Chancen christlicher Friedensethik

Anicic, Pavle: Soziopolitische Perspekti­ven von Vergebung und Entschuldigung. Eine theologische Untersuchung im Kon­text der „Transitional Justice“. Münster: Aschendorff 2022, 361 S., ISBN 978–3– 402–11740–8

In einer Zeit, in der militärische Gewalt in Europa unsere politische und gesell­schaftliche Ordnung erneut grundsätz­lich in Frage stellt, erhält die kritische Aufarbeitung vergangener Konflikttrans­formationen eine besondere Bedeutung. Religionen, und im Fall von Europa be­sonders das Christentum, gelten seit vie­len Jahrzehnten als bedeutende Kraft der Friedensvermittlung und Ressource von Konzepten, die jenseits von legalistischen, militärischen und wirtschaftlichen Logi­ken Versöhnung nach Konflikten ermög­lichen können. Der Ruf nach der Orientie­rung der christlichen Friedensethik in den aktuellen gewaltsamen internationalen Konflikten ist darum ungebrochen stark.

Die christliche Friedensethik hat sich interessanter Weise intensiv sowohl mit den genuin theologischen Konzepten von Frieden, als auch mit einigen wich­tigen Konzepten der Friedens- und Kon­fliktforschung (etwa Responsibility to Protect, Humanitarian Intervention, usw.) auseinandergesetzt. Eine Lücke in der kritischen Beteiligung an den inter­disziplinären Diskursen besteht allerdings in der Konzeptionalisierung des Um­gangs mit der Vergangenheit jenseits ei­ner individual-religiösen Anwendung der Ideen von Vergebung und Buße im geist­lichen Kontext. Das vorliegende Buch des serbischen Theologen Pavle Anicic, wel­ches 2017 als Dissertation an der Univer­sität Münster angenommen wurde, wagt einen bedeutenden Schritt in die theo­logische Aneignung des Konzepts der „transitional justice“, welches seit vie­len Jahren durch die Sozialwissenschaf­ten im Themenfeld der Verarbeitung ge­waltbelasteter Vergangenheit zwischen sozialen Gruppen bzw. Völkern erarbei­tet wird. Anicic geht von der Beobach­tung aus, dass in den seit dem 1990er Jahren diskutierten Ideen der „transitio­nal justice“ die Vorstellungen von Ver­gebung und Schuld bzw. Entschuldi­gung eine entscheidende Rolle für die Aufarbeitung von gewaltbelasteter Ver­gangenheit spielen. In einem gelungenen Prozess von politischer Vergebung und politischer Entschuldigung könne, so die Theorie, die Grundlage für einen dauer­haften Frieden zwischen vormals kon­fliktierenden Gruppen hergestellt wer­den. Dazu gehört die möglichst umfas­sende Klärung von Opfer- und Täterseite.

Anicic macht in seiner Forschung eine Lücke in der theologischen Reflexion der sozialen bzw. politischen Dimension von Vergebung und Entschuldigung aus, da beide Begriffe zutiefst mit christlichen Vorstellungen und Paradigmen verknüpft seien, die jedoch ihm zufolge aus der in­dividualethischen Ebene nicht überzeu­ gend in die sozialethische Ebene über­tragen werden. Damit stoße das Konzept der „transitional justice“ immer wieder an Grenzen, da es die tiefe persönliche Bedeutung von Vergebung und Entschul­digung unterschätze und so auf der poli­tisch-sozialen Ebene keine nachhaltigen Ergebnisse erzielen könne. Um diese Lü­cke in den Blick zu nehmen, geht Ani­cic zunächst von dem Forschungsstand zur interpersonalen Dimension von Ver­gebung und Entschuldigung aus, um an­schließend zu fragen, welche theologi­schen Ansätze zur Übertragung der in­terpersonalen Ebene in das kollektive Feld bereits vorliegen. Er greift die Arbei­ten von Donald Shriver und Geiko Mül­ler-Fahrenholz auf und kommt zu dem Schluss, dass Vergebung und Entschuldi­gung in der theologischen Perspektive zu sehr an individuelle Kategorien geknüpft sind, die sich nicht auf die heterogenen Gemeinschaften von Gruppen übertra­gen lassen. Eine mögliche Brücke zwi­schen der Mikro- und der Makroebene findet Anicic im Konzept der Verantwor­tung, welches eine Handlungsebene im Bereich der Gruppe ermöglicht, ohne al­le individuellen Transformationsprozesse der Gruppenmitglieder in Einklang brin­gen zu müssen.

Die folgenden Kapitel wenden sich den sozialwissenschaftlichen Entwürfen der „transitional justice“ zu, um den Ort von Vergebung und Entschuldigung da­rin besser zu verstehen. Anicic zeigt da­bei die äußerst unterschiedlichen Veror­tungen dieser beiden Ideen in den ver­schiedenen Strömungen der „transitional justice“ auf und versucht darum im An­schluss, dezidiert die Herausforderungen einer soziopolitischen Definition von Ver­gebung und Entschuldigung zu analysie­ren. Dabei rückt er interessanterweise die Entschuldigung in den Vordergrund, da politische Entschuldigungen – also die stellvertretende, öffentliche Entschuldi­gung von Gruppenrepräsentant:innen – einen wichtigen Platz in Prozessen der Vergangenheitsverarbeitung eingenom­men haben. Dabei scheint immer wieder die Spannung zwischen Repräsentation und Gruppenkonsens auf, die die Fragi­lität aller öffentlichen Sprechakte und Wahrheitsratifizierungen illustriert. Dies gilt im Übrigen auch für die Perspektive der Opfer im Kontext der Definition von Vergebung im soziopolitischen Raum.

In seinen abschließenden Überlegun­gen kommt Anicic zu dem Schluss, dass eine überzeugende und nachhaltige Kor­relation von Vergebung und Entschuldi­gung und damit von Opfern und Tätern in soziopolitischer Dimension nur dann gelingen kann, wenn die Prozesse inter­personaler Vergebung und Entschuldi­gung mitgedacht werden und damit der Fokus von einem absehbar abschließba­ren Prozess der „transitional justice“ zu einem offenen, langfristigen und multi­dimensionalen Transformationsprozess in Anlehnung an Alice MacLachlan verscho­ben wird. Besondere Bedeutung kommt in soziopolitischen Transformationspro­zessen den politischen Entscheidungs­trägern bzw. Gruppenrepräsentant:innen zu, da diese durch verantwortete öffent­liche Aktivitäten und Frames kollektive Prozesse anregen und lenken können.

Anicic vermeidet eine hypothetische Anwendung auf aktuelle Post-Konflikt- Gesellschaften und eine normative Auf­ladung seiner Ergebnisse. Im Text wird le­diglich auf die Wahrheitskommissionen und Desmond Tutus Vergebungskonzept als Konkretisierung und Illustration ver­wiesen. Damit unterstreicht der Autor seine Intention, einen generellen Bei­trag zum interdisziplinären Diskurs leis­ten zu wollen und konzeptionell theolo­gische und soziopolitische Ansätze für­einander zu öffnen. Dabei zeigt sich ein enormes Potenzial besonders bei der ge­meinsamen Anstrengung, theologisch-moralisch aufgeladene Konzepte wie Vergebung oder Schuld auf ihre Tragfä­higkeit in soziopolitischen Kontexten hin zu überprüfen, zumal ein christlich ge­prägtes, kulturell verwurzeltes Verständ­nis für die interpersonale Dimension im­mer weniger vorausgesetzt werden kann. Für die Theologie und die theologische Friedensethik stellt sich damit die Aufga­be einer intensiveren Übersetzungsleis­tung, um die aktiv geführte Forschung und Praxis der „transitional justice“ mit­zugestalten. Aus theologischer Perspek­tive ist außerdem bezeichnend, dass die beiden Theologen, die sich um einen Transfer der interpersonalen bzw. indi­vidualethischen theologischen Konzep­te von Vergebung in den sozialen bzw. politischen Kontext bemühen, aus dem evangelischen Bereich kommen. Die ka­tholische und auch die orthodoxe Theo­logie sind damit herausgefordert, ih­re theologischen Ressourcen im Bereich der Anthropologie und Soteriologie auf ihre sozialethische und politisch-theolo­gische Relevanz im Bereich der Konflikt­transformation hin zu erforschen. Gerade angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und der nach wie vor nicht abgeschlossenen Aufarbeitungs­prozesse der jugoslawischen Zerfalls­kriege, in die maßgeblich orthodoxe Kir­chen verstrickt waren und sind, wird die Bedeutung einer wirklich ökumenischen friedensethischen Anstrengung beson­ders deutlich. Pavle Anicics Buch kann dafür ein wichtiger Wegweiser sein.

Regina Elsner, Münster