…, er ist stets an spezifische historische Prozesse und soziale Kämpfe gebunden, so lautet ein Satz von Thomas Piketty (Eine kurze Geschichte der Gleichheit, 31). Der mit Abstand bekannteste Forscher zur Geschichte der sozialen Ungleichheit geht in seinem jüngsten Buch aber nicht nur darauf ein, wie Gesellschaften Regeln und Institutionen etablieren, um ihre Vermögens- und Machtverhältnisse zu organisieren; wie also eine Ordnung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse entsteht, die Resultat politischer und reversibler Entscheidungen ist. Vor allem arbeitet er die Widersprüche des gegenwärtigen Systems heraus – unter Bezugnahme auf soziale und ökologische Ressourcen, denen es sich bedient. Die empirischen Belege Pikettys können in Zusammenhang gestellt werden mit der Analyse multipler Krisen, die Nancy Fraser in ihren Walter-Benjamin-Vorlesungen in Berlin (2022) vornahm: Im Kern rekurrierte sie auf zwei Formen von Arbeit, auf denen die „offizielle Ökonomie“ aufruhe: nämlich die „expropriated labor“ (enteignete Arbeit, bei der die Übernutzung von Ressourcensystemen und die völlige Erschöpfung der Arbeitskraft in Kauf genommen wird) und die „domesticated labor“ (unbezahlte Care-Arbeit). Wie ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu nennen sei, das die Reproduktionskosten angemessen berücksichtige, ist dabei, Fraser zufolge, eine nachrangige Frage des Etiketts.
Die Gestaltung der sozialökologischen Transformation ist das Schwerpunktthema der vorliegenden Ausgabe von Amosinternational; sie ist eine zentrale politische Herausforderung unserer Zeit und eng verknüpft mit den Krisendiagnosen von Ungleichheit, Enteignung und Übernutzung. Im Fokus steht die Frage, wie unter Bedingungen knapper Ressourcen und eines notwendigen Sinkens des Energie- und Materialeinsatzes in der Güterproduktion gesellschaftlicher Zusammenhalt und „Wohlstand für alle“ gedacht und umgesetzt werden kann. In diesem Kontext sind Indikatoren, die über die Lebensqualität und die tatsächliche Wohlstandsverteilung zwischen sozialen Schichten Auskunft geben, ebenso zu behandeln wie Fragen der Internalisierung externer Kosten und eines fairen Lastenausgleichs zwischen Vermögenden (mit ihrem ungleich größeren ökologischen Fußabdruck) und weniger Privilegierten.
Die verteilungspolitisch unbeschwerten Jahre sind vorbei. In den „fordistischen“ Jahrzehnten ließen sich gerade auch hierzulande die Interessen zwischen Besitzbürgertum und unteren sozialen Einkommensschichten über hohe Wachstumsraten einigermaßen austarieren. Das Motto war: Geben, ohne zu nehmen, denn das Mehr wurde verteilt, ohne dass Umverteilung wirklich zum politischen Thema werden musste (Die Zeit, 25.08.2022, 4). Unter den Bedingungen verschärfter Knappheiten dürfte eine robuste Umverteilung zu einem wichtigen Steuerungsinstrument der Gesellschaften werden, die sich über ihre wohlfahrtsstaatlichen Strukturen und über internationale Institutionen (zur Bearbeitung globaler Koordinations- und Kooperationsprobleme) auf den Weg machen wollen und müssen, einen fairen Lastenausgleich zu organisieren – orientiert an wirksamen Konzepten ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit.
Beim mühsamen „Umbiegen“ des Kapitalismus, insbesondere seiner inhärenten Machtverhältnisse, hat sich auch die katholische Sozialtradition immer wieder hervorgetan. So ist die bundesdeutsche Soziale Marktwirtschaft als interkonfessioneller Kompromiss (Philip Manow) inhaltlich gefüllt worden durch – der ordoliberalen Denkrichtung fremde – Ansätze und Akteure, die den Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Strukturen vorangetrieben haben. Wiederum ist nicht das Etikett entscheidend, sondern das, was unternommen wurde, um zu große Machtungleichgewichte und weitere Auswüchse der kapitalistischen Klassengesellschaft zu begrenzen. Trotz umfangreicher Kosten-Externalisierungen bewahrte diese soziale Temperierung des Kapitalismus die Marktwirtschaft vor ihrem eigenen Niedergang. Es dürfte heute um nicht weniger als eine ambitionierte sozialökologische Temperierung gehen – und zwar sowohl im nationalstaatlichen Rahmen als auch im Kontext internationaler Institutionen (z. B. einer europäischen Klimazentralbank). Der Komplexität der aufgeworfenen Fragen nach Wohlstand und Suffizienz sowie den – bestenfalls menschlichen Fortschritt hervorbringenden – sozialen Auseinandersetzungen stellen sich die Koordinatoren dieses Schwerpunktheftes, Johannes Wallacher und Stefan Einsiedel, und die Autor:innen.