1 Eine Sprachlosigkeit, die die Lesenden bis zu den Wurzeln der Evolutionstheorie, bis zu Charles Darwin, zurückverfolgen lässt, der 1837 die Niederschrift zu seinen Forschungsreisen mit dem Satzanfang ‚Ich denke‘ stehen lässt und ihm stattdessen die Skizze eines „riesigen Netzes“ folgen lässt, „das die unterschiedlichen Arten miteinander verbindet und in dem keine Spezies in grundlegender, essentieller Art und Weise von den anderen getrennt ist“ (S. 10). 2 Die einzelnen Kapitel Das tote Tier, Das wilde und das kontrollierte Tier, Das mechanische und das beseelte Tier, Das missverstandene Tier, Das poetische Tier, Das transzendente und das politische Tier beginnen jeweils mit einem literarischen Einstieg in das Thema, d. h. in eine der spezifischen Facetten der Mensch-Tier-Beziehung, und differenzieren es nachfolgend wissenschaftlich fundiert, dabei aber auch ohne fachspezifische Kenntnisse gut nachvollziehbar formuliert, aus.
Horstmann, Simone: Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen? Eine theologische Spurensuche, Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 2020, 223 S., ISBN 978-3-7917- 3196-4
Die Spurensuche, mit der Simone Horstmann in sechs Essays und einer Ideensammlung für die Praxis der Frage auf den Grund geht „Was genau fehlt, wenn uns die Tiere fehlen?“ (S. 13), beginnt mit einer vor diesem Fragehorizont zunächst makaber wirkenden Beobachtung. Die „Litanei von der insektenfreien Windschutzscheibe“ (Ebd.), mit welcher der Mensch immer dann das Aussterben jener „Wildtiere [bemerkt], deren Namen wir längst vergessen haben“ (Ebd.), wenn er in seinem Auto Strecke zurücklegt, lässt zuerst die Antwort vermuten: Nichts fehlt. Doch damit ist der:die Leser:in schon mittendrin im Geschehen der Spurensuche: Die ökologische Krise – Klimawandel, Artensterben, schwindende Biodiversität u. v. a. (wie auch das Ausbleiben der Insekten auf der Windschutzscheibe) – sollten, so betont das einleitende Kapitel, gerade nicht Grund, sondern Anlass dafür sein, nach der Bedeutung zu fragen, die der Verlust von Tieren hat, und, so die zentrale These, für diese Bedeutung einen Ausdruck zu finden, hat der moderne Mensch verlernt.
Der von ihr [der Windschutzscheiben- Metapher, Anm. d. Verf.] bildlich zum Ausdruck gebrachten Trennung zwischen den Menschen und den anderen Tieren entspricht auch eine grundlegende Erfahrungsskepsis, die unser Selbstverständnis als moderne Menschen prägt (S. 14).
Aus diesem heraus, so Horstmann, finden wir für die Erfahrungen, welche wir mit Tieren machen, nur Ausdrücke, die im „große[n] Kalkül der Ökologie“ (S. 12) zu reüssieren imstande sind oder in deren „ökonomisch gefärbte[r] Variante[, d. h.] tierliche Rohstoffe [thematisierend]“ (Ebd.). So bewirkt die Frage, was fehlt (uns), wenn die Tiere fehlen, lediglich „ein weiteres Mal ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen formulieren zu wollen“ (Ebd.) und die Mensch-Tier- Beziehung noch tiefer in eine anthropozentrisch ausgerichtete Trennung hineinzudenken.
Horstmanns Essays hingegen führen uns tief in die „Wirklichkeit und Fassbarkeit des ‚Inter‘ der Interspezies-Beziehungen“ (S. 13), d. h. der Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren, und werfen die Lesenden kontinuierlich auf ihre eigene „urtümliche Nähe“ (S. 12) zum Tier-Sein zurück. Obwohl (oder, gerade weil) uns, wie Horstmann konstatiert, „die Worte fehlen“ (S. 11 f.), um diese Nähe und die mit dem Verlust der Tiere folglich einhergehende existenzielle Erschütterung zum Ausdruck zu bringen1, vermögen die in diesem Buch enthaltenen Essays2 die Lesenden sehr wohl in das eigene Unbehagen mitzunehmen, das die Vorstellung einer Welt ohne (andere) Tiere als das menschliche Tier in uns auslöst. Horstmann gelingt es, mit dem von „etablierten Sprecherpositionen unserer Gesellschaft“ (S. 14) über die Annahme, was wissenschaftlich relevant sei und was nicht, begründeten Verschieben des Ausdrucks von „Tier-Erfahrung[en]“ in einen als subjektiv oder als privat erachteten Raum (z. B. „ein Bild malen oder ein Gedicht verfassen“) zu brechen (S. 14 f.); und zwar ohne dabei diese neuerliche (künstliche) Trennung von Wirklichkeitsbereichen performativ rückzubestätigen, die den Mensch hier, das Tier hingegen dort verortet und eine Überlappung beider nur insofern zulässt, als das Kalkül vom Nutzen der Tiere für den Menschen in sein Gegenteil umschwängt, nämlich die ‚Verschwendung‘ – die letztlich Teil dieses Kalküls ist. (Gemalt wird dann z. B. nicht, um renovierungsbedürftigen Stallwänden einen neuen Anstrich zu geben, sondern um eine Kuh auf der Weide, einem der „großen Tiernarrative der Moderne“ entsprechend, den Ausdruck einer Erfüllung der Sehnsucht nach „überbordende[r] Fülle und wilde[r] Freude des Lebens, [nach] glückselige[r] Unmittelbarkeit“ wider die Vergänglichkeit des Lebens zu geben (S. 21 f.)). Stattdessen trifft das Buch einen Ton, der „beständig zwischen einer Verortung seiner Frage innerhalb der verschiedenen wissenschaftlichen Diskurse einerseits [changiert] und einer erfahrungsbezogenen, mitunter erzählerischen und essayistischen Form“ (S. 15).
Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen? nimmt die Lesenden tatsächlich mit auf eine Spurensuche, jedoch eine, die sich nicht auf eine theologische Perspektive allein beschränkt, wie der Untertitel des Buches allerdings nahelegt. Wenn auch das theologisch fundierte Wissen die große Klammer und viele der theoretischen Bezugspunkte bilden: So werden z. B. im Kapitel Das transzendente und das politische Tier Tierrechtsaktivist:innen unter Bezugnahme auf die Progressivität der Heiligen diskutiert verbunden darüber, dass „das, was für viele andere Menschen so undenkbar scheint, […] für die Heiligen fast schon normal [ist]“ (S. 178); und die z. B. in Donaldsons und Kymlickas Zoopolis als Bürger:innenrechtsfrage diskutierte Tierrechtsfrage wird aus gnadentheologischer Perspektive auf Natur als einen Möglichkeitsraum bezogen, in dem es nicht auf „eine immer schon fixierte Determinante“ ankommt, sondern darauf systematisch anzuerkennen, „dass kein Lebewesen zu unterschätzen ist“ (S. 184).
In diesem Sinne sollte auch dieses Buch, das dezidiert eine Sprecher:innenposition fernab des wissenschaftlich etablierten Sprachduktus, in dem „qualitative[s] Bedeutungswissen von Menschen in ihren Beziehungen zu anderen Lebewesen“ (S. 15) keinen Ort einnimmt, auf keinen Fall unterschätzt werden. Sowohl für wissenschaftlich, auch über die Theologie hinaus, an Mensch-Tier-Beziehungen interessierte Forschungsperspektiven, als auch für alle, die sich mit den auf diese Beziehungen einwirkenden und aus diesen resultierenden Faktoren befassen (Digitalisierungs- und Technikforschung, politische Philosophie und Ethik) sowie für eine breitere Öffentlichkeit bietet Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen? eine ebenso informative wie zum (Um-)Denken anregende Lektüre, die sich sicherlich nicht nur aufgrund der dem Buch beigefügten Ideen zur konkreten Erfahrbarmachung von Interspezies-Beziehungen auch im praktischen Lebensalltag der Lesenden niederschlagen wird. Meine persönliche Lieblingsidee ist Tipp 5 Das Kleinste retten, der anregt, „selbst dem vermeintlich Unbedeutendsten [Ameisen, Bienen, Schwebfliegen u. v. a.] gegenüber Achtung walten [zu lassen]“ (S. 221). Vielleicht auch, weil ich keine Windschutzscheibe habe – zumindest faktisch qua Fehlen eines Autos, auf die Metapher das moderne Selbstverständnis des Menschen betreffend bezogen müssen wir uns mit dieser Windschutzscheibe vermutlich alle auseinandersetzen –, die mich anderweitig auf das drohende Fehlen der Tiere aufmerksam macht.
Kristina Steimer, München