Marianne Heimbach-Steins/Judith Könemann/Verena Suchart-Kroll (Hg.): Gender (Studies) in der Theologie. Begründungen und Perspektiven (Münsterische Beiträge zur Theologie, Neue Folge Band 4), Münster: Aschendorff Verlag 2021, 237 S., ISBN 978-3-402-12316-4
Wie wichtig die Auseinandersetzung mit Genderfragen in den christlichen Theologien und Kirchen ist, ist in den vergangenen Monaten mehr als deutlich geworden: Nicht nur die sich überschlagenden Enthüllungen zum Missbrauchsskandal, auch das Coming Out von 125 Mitarbeiter*innen der katholischen Kirche verweisen auf weiterhin einflussreiche lebensunfreundliche theologische Geschlechterkonzepte, die Menschen in ein enges Korsett von Geschlechternormen und Heteronormativität pressen wollen. Der Band Gender (Studies) in der Theologie. Begründungen und Perspektiven, herausgegeben von Marianne Heimbach-Steins, Judith Könemann und Verena Suchhart-Kroll, könnte daher aktueller und relevanter nicht sein. Zugleich greift er mit dem Anliegen, die feministische und Gender-Forschung aus dem Status des Spezialthemas zu befreien und als eine alle Fächer und Themen der Theologie durchziehende Perspektive auszuweisen, einen Anspruch auf, den feministische und genderbewusste Theologie schon seit ihren Anfängen erhebt. Ziel des Bandes ist den Herausgeberinnen zufolge „die selbstverständliche Berücksichtigung von sowie die explizite Reflexion auf Geschlecht als Gegenstand in allen theologischen Disziplinen und Themenfeldern“ (10). Dementsprechend sollen sowohl der aktuelle Stand des deutschsprachigen theologischen Genderdiskurses aufgenommen und analysiert, als auch neue Themen und Fragen aufgezeigt werden. Besondere Bedeutung wird dabei dekonstruktivistischen, postkolonialen, intersektionalen und queeren Perspektiven zugeschrieben.
Im ersten Teil des Bandes werden zunächst „Beispiele geschlechtersensibler theologischer Forschung“ in Bezug auf verschiedene theologische Fächer gegeben (17). So erörtert etwa Katja Winkler, inwiefern eine Rezeption der Gender Studies in der (katholischen) Sozialethik für die Fragen von Repräsentation und Exklusion fruchtbar sein kann und Hans- Ulrich Weidemann zeigt auf, was die neutestamentliche Exegese durch eine intensivere Beschäftigung mit der Männlichkeitsforschung gewinnen könnte. Einen interessanten Einblick in die Auseinandersetzung der Liturgiewissenschaft mit der Genderforschung gibt Miriam Vennemann: Sie skizziert begriffliche, methodische und thematische Schritte hin zu einer gendersensiblen Liturgiewissenschaft und plädiert „für eine konstruktiv-dynamische Zusammenarbeit“ (39). Der erste Teil umfasst darüber hinaus vier kirchengeschichtliche Beiträge. Diese reichen von der kritischen Analyse einer zu wenig an konkreten Frauen interessierten Kirchengeschichtsschreibung (am Beispiel der Diakonie: Ute Gause) über Beispiele für eine andere, gendersensible und an konkreten Frauen orientierte kirchenhistorische Forschung (mit einem Oral-History-Projekt zu Diakonissen von Charlotte Langenhorst und einer Untersuchung der kirchlichen Tätigkeiten von Frauen während des Ersten Weltkrieges von Andrea Hofmann) bis hin zu einer methodischen Reflexion der Herangehensweise gendersensibler Kirchengeschichte (mit einem Plädoyer für einen intersektionalen Ansatz: Benedikt Bauer). Den Abschluss dieses Teils bildet ein religionswissenschaftlicher Aufsatz von Kristina Göthling-Zimpel, die die Möglichkeit und den Nutzen einer Auseinandersetzung mit René Girards Theorie der mimetischen Gewalt diskutiert.
Der zweite Teil des Bandes widmet sich dann vor allem politisch-ethischen sowie pädagogischen Perspektiven. Er beginnt mit einem Aufsatz von Irene Klissenbauer, die einen knappen Blick auf das Verhältnis von Genderforschung und Theologie in Bezug auf den Menschenrechts- und Universalitätsdiskurs wirft. Weiterhin findet sich hier ein Beitrag von Sonja Angelika Strube zum Zusammenhang von Rechtsextremismus und Sexismus, der sowohl mit Blick auf den gesellschaftlichen Diskurs als auch angesichts der seltenen Thematisierung dieses Zusammenhangs in der Theologie besonders wichtig erscheint. In Auseinandersetzung u. a. mit der Kyriarchatsanalyse von Schüssler-Fiorenza entwickelt Strube Ansatzpunkte für ein Verständnis „[f]eministische[r] Theologie als psychologisch geerdete Totalitarismuskritik“ (121). Zwei weitere – dezidiert ethische – Beiträge in Teil II richten den Fokus auf die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit: So argumentiert Katharina Mairinger in Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu und Thomas Pröpper für den katholischen Kontext „für eine freiheitstheologisch formierte theologische Geschlechteranthropologie, in der auch intergeschlechtliche Menschen Platz finden“ (132). Und Mathias Wirth fordert ausgehend von der Beobachtung, dass „trans oder nicht-binäre Geschlechtlichkeit“ in der Theologie kaum thematisiert wird, eine stärkere Reflexion auf das Konzept der „Multirealisierbarkeit des Geschlechtlichen“ (144). Auf diese vier systematischen Beiträge folgen drei religionspädagogische: Aufschlussreich sind dabei etwa die Ausführungen von Nele Spiering-Schomborg und Annegret Reese-Schnitker zu konkreten Lehr-Lern-Modulen, die von den Autorinnen bereits in der Lehre erprobt wurden. Weiterhin widmet sich Jens Beiner (als zweiter in diesem Band) der Männlichkeitsforschung und untersucht die Möglichkeiten eines jungensensiblen Religionsunterrichts. Gianna Ridder wiederum plädiert ausgehend von einer empirischen Untersuchung zur feministischen Theologie im Religionsunterricht für eine umfassendere, statt nur punktuelle Beschäftigung mit diesem Thema – nur so sei der Mehrwert feministischer Theologie vermittelbar.
Der dritte und letzte Teil des Bandes legt den Fokus schließlich auf „Entwicklungspotentiale theologischer Genderforschung“ (189). Tatsächlich haben auch schon einige der vorangegangenen Aufsätze Entwicklungspotenzial aufgezeigt, hier sollen nun aber noch einmal dezidiert neue Perspektiven eingebracht werden. Den Anfang macht dabei Julia Lis, die auf die kritische Debatte um Judith Butlers Genderansatz innerhalb der feministischen Theorie verweist und die „emanzipatorische[n] Möglichkeiten einer Dekonstruktion von Geschlechtsidentitäten“ (196) in Frage stellt – was man durchaus auch als Anfrage an den theoretischen Ansatz anderer Beiträge im Band lesen kann. Lis selbst plädiert für „die Artikulation einer weiblichen Subjektposition“ (197) und eine Stärkung der politischen Ausrichtung feministischer Theologie. Einen ungewohnten und erhellenden Blick eröffnet der Beitrag von Gerrit Spallek, der von einem „auto-ethnografisch[en]“ „Selbstexperiment“ (203) auf dem Kiez von St. Pauli ausgeht. Mit seinen Überlegungen zur Konstruktion von Männlichkeit und Sexualität im Zusammenhang von Prostitution wirbt er sowohl für eine Beziehungspastoral, die Menschen beim Sprechen über Sexualität unterstützt, als auch methodisch „für die Relevanz theologischer Ortserkundungen“ (204). Andreas Krebs plädiert in seinem Beitrag dafür, queer-theologischen Ansätzen größere Aufmerksamkeit zu schenken und zeigt deren Bandbreite von „radikaler Orthodoxie“ (Elizabeth Stuart) bis hin zu „radikaler Kritik“ (Marcella Althaus-Reid) auf. Trotz der Spannungen zwischen diesen Ansätzen entfalte sich, so Krebs, „erst im Gegen- und Miteinander“ „ihr volles subversives Potenzial“ (221). Den Abschluss des Bandes bildet eine Analyse von Gunda Werner zum Verhältnis von „Intersektionalität und Theologie“ (225), die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Intersektionalität anregen will.
Insgesamt umfasst der Band 19 eher kurze Beiträge von Theolog*innen verschiedener Konfessionen und aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Er zeigt damit ein weites Spektrum an Themen und Fragen sowie auch an unterschiedlichen möglichen Antworten auf. Auffallend ist, dass ein verhältnismäßig großer Teil der Autor*innen aus einer jüngeren Generation von Theolog*innen stammt – was nicht zuletzt deswegen hervorzuheben ist, weil es die fortdauernde Aktualität von Genderfragen für die Theologie unterstreicht. Etwas schade ist hingegen, dass die angekündigte Bestandsaufnahme feministischer und genderbewusster Theologie insgesamt etwas schmal ausfällt und dass gerade in Bezug auf dekonstruktivistische, postkoloniale, intersektionale und queere Vorstöße einige wegweisende Stimmen nicht oder kaum vorkommen (so z. B. Ulrike Auga, die sich als eine der ersten im deutschsprachigen Raum um eine Integration dekonstruktivistischer Ansätze und intersektionaler Perspektiven bemüht hat, oder Heike Walz, die bereits seit mehreren Jahren den Blick auf queere und postkoloniale Perspektiven lenkt). Nichtsdestotrotz zeigt der Band von Heimbach- Steins, Könemann und Suchhart-Kroll höchst anregend und vielseitig die Bedeutung von Gender für die Theologie auf. Es ist daher zu hoffen, dass er in der Theologie breit rezipiert wird und die angesprochenen Themen im theologischen wie auch kirchlichen Diskurs aufgegriffen und weiterbearbeitet werden – dies nicht zuletzt, um das enge Korsett von Geschlechternormen und Heteronormativität in Theologie und Kirche endlich aufzubrechen und lebensfreundlichere Bedingungen für alle zu schaffen.
Cornelia Mügge, Dresden