Soziale Liebe als Korrektiv sozialer Ungerechtigkeit

Der im deutschsprachi­gen Raum auch un­ter Sozialethikern und So­zialethikerinnen kaum be­kannte italienische Jesuit und Moralphilosoph Luigi Taparelli d’Azeglio (1793– 1862), der am Anfang der Neuscholastik – und vor allen Dingen der Sozial­scholastik – in Italien steht und Lehrer des späteren Leo XIII. war, verdanken wir den Be­griff der „Sozialen Gerechtigkeit“, dem er den Begriff der „Sozialen Liebe“ an die Seite stellte, also einen Brücken­begriff zwischen individueller priva­ter Tugend der Barmherzigkeit und in­stitutionalisiertem öffentlichen Recht. In den jüngeren Sozialenzykliken von Papst Benedikt XVI. Caritas in Veri­tate (2009) und Papst Franziskus Fra­telli tutti (2020) wird stärker von der sozialen Liebe und damit auch stärker von der individuellen Verantwortung her gedacht. Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit werden dabei nicht abge­blendet, kritisieren doch beide Päpste deutlich eine wenig egalitäre und stark konsumorientierte Weltgesellschaft, die von einer globalisierten Welthandels­politik noch gefördert wird. Das Ziel der päpstlichen Kritik ist, eine Orientierung auf das Gemeinwohl in Erinnerung zu rufen, modern und personalistisch ver­standen als ganzheitliche menschliche Entwicklung jeder Person. Und im Blick auf diese ganzheitliche Entwicklung ist die soziale oder – wie es in Fratelli tut­ti meistens heißt – die politische Liebe niemals von den Fragen struktureller Bedingungen personalen Wachstums zu trennen, also der grundlegenden Frage nach sozialer Gerechtigkeit.

Man könnte auch sagen: Politik und Ökonomie werden nach dem letz­ten, nicht bloß nach dem vorletzten Ziel befragt, nach dem umfassend Gu­ten und Besten für das Leben eines je­den Menschen, eben nach der Lie­be. Hier erst erweist sich eine christli­che Sozialethik als wirklich christlich: wenn nicht einfach nach irdischer so­zialer Gerechtigkeit, sondern nach der Vorbereitung göttlicher Liebe gefragt wird. Denn, so die grundlegende Über­zeugung der katholischen Soziallehre: Alle Systeme dieser Welt, darunter Po­litik und Ökonomie, dürfen in letzter Sicht nur einen einzigen Zweck haben: den Menschen als Selbstzweck, als Got­tes Ebenbild, als Person, mit unsterb­licher Seele auf Gott und seine ewige Liebe vorzubereiten. In diesem Sinne schreibt christliches Denken dem Be­griff der sozialen Gerechtigkeit, der in sozialethischen Überlegungen das zen­trale Konzept darstellt, einen weiteren Sinnhorizont zu, bündeln sich in ihm doch bei näherer Betrachtung zwei ver­wandte Denklinien: Eine antik-griechi­sche (platonische) Teleologie des Eros, des Begehrens und der Liebe als letztes Recht des Menschen, verbindet sich mit der biblischen Schöpfungslehre und der Idee göttlicher Liebe zum Menschen. So wird der Begriff der Gerechtigkeit in ei­ne zielgerichtete, von absoluter Te­leologie getragene Perspektive einge­spannt und erfährt dadurch eine Aus­richtung auf ein jenseits der irdischen Gerechtigkeit und des gesetzhaften Rechts liegendes und doch in ihr schon zu erahnendes Ziel, nämlich jene Liebe, von der die biblische Tradition seit dem Buch Genesis grundlegend spricht. Das meint letztlich der Zusammenhang von sozialer und politischer Liebe einer­seits und sozialer Gerechtigkeit ande­rerseits: die Personalität des Menschen ernst zu nehmen als explizit metaphy­sische Größe, als irdisch nicht adäquat zum Ziel und Ideal kommende Gestalt geistiger und lebendiger Existenz. Ernst zu nehmen ist diese letztlich unerfüll­bare Vollgestalt menschlicher individu­eller Personalität; keine Stellschraube gegen soziale Ungerechtigkeit wird je­mals gänzlich der irdisch unerfüllbaren Sehnsucht des Menschen nach mehr als Gerechtigkeit, nämlich nach Liebe ge­recht werden. Und dennoch ist die Vor­bereitung auf diese noch ausstehende Liebe in der Ewigkeit Gottes so ernst zu nehmen, wie diese Liebe und die­se Ewigkeit selbst. Denn so wollte Gott die lernende Vorbereitung seiner Liebe: durch die beständige Mühe um stets zu verbessernde soziale Gerechtigkeit, die biblisch gesprochen das Tor zum himmlischen Hochzeitsmahl der Liebe öffnet. Bis dahin freilich ist viel Raum diesseits des Rubikon und diesseits des Jordan. Wenn nur das gelobte Land des gerechten und liebenden Gottes nicht aus dem Blick gerät! Es geht um soziale Gerechtigkeit als Ermöglichung ganz­heitlicher personaler Entwicklung für jeden Menschen mit seiner höchst in­dividuellen und unverwechselbaren Lebensgeschichte, höchst unterschied­lichen Kontexten von Gesellschaft und Staat. Das vorliegende Heft von Amosinternational konkretisiert diesen An­spruch in der Frage nach einer gerech­ten Steuerpolitik. Das Maximum an er­sehnter und erhoffter Liebe aber sollte in unseren irdischen Bemühungen nie vergessen werden.