Leopold, Kristina/Martinez Mateo, Marina (Hg.): Critical Philosophy of Race. Ein Reader, Berlin: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2344) 2021, 332 S., ISBN 978-3-518-29944-9
Existiert ‚race‘ bzw. ‚Rasse‘ oder gibt es sie nicht? Diese und ähnliche Fragen stehen im Mittelpunkt des von Kristina Lepold und Marina Martinez Mateo herausgegebenen Readers zur „kritischen Philosophie von Rasse“. Damit kommt ein Thema in den Blick, dem seit rund zwei Jahren erhöhte Aufmerksamkeit gilt. Vor allem der gewaltsame Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis hat der Black-Lives-Matter-Bewegung einen entscheidenden Impuls gegeben und für eine hohe Präsenz der Problematik in der Öffentlichkeit und somit auch in den Medien gesorgt. Und überhaupt: Nahezu tagtäglich findet eine Berichterstattung zur Rassismusthematik statt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sich auch der wissenschaftliche Diskurs in den letzten Jahren intensiviert und bemerkenswert differenziert hat. Ein wichtiger Beitrag zu diesem Diskurs stellt nun der vor kurzem veröffentlichte Band von Lepold und Mateo dar.
In der ausführlichen Einleitung wird unter anderem auch in das Feld der „Critical Philosophy of Race“ eingeführt – mit dem hervorgehobenen Hinweis, dass dieses in erster Linie dem US-amerikanischen Diskurskontext entstamme (25). Eine zentrale Zielsetzung des Bandes ist es daher, einen Impuls für die deutschsprachige Philosophie zu geben und diese für den Diskurs zu race und Rassismus stärker zu öffnen. Wohlgemerkt sind die meisten Debatten innerhalb Critical Philosophy of Race auf anti-Schwarzen Rassismus bezogen. Doch Erfahrung als auch Analyse zeigen, dass Rassismus gegen Schwarze Menschen auch im deutschsprachigen Raum ein signifikantes Problem darstellt. Folgende Aspekte spielen nun für die genannte Intention von Lepold und Mateo eine zentrale Rolle: Erstens die genaue Erkundung, welche anknüpfungsfähigen Diskussionen zu ‚race‘ und ‚Rassismus‘ es bereits im deutschsprachigen Raum gibt. Diese Erkundung hat zu bedenken, in welchem Ausmaß „die Philosophie als akademische Disziplin von institutionellen Ausschlüssen geprägt ist, die dazu führen, dass die Perspektiven rassifizierter und migrantisierter Personen noch allzu häufig marginalisiert werden“ (28). Sodann gilt es zweitens zu reflektieren, was zu beachten ist, wenn die philosophischen Debatten, wie sie zunächst im US-amerikanischen Kontext entstanden sind, zum Bezugspunkt und zum Analyseinstrument für die Kritik rassistischer Verhältnisse im deutschsprachigen Raum werden können. So stellt sich unter anderem die Frage, „inwieweit und (auf welche Weise) die Critical Philosophy of Race auch für andere Formen rassistischer Diskriminierung, Ausbeutung und Exklusion, die im deutschsprachigen oder auch europäischen Raum präsent sind, fruchtbar gemacht werden kann. Das Zusammenspiel von Hautfarbe, Religion, zugeschriebener Fremdheit und scheinbarer Bedrohung muss je nach Kontext und Betroffenengruppe unterschiedlich beschrieben und eingeordnet werden“ (29). Drittens geht es darum, terminologischen Schwierigkeiten zu klären, die sich aus der Übertragung aus der originär US-amerikanischen Debatte in den deutschsprachigen Kontext ergeben, und welche Probleme sodann mit der Verhandlung von race und Rassismus verbunden sind (26). Nimmt man überdies noch in den Blick, welche Bedeutung gerade die deutsche Aufklärungsphilosophie – und hier explizit Immanuel Kant – für die Einführung des Rassedenkens hat, dann sind hier philosophiehistorische Ansätze willkommen (27). Die philosophiegeschichtliche Aufgabe drängt sich überdies auch insofern auf, als dass viele klassische philosophische Texte zum einen rassistische Randbemerkungen und zum anderen geradezu systematisch ausgearbeitete „Rassen“- Konzeptionen enthielten, in denen sich Auffassungen zu angeblicher Über- und Unterlegenheit finden (15). Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, welchen Anteil die Philosophie als solche an der Ausbildung von „Rasse“ als Gegenstand des Wissens hatte (15). In den Bereich der epistemischen Erkundungen gehören auch Fragen um den eigenen schwarzen Körper der dem weißen Blick ausgeliefert ist sowie um die grundsätzliche Rolle des Weißseins in alltäglichen epistemischen Prozessen (16).
Neben diesen grundlegenden Überlegungen zur Bedeutung der Critical Philosophy of Race und ihrer Übertragung und Anwendung im deutschsprachigen Kontext, steht in der systematischen Einführung vor allem die Ausdifferenzierung in drei Themenbereiche im Mittelpunkt, denen die zusammengestellten Texte dann zugeordnet werden. Im Themenfeld Metaphysik geht es um die grundlegende Frage, ob es denn so etwas wie race überhaupt gibt – und wenn ja, was genau darunter zu verstehen ist. Ontologische und metaphysische Fragestellungen sind hier also zentral. Der thematische Bereich der Epistemologie erkundet epistemische Prozesse des Alltags: Hierzu zählen Wahrnehmen, Erkennen oder Erinnern. Deutlich wird in dieser Erkundung, dass epistemische Prozesse nur schwerlich von ontologischen Auffassungen zu trennen sind. So stellt sich mit Blick auf diesen Zusammenhang auch die Frage, „wie und warum race in der Moderne überhaupt zu einem möglichen Gegenstand von Wissen wurde“ (15). Im Themenbereich Politik und Ethik geht es um Rassismus als moralisches und politisches Phänomen. Letztlich sind es Erfahrungen mit Rassismus und mit rassistischen Strukturen und Praktiken, die zum Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit race werden. Die normative Perspektive der Ethik, über die auch gerechtigkeitstheoretische Elemente einbezogen werden, drängt auf die Überwindung von Rassismus, die praktische Perspektive der Politik hat Mittel, Maßnahmen und Wege zu dieser Überwindung in den Blick zu nehmen und in Gang zu setzen (18ff): Antirassistische Politik bedeutet letztlich „das Eintreten gegen Diskriminierung und Unterdrückung durch die Arbeit an neuen Politik- und Gesellschaftsentwürfen“ (25).
Die einzelnen in dem Reader zusammengestellten Beiträge sind den drei genannten Themenkomplexen zugeordnet. Mit Ausnahme von Kwame Anthony Appiah, der den Reigen der Beiträge eröffnet, dürften die weiteren Autor:innen im deutschsprachigen Diskurs – einmal abgesehen von Spezialist:innen, die ohnehin mit einem bestimmten Thema unterwegs sind – kaum bekannt sein. Appiah, der mit dem umfangreichsten Text vertreten ist (37–88), gibt nicht nur einen instruktiven Überblick über die Geschichte des modernen Rassedenkens und ruft eine ganze Reihe an Protagonisten aus der US-amerikanischen Geschichte auf, er thematisiert auch nachdrücklich das Problem, das sich aus der Vorstellung ergibt, dass alle Menschen von Natur aus races oder Rassen bilden – und zwar aufgrund ihrer physischen, aber auch aufgrund von sozialen und moralischen Eigenschaften. Schlussendlich argumentiert er, dass es race bzw. Rasse nicht gebe. Linda Martín Alcoff (89–106) geht in ihrem Beitrag der Frage nach, inwiefern race bzw. Rasse und deren Erleben aus philosophischer Perspektive als eine soziale Realität ernst zu nehmen ist. Überdies plädiert sie dafür, „Prozesse der Rassifizierung“ im Sinne von Konstruktion und Rekonstruktion von race aufzudecken. Sally Haslinger unternimmt in ihrem Aufsatz (107–126) eine sozialkonstruktivistische Analyse von race vor: Inwiefern führen sichtbare Marker wie Hautfarbe zu sozialen Vor- und Nachteilen einer Person und sind somit bestimmten gesellschaftlichen Positionen verbunden? Und welche Rolle spielt die Hautfarbe bei der Rechtfertigung von Vor- bzw. Nachteilen?
George Yancy eröffnet mit seinem Text (129–179) den zweiten thematischen Block zur Epistemologie und stellt die Sichtbarkeit des „Schwarzen Körpers“ in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: Durch den „weißen Blick“ wird dieser nicht nur einem Zurückgeworfensein ausgesetzt und in einem minderwertigen Sein eingeschlossen. Das Weißsein und der weiße Blick werden als Ort der Macht problematisiert. Von Charles W. Mills stammt der zweite Beitrag (180– 216) in diesem Teil, der unter anderem zu denken gibt, dass die Privilegien weißer Menschen, diese bis heute unfähig sein lässt, zum einen rassistische Realitäten als solche zu erkennen und zum anderen kritisch ihre eigene Position und Rolle innerhalb dieser zu reflektieren. Der dritte Beitrag zur Epistemologie stammt von José Medina (217–251), der sich mit der Rolle von Massenkommunikation und propagandistischer Botschaften befasst. Eindrücklich sind seine – mit Fotografien bebilderten – konkreten (und verstörenden) Veranschaulichungen zur Praxis der Lynchjustiz als visuellem Spektakel.
Der dritte Block zu Ethik und Politik enthält zunächst einen den Text von Jorge L. A. Garcia (255–287), der die affektive Struktur von Rassismus mit den Konnotationen Hass und Verachtung in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt und das moralisch Verwerfliche am eklatanten Mangel von Respekt und Wohlwollen aufzeigt. Der Beitrag von Tommie Shelby (288–303) nimmt individuelle Überzeugungen und strukturelle Verhältnisse in den Blick und thematisiert ihren Zusammenhang. Der zentrale normative Bezugspunkt ist für Shelby „die Art und Weise, wie Kultur, Politik, persönliche Beziehungen, ökonomische Verhältnisse und eben auch unmittelbare Affekte durch rassistische Ideologien geformt werden“ (21). Den Band beschließt der Beitrag von Kimberlé Crenshaw (304– 327). Ihr geht es um die Darlegung, in welcher Weise der „Schwarze Feminismus“ in feministische und antirassistische Kämpfe interveniert. Mit dem Begriff der „Intersektionalität“ unternimmt Crenshaw den Versuch, „einen neuen Analyserahmen für das Zusammenspiel von Sexismus und Rassismus bereitzustellen“ (24). Konkret im analytischen Fokus sind Diskrimierungs- und Herrschaftsformen, die mitunter die Artikulation von Misständen erschweren oder unmöglich machen. Ziel einer „einheitsstiftenden Tätigkeit“, wie Crebshaw dies nennt, müsse letztlich die Einbeziehung marginalisierter Gruppen fördern (327).
Die Texte, wie sie von Lepold und Mateo zusammengestellt und systematisch eingeführt werden, vermitteln in eindrücklicher Weise, wie intensiv und vielfältig die theoretische Reflexion betrieben und der philosophische bzw. interdisziplinäre Diskurs praktiziert wird. Sie stellen eine unumstößliche Herausforderung dar, sich nicht nur fundiert und differenziert mit der Gesamtthematik zu befassen, sondern sich letztlich kritisch mit den realen und konkreten sozialen Realitäten von Rassismen auseinanderzusetzen und – in ethischer Intention – Imperative zu strukturellen Veränderungen und zu konkretem Handeln zu formulieren (und gemäß dem Anspruch der Ethik auch zu begründen). Sowohl die in der Einleitung als auch in den Einzelbeiträgen notierten Literaturhinweise in den Fußnoten belegen und dokumentieren den Eindruck zur Vielseitigkeit und Intensität des Diskurses und sind daher – wissenschaftlich betrachtet – mit Gewinn zu notieren. Möglicherweise täusche ich mich: Doch aus meiner Sicht steht die (sozial-)ethische Rezeption und Reflexion zur Thematik bzw. zur Kritik des Rassismus erst am Anfang und ist bestenfalls als überschaubar zu charakterisieren. Neben zahlreichen anderen aktuellen Publikationen laden Lepold und Mateo mit ihrem Reader in anspruchsvoller Weise zur – auch ethisch – weiterführenden Reflexion ein.
Johannes Frühbauer, Göppingen