Emigration – Immigration – „Remigration“

Schon ein kurzer Blick auf die longue durée mensch­licher Entwicklung dürf­te Wanderungsbewegungen als historisch-anthropologi­sche Selbstverständlichkeit ausweisen. Nicht nur sind Nationen und Grenzen, die bisweilen zur Definition ers­terer herangezogen werden, eine junge Erfindung. Wahr ist auch, dass Nationen vor allem „vorgestellte politische Gemein­schaften“ (Benedict Anderson) waren und sind. Sie sind keine nativistisch begründbaren, auf einem jeweiligen „ethnos“ basierenden Gebilde. Viel­mehr sind sie Produkte vielschichtiger kollektiver und politischer Prozesse.

In ihrem Buch „Migration als Kri­se?“ geht die Harvard-Professo­rin Jacqueline Bhabha auf vier, teils zusammenwirkende „Triebkräfte menschlicher Migration“ ein, die die Menschheitsgeschichte kennzeichnen: (1.) Migration aus Verzweiflung, (2.) Migration zur Kolonisierung von Ge­bieten, (3.) Migration, die durch den Wunsch nach einem besseren Leben angetrieben wird, und (4.) Migration, die vom Interesse geleitet ist, Handel und Austausch zu intensivieren (vgl. S. 17–23). Betrachtet man diese Trieb­kräfte im Licht neuerer Migrationsten­denzen, so drängt sich die Frage auf, wessen Migration politisch als ‚unbe­denklich‘ gilt und wessen Migration als ‚gefährlich‘ eingestuft wird. Bli­cken wir auf die dritte Triebkraft: Der Wunsch nach ‚einem besseren Leben‘ veranlasst norwegische Kronen-Milli­ardäre zur Emigration, so war es 2023 der Presse zu entnehmen. Wegen der Vermögensteuer immigrieren Dutzende reiche Norweger:innen in die Schweiz. Sie finden bereitwillig Aufnahme. Da­bei bleibt unterbelichtet, dass sie ein­seitig Solidaritätsverhältnisse aufkün­digen. Sie entziehen sich dem Fiskus ihres Herkunftslandes, das ihnen qua­lifizierte Mitarbeiter:innen, funktio­nierende Infrastrukturen, unterneh­merische und soziale Sicherheit u. v. m. geboten hat – kurzum: die ‚Gelingens­bedingungen‘ ihres Reichtums. Die­jenigen, deren Aufnahme in Ländern der nördlichen Hemisphäre strittig ist, sind ebenfalls vom Wunsch nach ei­nem besseren Leben beseelt, gepaart mit der ersten Triebkraft: der Migration aus Verzweiflung. Der entscheidende Unterschied zu den genannten norwe­gischen Migrant:innen besteht darin, dass sie zumeist den unteren und un­tersten Einkommensgruppen zuzuord­nen sind und dass sie nicht weiß sind. „I will build a great, great wall on our southern border. And I will have Mexi­co pay for that wall“, diese Worte Do­nald Trumps aus dem Jahr 2015 sind unvergessen.

Jacqueline Bhabha analysiert, dass die „gegenläufigen Bewegungen in den Fußspuren der Kolonisierenden, aber ohne ihre räuberischen und un­terdrückerischen Absichten, […] immer wieder zu panikartigen Reaktionen auf Migration“ (S. 22) im Globalen Norden führen. Die Mobilisierung gegen Zu­wanderung eint weite Teile des rechten und rechtsextremen Spektrums, ob­wohl allgemein bekannt ist, dass mi­grantische Menschen in zahlreichen Branchen unverzichtbar sind. Ebenso wie die USA auf reguläre und irregu­läre Arbeitsmigration angewiesen sind, schließen auch in Deutschland migran­tische Arbeitskräfte demografisch ge­rissene Lücken – von ärztlicher Ver­sorgung und anderer High-Professi­onal-Arbeit bis hin zu formal nicht qualifizierten Tätigkeiten. Zudem wer­den Immigrant:innen in regulärer Be­schäftigung zunehmend wichtig zur Sicherung der Funktionsfähigkeit un­ser Solidarsysteme (vgl. FAZ, Nr. 50 v. 28.02.24, S. 15). Allerdings sind die­se funktionalistischen Nutzenkalkü­le, die die heutigen Debatten über Mi­gration dominieren, in der Sache mo­ralisch irrelevant, denn dabei werden u. a. vorrangige menschenrechtliche Forderungen außer Acht gelassen, die für alle – und in besonderer Weise für Asylsuchende und Geflüchtete – gelten und die als Ansprüche rechtlich ver­brieft sind.

Das Schwerpunktheft zu Migration widmet sich einer komplexen Thema­tik, wobei es die oft übersehene leid­volle Seite der Migration und das Elend beleuchtet, dem Migrant:innen ausgesetzt sind. Auf dem Hintergrund der von Correctiv aufgedeckten „Remigrations“-Pläne (vgl. den Kommentar von Christian Spieß in diesem Heft), der massenhaften Demonstrationen gegen die AfD und der klaren Stel­lungnahmen der Bischöfe gegen den Rechtsextremismus (Gemeinsames Wort der katholischen nord-ostdeut­schen Bischöfe v. 19.01.24 und DBK-Beschluss v. 22.02.24) ist das Themen­heft nicht nur von großer Aktualität. Auch hilft es dabei, die politischen und ethisch-moralischen Konturen der Mi­grationsfrage schärfer in den Blick zu nehmen.