Power of Religions

Kasachstan? Was macht Papst Franziskus aus­gerechnet in Kasachstan? Man könnte sich für den mittlerweile hochbetagten Mann, der nur noch mit Mühe gehen kann, wahrlich angenehmere Ausflugszie­le vorstellen. Und während das katholische Deutschland (wenn überhaupt) vor allem mit der Aufarbeitung des Synodalen Wegs beschäftigt ist, trifft sich der Papst mit den geistlichen Führern der Welt- und traditionellen Religionen, die auf ihrem Kongress in Kasachstan für eine „nachhaltige, gerechte, siche­re und florierende Welt“ eintreten und die „Bedeutung gemeinsamer mensch­licher Werte für die geistige und soziale Entwicklung der Menschheit [bekräfti­gen], die universellen Frieden, Sicher­heit und Stabilität gewährleisten“ (Ab­schlusserklärung 15.9.2022). Während der Nachbar Kasachstans einen impe­rialen Krieg vom Zaun bricht, tun sich die Religionen dieser Welt zusammen, um gemeinsam die Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert an­zugehen: „für die Überwindung von In­toleranz, Fremdenfeindlichkeit, Diskri­minierung und Konflikten, die auf so­zialen, ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschieden beruhen“.

Doch, es tut sich was auf der großen Bühne des interreligiösen Dialogs. Zu­vor hatten Papst Franziskus und Groß­imam Al-Tayyeb das Dokument „über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ (Abu Dhabi) präsentiert: ein Meilenstein auf dem Weg wachsender Gemeinsamkeit, in dem beide Seiten für Glaubens- und Meinungsfreiheit ein­treten, für Frauen- und Bürgerrechte, für Nachhaltigkeit und Frieden. Ein Weckruf, der auch die Vereinten Na­tionen erreicht hat, die den Tag der Un­terzeichnung (4. Februar) zum „Welttag der menschlichen Geschwisterlichkeit“ ausgerufen haben.

Nie zuvor in der Geschichte ha­ben zwei bedeutende Vertreter zweier großer Weltreligionen eine gemeinsa­me programmatische Schrift wie die­se verfasst“ (Matthias Altmann), die zugleich erahnen lässt, was für ei­ne positive Gestaltungsmacht die Re­ligionen haben, etwa auch im Blick auf die Nachhaltigkeitsziele der Ver­einten Nationen (SDG’s) – wenn sie denn konstruktiv und gemeinwohl­orientiert eingesetzt wird. Denn in ei­ner zunehmend globalen Welt, in der die Weltgemeinschaft ihre Geschicke und Konflikte nicht mehr separieren kann, sondern politisch, ökonomisch, klimatisch unentwirrbar miteinander verwoben ist, kommt der kulturellen Prägekraft der Religionen eine welt­politische Bedeutung für das Zusam­menleben der Völker zu, vor allem dort, wo sie in konkreten Entwicklungspro­jekten zusammenarbeiten und in Re­ligionsgesprächen und diplomatischen Verhandlungen zu gemeinsamen Lö­sungen finden. Hier gilt es, den Dialog zu fördern und einen Konsens über die Werte zu finden, um transformatives Handeln für unser „gemeinsames Haus“ und die menschliche Familie voran­zutreiben. Rund 80 Prozent der Welt­bevölkerung bekennen sich zu einem Glauben an Gott oder einer ultimati­ven Sinnquelle, so dass den Religionen eine enorme Gestaltungsmacht für das Leben des Einzelnen wie der Gesell­schaft zukommt; sie stellen zugleich ein immenses Potenzial dar, um die Kraft der Liebe zu entfesseln, zu der sich die meisten Religionen bekennen, und um die Transformation anzuführen, die die Welt braucht, um auf den „Schrei der Erde und der Verlassenen dieser Erde“ (LS 49) zu antworten.

In seiner Botschaft auf dem Kon­gress der Religionsführer in Kasachs­tan rief Papst Franziskus genau dazu auf: „eine Zukunft zu errichten, ohne dabei die Transzendenz und die Ge­schwisterlichkeit, die Anbetung des Al­lerhöchsten und die Annahme des An­deren zu vergessen. Lasst uns auf diese Weise voranschreiten und gemeinsam als Kinder des Himmels auf der Erde unterwegs sein, als Weber der Hoff­nung und Handwerker der Eintracht, als Boten des Friedens und der Ein­heit!“ Das vorliegende Heft spricht über die Verantwortung der Religionen, den ihnen inhärenten Werten Geltung zu verschaffen, weltweit und wirksam. Es würde unsere Welt zu einem lebens­werten Ort machen, überall.