In der Bibel ist der Kulturauftrag in den Anfangserzählungen des Buches Genesis 1,28 angelegt. Viele historische Zeugnisse zeigen, dass Menschen seit Jahrtausenden sowohl Schutz gegen Naturgefahren entwickelt als auch durch Beherrschung der Natur deren Früchte für Menschen nutzbarer gemacht haben. Die Erzählung vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1–9) demonstriert aber auch eine menschliche Hybris, sich technologische Projekte vorzunehmen, die scheitern und in einem Desaster enden können. Während die Erfindung und Verbreitung neuer Technologien bis zum Beginn der industriellen Revolution sehr langsam ablief, führte die systematische naturwissenschaftlich-technische Forschung in enger Verbindung mit der Anwendung in der Wirtschaft zunächst in westlichen Industrieländern zu einem anhaltenden Wirtschaftswachstum und grundlegenden Veränderungen der Lebensweisen (z. B. der Individualmobilität, Elektrizität). Wenn man sich große Ziele (z. B. Mondlandung) setzte, und dafür große finanzielle Mittel und menschliche Intelligenz aufwand, konnten diese erreicht werden.
Allerdings sind diese technologischen Möglichkeiten 50 Jahre nach der ersten Mondlandung nicht weiter genutzt worden. In der Gegenwart stellt die Künstliche Intelligenz ein solches technologisches Großprojekt dar, das in vielfältigen Kontexten der Wirtschaft, des privaten Lebens und der zwischenmenschlichen Kommunikation im Verkehr, der Medizin sowie in der Kriegsführung das gesellschaftliche Leben revolutionieren soll.
Angesichts des gegenwärtigen Hypes um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verwundert es aber, dass die Arbeitsproduktivität − trotz etwa des wachsenden Einsatzes von Robotern − seit Jahren kaum noch steigt und so langsam wächst wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. Selbst bei einer stagnierenden Wirtschaft entstehen noch neue Arbeitsplätze. Die Irritation über den angeblich „beschleunigten technischen Fortschritt“ und die stagnierende Arbeitsproduktivität wird als „Produktivitätsparadox“ wissenschaftlich diskutiert, ohne dass bisher überzeugende Erklärungen gefunden wurden. Manche vollmundigen Ankündigungen von „Technikfreaks“ (etwa von Tesla-Chef Elon Musk), in welchem Jahr selbstfahrende Autos sich im normalen Verkehr bewegen werden, sind weit verfehlt worden. In der Arbeitswelt, dem zentralen Lebensbereich der Menschen, entsprechen die Veränderungen bisher den üblichen Lernprozessen während eines Arbeitslebens bzw. sind Veränderungen im normalen Generationswechsel. Im privaten Konsum entscheiden die Menschen selbst darüber, ob, wann und wie sie neue technologische Möglichkeiten nutzen wollen. Zwischen technologischen Erfindungen und ihrer Umsetzung in unternehmerischen Produktionsprozessen sowie in marktfähigen Produkten, ihrer gesellschaftlichen Zulassung, ihrer Akzeptanz bei breiten Bevölkerungsgruppen etc. bestehen immer erhebliche Diskrepanzen und längere zeitliche Abläufe.
Diese ermöglichen einen sozialethischen Diskurs über die technologische Entwicklung, zu dem dieses Heft einen Beitrag leisten will. Manche Zukunftsvisionen sind so weitreichend, dass selbstlernende Roboter ein eigenes Bewusstsein entwickeln könnten. Dies würde das menschliche Selbstverständnis in Frage stellen. Den aus diesen Herausforderungen erwachsenden grundlegenden theologisch-ethischen (Katharina Klöcker), anthropologisch-theologischen (John Wyatt) und maschinenethischen (Catrin Misselhorn) Fragen gehen die Beiträge dieses Heftes nach, eingeleitet durch die Hinführung von Anna-Maria Riedl. Zusätzlich wird auch auf die politisch-ethische Frage des Diskurses solcher Probleme im Kontext einer Technologiefolgenabschätzung (Armin Grunwald) eingegangen. Zudem erläutert Bernhard Irrgang den Paradigmenwechsel in der Forschung durch KI anhand der Biologie bzw. der Lebenswissenschaften.