„Flucht“

Michael Triegel: „Flucht“, 2004

Strichätzung, Chine collée, 14,9 × 7,7 cm, Auflage 50
„Flucht“, 2004, Strichätzung, Chine collée, 14,9 × 7,7 cm, Auflage 50© Michael Triegel, Foto: Galerie Schwind, Leipzig, VG Bild-Kunst

Obwohl in dieser kleinen Grafik die Szene nur schemenhaft angedeutet wird und die kahlen Äste eines großen Baumes die Bildfläche beherrschen, erkennt der biblisch bewanderte Blick hier die Erzählung von Maria und Josef auf der Flucht. Allerdings ist relativ klar nur rechts die Silhouette von Maria zu erkennen, eingehüllt in ihren Umhang; man meint in ihrem Arm den neugeborenen Sohn Jesus zu erkennen. Die Situation spielt sich in einer Naturlandschaft ab, der große Baum mag als Wegmarkierung und standhafter Schutzort für eine kurze Rast dienen.<br>
Blendet man die christliche Motivik einmal aus, dann könnte das Bild auch als Momentaufnahme für eine Fluchtsituation generell gelesen werden: Die Frau könnte mit ihrem Kind vor Krieg, Gewalt, Vertreibung fliehen, um sich selbst und vor allem das Leben ihres Kindes zu retten. Es ist eine existenzielle Entscheidung, die einen langen Weg durch die Unsicherheit bedeutet.<br>
Michael Triegel hat den Moment des Innehaltens auf der Flucht grafisch festgehalten und in eine fast idyllische Naturszenerie integriert. Vielleicht weist er damit auf die Hoffnung und Kraft der Einheit von Maria und Kind hin, die trotz der Vertreibung ein neues Leben finden werden.