Die gespaltene Gesellschaft

Lederhilger, Severin J. (Hg.): Die gespal­tene Gesellschaft. Analysen, Perspekti­ven und die Aufgabe der Kirchen (Schrif­ten der Katholischen Privat-Universität Linz, Band 9), Regensburg: Verlag Fried­rich Pustet 2020, 178 S., ISBN 978–3- 7917-3200-8

Viele Menschen meinen wahrnehmen zu können, dass unsere spätmodernen Ge­sellschaften, jedenfalls in Europa, zuneh­mend Spaltungstendenzen ausgesetzt sind und dadurch der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht sei. Indikatoren dafür sind die Konflikte um die Zuwan­derung von geflüchteten Menschen aus dem arabischen und afrikanischen Raum, die Auseinandersetzungen um die not­wendigen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, die erstaunlich irrati­onalen Widerstände gegen Corona-Maß­nahmen und eine Impfung gegen das Co­rona-Virus sowie nicht zuletzt die Be­obachtung, dass viele Menschen offenbar rational nicht nachvollziehbaren Ver­schwörungstheorien anhängen und de­ren krude Thesen in sozialen Medien und bei Demonstrationen vehement vertre­ten. Umfragen zeigen entsprechend, dass Menschen wieder mehr Angst vor der Zu­kunft und der Zunahme dieser Tendenzen haben. Die 21. Ökumenische Sommeraka­demie in Kremsmünster (Österreich), die von evangelischen und katholischen Or­ganisationen, Medien, dem Land Ober­österreich und der Katholischen Privat­universität Linz getragen wird, hat sich deshalb vom 10. bis 12. Juli 2019 die­ses aktuellen Themas angenommen. Der vorliegende Sammelband dokumentiert die dort gehaltenen Vorträge und ein Podiumsgespräch, in dem es vor allem um die Verantwortung der Kirchen an­gesichts dieser Probleme ging. Ergänzt werden die Tagungsbeiträge am Ende noch durch einen bei einer anderen Ge­legenheit gehaltenen Vortrag von Man­fred Scheuer, dem Bischof von Linz. Im Rahmen dieser Rezension kann nicht auf alle Beiträge in gleicher Ausführlichkeit eingegangen werden.

Sighard Neckel legt eine Analyse der wachsenden Ungleichheit der Einkom­men und der Vermögen in Deutschland und Österreich vor. Er betont dabei, dass diese Tendenz keinesfalls durch Leis­tungsgerechtigkeit erklärt werden kön­ne. Vielmehr sei zu beobachten, dass gerade Menschen mit niedrigeren Ein­kommen viel stärker Marktmechanis­men ausgesetzt seien, während gerade wohlhabendere Personen sich Markt­mechanismen geradezu entziehen und faktisch von Renten leben würden. Dies führe dann dazu, dass die Mittelschicht kleiner und älter werde und die soziale Mobilität nachlasse. Neckel deutet dies mit Rückgriff auf Jürgen Habermas als „Refeudalisierung“ als „Ergebnis von ökonomischen Modernisierungsprozes­sen, die schließlich zu Renditen, Privile­gien und Machtmonopolen führen, die in moderner Form vormoderne Muster von sozialer Ungleichheit wieder aktuell werden lassen“ (S. 26). Eine gute Ergän­zung zu diesem Beitrag liefert Christian Spieß, indem er die Spaltung der Gesell­schaft mit Rückgriff auf eine Theorie der Anerkennung und mit Bezug auf den Be­griff und das sozialethische Prinzip der Solidarität analysiert. Dabei weist er auch auf das „Umverteilungs-Anerkennungs- Dilemma“ nach Nancy Fraser hin, denn tatsächlich gibt es Fälle, in denen die For­derung nach Anerkennung von Differen­zen in Spannung zur Gleichheitsforde­rung geraten kann.

Paul Michael Zulehner sieht die Mög­lichkeiten der Kirchen angesichts gesell­schaftlicher Spaltungen und zunehmen­der Angst darin, „zu Oasen ausufern­den Vertrauens inmitten der Kulturen der Angst [zu] werden.“ (S. 35, Hervor­hebung im Original) Dazu kann ich nur sagen: Schön wär’s und eigentlich wäre es tatsächlich die Aufgabe der Kirchen. Aber angesichts der Missbrauchsskanda­le und der fortbestehenden Reformblo­ckaden wird das der nächsten Zeit wohl eine Utopie bleiben.

Sebastian Pittl hebt in seinem Beitrag zu Recht hervor, dass man auch nicht von einer Gesellschaft in Harmonie und Eintracht träumen sollte, denn es ge­he nicht um die Vermeidung, sondern die konstruktive und demokratische Be­arbeitung von Konflikten. Ähnlich betont auch Spieß, dass eine Spaltung der Ge­sellschaft nicht einfach auf wachsenden Pluralismus zurückzuführen sei, sondern darauf, dass ein solcher Pluralismus auf der Grundlage einer „neuen Identitäts­politik“ desavouiert würde. Pittl weite­tet dann die Perspektive über die euro­päischen Nationalstaaten hinaus, indem er fordert, die „imperiale Lebensweise“ zu überwinden, die darin besteht, dass die privilegierten Teile der Menschheit auf Kosten des Restes leben und dies ih­nen ermögliche, Stabilität in ihren Ge­sellschaften zu erreichen, die aber dann bedroht sei, wenn sich Widerstände da­gegen entwickeln. Anders als eine „neu­rechte“ politische Theologie – Pittl ver­weist hier auf Alain de Benoist – mit ih­ren Versatzstücken eines ideologischen Ethnopluralismus, ihrer Kritik an jeder Form des Universalismus einschließlich der Menschenrechte und ihrer Reduktion nationaler auf ethnische Identität und Homogenität, denen sich auch ein „iden­titäres Christentum“ anschließt, sieht er in einer biblisch fundierten, befreienden politischen Theologie eine Ressource, sich mit den vergangenen und gegenwärti­gen Ungerechtigkeiten nicht abzufinden, sondern Gegenkräfte aufzubauen.

Ein solcher befreiungstheologischer Ansatz kann sich auch auf Gerd Thei­ßen berufen, der mit Rekurs auf biblische Traditionen fordert, Nächstenliebe über die eigene Gruppe und Nation hinaus zu praktizieren und moralische Normen und Rechte unter einen universellen Anspruch zu stellen. Er kann dadurch zeigen, dass moderne demokratische und rechtsstaat­liche Prinzipien sehr wohl mit Kerngehal­ten biblischer Traditionen übereinstim­men, auch wenn selbstverständlich zu­zugeben ist, dass sich die Kirchen lange Zeit mit der Akzeptanz und Würdigung der Menschenrechte schwergetan haben. Theißen legt am Ende seines Beitrags ein sogar für den liturgischen Gebrauch ver­wendbares „Menschenrechtsbekenntnis“ vor (S. 124–125).

Auch Walter Suntinger reflektiert auf den Beitrag der Menschenrech­te zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltung. Maria Katharina Moser legt interessante Überlegungen zu gesell­schaftlichen Integrations- und Desinte­grationsdynamiken vor und Georg Lehner reflektiert auf die Frage der Verantwor­tung des Christentums und der Kirchen, zur Einheit der Gesellschaft beizutragen, auch wenn sie in mancher Hinsicht auch im Gegenüber zu dieser Gesellschaft ste­hen. Bei der abschließenden Podiumsdis­kussion, die stärker auf die Situation in Österreich bezogen ist, ist weniger inte­ressant, was gesagt wurde, als vielmehr, von wem es gesagt wurde.

Insgesamt hat die Katholische Pri­vatuniversität Linz mit diesem Band ei­nen wichtigen und lesenswerten Beitrag zur Debatte über gesellschaftliche Spal­tungstendenzen und die Aufgaben der Kirchen zu ihrer Überwindung geleistet.

Gerhard Kruip, Mainz