Macht leitet sich ursprünglich ab vom indogermanischen Be­griff „magh“ (können, ver­mögen, fähig sein), und übersetzt sich in das altgo­tische Verb „magan“ (kön­nen, vermögen). Damit ent­spricht es exakt dem lateini­schen Begriff von „potentia“ für Macht oder Möglichkeit, als Gegenbegriff zu „actus“ als Wirklichkeit. Im Hintergrund steht die klassische Auffassung der platoni­schen Philosophie einer inneren Teleo­logie lebendigen Daseins: Alles Sein strebt einem innerlichen Strukturprin­zip zufolge nach Entfaltung von Kön­nen in Machen, oder besser: von mög­lichem Sein zu wirklichem Sein. Damit verbunden ist immer der Schritt vom Konjunktiv zum Indikativ, ethisch ge­wendet: vom Können über das Dürfen zum Sollen, bis hin zum Müssen, al­so zur Pflicht. Wer liegt, könnte ste­hen; wer steht, könnte laufen; wer lebt, könnte tot sein. Nichts im lebendigen Dasein ist einfach statisch, anders als beim Stein: Alles Lebendige strebt nach Entfaltung durch Veränderung; noch das deutsche Lehnwort Dyna­mik zeugt von diesem tief in der klas­sischen griechischen Seinsphilosophie verankerten Denken. Jeder demzufol­ge teleologischen Ethik liegt also die Frage nach der korrekten Dynamik zu­grunde: Wohin ist in Freiheit zu stre­ben und Entwicklung samt Verände­rung zu ermöglichen, wenn die pure naturale Passivität der dem Sonnen­licht bedingungslos folgenden Son­nenblume offenkundig für den Men­schen als moralisches Lebewesen der freien Entscheidung kein Vorbild sein kann? Schon in der griechischen Phi­losophie gesellt sich daher der Begriff der Erziehung (paideia, e-ducatio) kon­genial zum Begriff der Dynamik von Ermächtigung: Es kennzeichnet ent­wickelte Lebewesen, von der Möwe bis zum Menschen, dass sie der äußeren Hilfe zur inneren Entwicklung und zur kohärenten Veränderung bedürfen. Es braucht das von außen wiederum kon­genial an den inneren Menschen her­antretende Ziehen, um die besten Mög­lichkeiten eines Individuums Wirklich­keit werden zu lassen. Hier genau aber liegt auch die stets lauernde Gefähr­dung der Dynamik: dass die Dynamik das Eigene des Individuums entfremde oder gar verfehle. Das subjektiv Not­wendige der Entwicklung von Men­schen und das objektiv Wünschbare befinden sich stets im Widerstreit und wurden in der moralischen Vergangen­heit des Christentums sicher allzu oft zugunsten objektiver Wahrheit und zu­lasten subjektiver Authentizität aufge­löst. Hier liegt die bleibende und auch aktuelle ethische Herausforderung der Frage nach Macht, Ermächtigung, For­derung und Machtmissbrauch.

Die Beiträge in dieser Ausgabe von Amosinternational beschäftigen sich mit diesem vielschichtigen The­ma „Machtdynamiken“. In einer Zeit, in der soziale, politische und technologi­sche Veränderungen zunehmend kom­plexer werdende Machtstrukturen her­vorbringen, richtet sich der Auftrag der kritischen Untersuchung umso intensi­ver an die Sozialethik.

Jeder der Beiträge dieser Ausga­be eröffnet fruchtbare sowie kritische Impulse und Anschlussmöglichkei­ten. Dabei sind die behandelten The­men nicht nur von akademischer Rele­vanz, sondern bieten gesellschaftliche, pastorale wie praktische Implikatio­nen für die Gestaltung und das Ver­ständnis von Macht in unserer Gesell­schaft. Alexis de Tocqueville wird der Satz zugeschrieben: „Nur Gott kann ohne Gefahr allmächtig sein.“ Wahr oder erfunden: Das bringt das hier vorliegende Problem des moralischen Unterschieds von Sonnenblume und menschlicher Freiheit wünschenswert auf den theologischen Punkt. Wenn der Mensch Gottes Abbild ist, dann un­terliegt er der Mühe der Balance von Macht und Freiheit, anders als Gott, sein Urbild. Denn der Mensch ist nur unter Gefahren mächtig und tätig, im Blick auf sich selbst und auf die Mit­menschen.