Kirche neu erfinden

Peter Klasvogt: Kirche neu erfinden. Le­bendiger Organismus – Lernende Organi­sation, Paderborn: Bonifatius 2021, 368 S., ISBN 978-3-89710-883-7

Der Wunsch nach Neuerungen innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland ist groß, die Desillusionierung an vielen Stellen ebenfalls. Muss die Kirche neu er­funden werden, wie es der Titel von Pe­ter Klasvogts Buch suggeriert? Oder muss sie sich vielmehr selbst neu finden, um wieder für die Zeit passend zu sein? Um Letzteres geht es, wenn Klasvogt den viel diskutierten Ansatz zur Organisations­entwicklung des belgischen Autors und Beraters Frédéric Laloux ins Gespräch mit kirchlichen Organisationsformen bringt.

Wer sich mit neuen Möglichkeiten der sinnstiftenden Zusammenarbeit, mit New Work beschäftigt, kommt an Laloux und seinem vieldiskutierten Buch „Rein­venting Organizations“ nicht vorbei. Der Anspruch der Sinnstiftung für die einzel­nen Mitarbeitenden in ihrem Arbeitsum­feld legt nahe, Lalouxs Ansätze für die Kir­che zu prüfen. Diese Lücke schließt Pe­ter Klasvogt. Dabei geht es dem Verfasser nicht nur darum, ein Managementtool für die Kirche nutzbar zu machen, sondern er möchte Erfahrungen aus zwei Welten mit­einander in Dialog bringen, da sich bereits jetzt schon Ansätze evolutionärer Organi­sationen in der Kirche finden lassen.

Das Dialogische wird bereits im Auf­bau des Buches deutlich: Im ersten Teil führt Klasvogt in das neue Organisations­verständnis Lalouxs ein, das Organisatio­nen als sich weiterentwickelnde lebendi­ge Organismen versteht, und ergänzt die­sen Ansatz durch andere Forschungen, vor allem aus dem New-Work-Bereich. Dabei sind es die sogenannten „evolutionären Organisationen“, die der Komplexität der heutigen Welt und dem Wunsch nach sinnstiftender Arbeit besonders gerecht werden. Die Kirche – so macht der Au­tor im zweiten Teil deutlich – hat selbst in ihrer zweitausendjährigen Geschichte ganz unterschiedliche Stadien und Orga­nisationsformen durchlebt. Damit ist sie ein „organisationaler Sonderfall“, weshalb neue Ansätze, wie der von Laloux, nicht einfach unreflektiert übertragen werden können. Dies gilt insbesondere deshalb, weil die Kirche als Leib Christi mehr ist als ihre irdische Verfasstheit und es darum immer wieder ein Ringen um angemesse­ne Strukturen und Formen von Führung gegeben hat. Im dritten Teil, dem Kern­stück des Buches, führt Klasvogt einzel­ne, konkrete Beispiele (u. a. Einstellung von Personal, Feedback-Kultur) aus und beschreibt jeweils, wie diese in evolutio­nären Organisationen und in der Kirche gelebt werden. Die Perspektive auf die Kirche ist dabei immer eine, die positive Beispiele in den Vordergrund rückt und mit Grundlagen aus der Soziallehre, den Reden und Schriften von Papst Franzis­kus und weiterer christlicher Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart untermau­ert wird. Während Laloux selbst die Kir­che als typische konformistische Organi­sation einordnet, verdeutlicht Klasvogt, dass sich auch in ihr schon Ansätze evo­lutionärer Organisationen finden lassen. Zum Abschluss reflektiert Klasvogt, inwie­fern es der Kirche gelingen kann, nicht nur aus dem Bereich der Wirtschaft und Orga­nisationsentwicklung zu lernen, sondern selbst in die Welt hineinzuwirken, und so zu einem Dialogpartner auf Augenhöhe zu werden.

Eine Auseinandersetzung mit der Kri­tik am Konzept von Laloux findet ledig­lich in zu knapper Form im Anhang statt, der außerdem noch eine Übersicht über Ansätze gibt, die als Grundlagen Lalouxs Arbeit vorbereitet haben, ergänzen oder stützen und besonders für diejenigen in­teressant sein dürften, die sich bisher we­nig mit Organisationsentwicklung aus­einandergesetzt haben. Der insgesamt sehr klare Aufbau des Buches ermöglicht es zudem, einzelne Kapitel oder Abschnit­te herauszugreifen oder gerade im drit­ten Teil später nachzulesen.

Klasvogts Buch verbindet aktuel­le Erkenntnisse aus dem Bereich Orga­nisationsentwicklung mit einem tiefen, aus dem Glauben getragenen Verständnis dessen, was Kirche ist und sein kann. Da­bei konzentriert sich der Autor vor allem auf die organisationale Ebene und hält sich in Fragen der Zulassung von Frau­en zum Weiheamt oder der Besetzung von an die Weihe gebundenen Führungs­positionen eher zurück oder verweist auf pragmatische Lösungsansätze. Eine gro­ße Stärke des Buches liegt in der Fokus­sierung auf die Mitarbeitenden kirchli­cher Organisationen. Die Perspektive, wie Mitarbeitende sinnstiftend zusammen­arbeiten, wie sie gewonnen und gehalten werden können, wird für die Zukunft der Kirche eine entscheidende sein. Die von Klasvogt im Anschluss an Laloux darge­stellten Möglichkeiten der Umsetzung für den kirchlichen Bereich können dabei gu­te Anregungen geben, insofern sie nicht nur halbherzig umgesetzt werden. Ins­gesamt entsteht der Eindruck, dass Klas­vogt etwas von der Überzeugungskraft Lalouxs weitergibt und sie mit seiner ei­genen Verbundenheit zur Kirche ergänzt. „Kirche neu erfinden“ ist damit nicht ein­fach ein weiteres Buch über die Erneue­rung der Kirche, sondern eines, das Mut macht und motiviert, Veränderungspro­zesse anzustoßen.

Paulina Hauser, Erfurt/Fulda