Marianne Heimbach-Steins/Michelle Becka/Johannes J. Frühbauer/Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik, Grundlagen - Kontexte - Themen, Ein Lehr- und Studienbuch, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2022, 528 S., ISBN 978-3-7917-3322-7
Nachdem M. Heimbach-Steins 2004/05 ein zweibändiges Lehrbuch der Christlichen Sozialethik herausgegeben hatte, bot es sich an, nach gut 15 Jahren die anschließende wissenschaftliche Diskussion und aktuelle Problemlagen aufzunehmen und ein neues Lehrbuch zu veröffentlichen. Es ist keine Neuauflage, weil der Bd. konzeptionell (etwa der Unterteilung von Kontexten und Handlungsfeldern) neu ausgerichtet ist und auch viele neue Autoren beteiligt sind. Neben den Herausgeber:innen sind fünf weitere Autor:innen, von denen drei Schüler:innen von Heimbach-Steins sind, vertreten (drei Frauen und sechs Männer).
Der Bd. ist in zwei große Teile aufgeteilt, nämlich Grundlegungsfragen einer fundamentalen Sozialethik, die in die drei Blöcke der konzeptionellen Grundlegung, der christlichen Tradition und der normativen Grundorientierungen unterteilt sind, sowie im zweiten Teil der Anwendungsfragen mit Kontexten und Handlungsfeldern. Die drei ersten Blöcke beginnen jeweils eingangs mit einem Vorspann, der in die Problematik einführt, und schließen mit einer Synthese, in der die Teile zusammengebunden werden. Die jenseits von Vorwort, Einführung, Vorspanne und Synthesen insgesamt 28 thematischen Beiträge weisen jeweils eine nahezu gleiche Seitenzahl auf, was eine hohe Disziplin der Autoren:innen erfordert haben muss. Dabei haben sich die Autoren:innen in den Blöcken (z. B. Handlungsfeldern) weitgehend an einer einheitlichen Systematik orientiert. Die strikte räumliche Begrenzung führt allerdings dazu, dass in manchen Artikeln (z. B. Frieden) die klassischen sozialethischen Kriterien, etwa zum gerechten Krieg, zwar erwähnt, aber für die (angezielten studentischen) Leser:innen in ihrer Anwendung nicht hinreichend erklärt werden.
Der Bd. beginnt nach der Einführung, in der auf den Grundbegriff „Christliche Sozialethik“ eingegangen wird, und als Brückenfach in der Theologie zu Sozial-und Kulturwissenschaften definiert wird. Sie setzt sich zentral mit der Gerechtigkeit sozialer Institutionen auseinander und zielt auf gesellschaftliche Praxis ab.
J. Frühbauer/ M. Heimbach-Steins beginnen mit einem Artikel zum Verhältnis von Sozialethik und Gesellschaftstheorie, wobei das Gesellschaftsverständnis aus soziologischen Theorien abgeleitet wird. Die frühere Bedeutung der Volkswirtschaftslehre für die Christliche Sozialethik tritt demgegenüber zurück, obwohl etwa auf den Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen in anderen Beiträgen mehrfach Bezug genommen wird. Mit der mehrfach im Bd. zu findenden Charakterisierung der Gesellschaft als „Spätmoderne“ greift man eher Historikern der zweiten Hälfte des 21. oder des 22. Jh. vor.
Dem schließt sich ein Beitrag von J. Frühbauer zur Sozialphilosophie und von M. Heimbach-Steins zum Verhältnis von Sozialethik und Theologie an. Christliche Sozialethik ist dabei selbst plural, weil von einzelnen Vertretern der Disziplin unterschiedliche Sozialphilosophien und Sozial- und Kulturwissenschaften rezipiert werden. M. Heimbach-Steins macht deutlich, dass grundlegende Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Ansätze der Christlichen Sozialethik, die als Schöpfung-Ordnung, Befreiung-Veränderung sowie Prophetie-Kritik gekennzeichnet werden, in der biblischen Überlieferung und christlichen Tradition sowie in den Kernelementen der christlichen Anthropologie liegen.
Im zweiten Block behandelt M. Heimbach-Steins die historische Entwicklung des vormodernen christlichen Weltengagements, G. Kruip den deutschen Sozialkatholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts und M. Heimbach-Steins die Entwicklung und Rolle der kirchlichen Sozialverkündigung. In diesem Block wäre es sinnvoll gewesen, dass in dem Beitrag zum deutschen Sozialkatholizismus die Institutionenstruktur der deutschen Gesellschaft wie den Sonntagsschutz, Unternehmensmitbestimmung, Arbeitslosenversicherung, dynamische Rente, Pflegeversicherung etc., wofür die christlich-soziale Bewegung lange Zeit gekämpft hatte, stärker herausgestellt worden wäre, weil es für Studierende sinnvoll ist zu erfahren, dass sich christliches Weltengagement lohnen kann und dass es bereits große Früchte getragen hat. Damit würde der dritte Träger der Soziallehre der Kirche, nämlich das Praxisengagement der Gläubigen, stärker zur Geltung kommen.
Der dritte Block bildet den systematischen Mittelpunkt des Bandes, indem dort die normative Orientierung behandelt wird. Dabei ist relativ neu für die Sozialethik, dass dem Verantwortungsbegriff (M. Vogt) ein eigener Abschnitt gewidmet wird. Im Gegensatz zum Vorgängerband, in dem für jedes der klassischen Sozialprinzipien jeweils ein eigener Abschnitt enthalten war, werden diese in einem Artikel von M. Heimbach- Steins zusammengefasst. Dabei wird aber von der neuen Kategorie der Nachhaltigkeit abgesehen, der ein eigener Abschnitt (M. Vogt) eingeräumt wird. Menschenrechten (M. Becka) und Gerechtigkeit (J. Frühbauer) als normativen Grundkategorien sind weitere Beiträge gewidmet. In seiner Synthese streicht A. Filipovic besonders den Partizipationsgedanken heraus.
In diesem Block wird ein ungelöstes Theorieproblem der Christlichen Sozialethik deutlich, weil das Verhältnis der klassischen Sozialprinzipien von unterschiedlichen Gerechtigkeitskriterien (intergenerationelle Gerechtigkeit) und der Nachhaltigkeit systematisch ungeklärt sind. So könnte man zwar Nachhaltigkeit auf die intergenerationelle Dimension beschränken und damit gut die klassischen Sozialprinzipien als intragenerationelle Maxime ergänzen, man würde dann aber dem UN-Gebrauch widersprechen. Hingegen enthält die UN-Definition der Nachhaltigkeit Aspekte, die bereits mit dem Solidaritätsprinzip abgedeckt sind.
Der zweite Teil ist in 6 Kontexte und 11 Handlungsfelder aufgeteilt. In den Kontexten sind mit „Technik“ (A. M. Riedl) und „Kultur“ (M. Becka) erfreulicherweise zwei Dimensionen aufgenommen, die bisher nicht im Vordergrund der Christlichen Sozialethik standen. Becka greift dabei zwei aktuelle Diskurse von Identitätspolitik und Postkolonialismus auf.
Die Zuordnung von Kontexten und Handlungsfeldern ist nicht in jedem Fall plausibel. Wenn etwa Grundzüge der Wirtschaftsethik (Kruip) unter Kontexten behandelt werden, werden Grundzüge der Medienethik unter Handlungsfelder (A. Filipovic) thematisiert, obwohl die gegenwärtige Gesellschaft als Mediengesellschaft charakterisiert werden kann. Politik (Ch. Spieß) und Religion (M. Heimbach-Steins) sind weitere Kontexte, die gewisse Überschneidungen aufweisen.
Als zentrale Handlungsfelder werden von G. Kruip Arbeit, Bildung und soziale Sicherung, von M. Heimbach-Steins „Lebensformen“, von M. Becka Migration, Gesundheit und weltweite Armut, von J. Frühbauer Frieden und von M. Vogt Klimaschutz behandelt. Außerdem stellt A. Filipovic Grundzüge der Medienethik dar. Gemäß dem induktiven Vorgehen, das allgemein methodisch für die Christliche Sozialethik in diesem Bd. empfohlen wird, werden in diesen Beiträgen ausführlich sozialwissenschaftliche Dimensionen der Problemstellung geschildert bevor knapp normative Positionierungen unter Berücksichtigung kirchenamtlicher Positionen erfolgen. Während etwa im Beitrag zur Migration von M. Becka eine hohe Übereinstimmung mit kirchenoffiziellen Positionen anzutreffen ist, ist in dem Beitrag von M. Heimbach-Steins zu Lebensformen eine deutliche Distanz zu spüren. Manche Autoren (M. Vogt) scheuen die direkte Kritik lehramtlicher Positionen, wenn sie sich von den Positionen von Papst Franziskus in Laudato si’ zum Bevölkerungswachstum und zum Emissionshandel nur indirekt distanzieren.
Abgeschlossen wird der Bd. von einem Artikel von D. Bogner zur Anwendung der Christlichen Sozialethik auf die Kirche als soziale Institution, wobei die häufig diskutierte Anwendung des Subsidiaritätsprinzips auf die Kirche selbst im Gegensatz zur Gewaltenteilung nicht thematisiert wird, obwohl nicht nur die Gewaltenteilung mit Schutz von Grundrechten und demokratischen Entscheidungsverfahren, sondern auch der Föderalismus zur Freiheitssicherung moderner Staatlichkeit und analog auch der Kirche gehört.
Der Bd. stellt mit seinen verschiedenen Beiträgen eine gelungene Einführung und einen Überblick über das Selbstverständnis, das methodische Vorgehen und die zentralen Inhalte der Christlichen Sozialethik dar. Die einzelnen Beiträge zeichnen sich durchweg durch eine solide Argumentation und abgewogene Urteile aus. Dort, wo ein:e Leser:in zu anderen Einschätzungen der empirischen Ausgangslage, der ethischen Güterabwägungen und der aufgezeigten Handlungsoptionen kommen könnte, dürfte immer ein sachbezogener Dialog möglich sein. In dem Bd. erweist es sich als vorteilhaft, dass ein einziger Autor inhaltlich verbundene Artikel aus den verschiedenen Blöcken angefertigt hat, so dass z. B. die Artikel Nachhaltigkeit, Ökologie und Klimaschutz von M. Vogt gut aufeinander abgestimmt sind. Für Herausgeber:innen eines Bds., der die zentralen Inhalte einer theologischen Disziplin vorstellen will, stellt sich immer die Frage, welche Schwerpunkte und Inhalte man in einem begrenzten Raum präsentiert. Dies kann man insgesamt als gelungen betrachten, wenn auch klassische Themen wie Eigentum und Vermögensbildung nur am Rande auftauchen. Auch wenn die Begrenzung auf die deutsche Perspektive aus pragmatischen Gründen zweckmäßig erscheint, wäre es angesichts der faktischen Bedeutung, die die EU mittlerweile für das wirtschaftliche und politische Leben in Deutschland erlangt hat, sinnvoll gewesen, der EU einen eigenen Beitrag einzuräumen.