Bei den dargestellten beiden Frauen im Vorder- und Hintergrund ist das Verbindende das rote Stofftuch, das einmal bei der hinteren Frau als Schal um den Hals gewickelt ist und bei der dunkelhaarigen Frau vorne als große Haarschleife den Kopf bekrönt. Außer dieser Farb- und Formanalogie scheint es aber wenig Gemeinsamkeiten zwischen den beiden zu geben, jedenfalls weisen Körpersprache und Mimik auf zwei unterschiedliche Erfahrungswelten hin. Während die hintere Frau entspannt und durch den Schal geschützt auf dem Sofa sitzt, steht die vordere Frau in erschöpfter Haltung mit gesenktem Kopf, geschlossenen Augen und einer Hand vor dem Gesicht da. Ihre zweite Hand hat sie in sich gekehrt gegen ihren oberen Brustbereich gehoben, fast als wollte sie ein Schuldbekenntnis signalisieren. Ihre Welt scheint von Sorgen, Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen geprägt zu sein; sie ist in der Rolle der Schuldigen, obwohl sie ein weißes, „reines“ Oberteil trägt. Die Frau auf dem Sofa hingegen ist mit einem auffallenden roten Kleid sowie roten Stiefeletten bekleidet und räkelt sich halbliegend auf dem Polster. Sie scheint in der Situation die Überlegene zu sein, die Macht und Wohlstand symbolisiert und ihre Ängste und Unsicherheiten vollständig auf die Frau im Vordergrund als „Schuldige“ zu projizieren vermag.
Anke Lieb-Kadge
(* 1964 in Krefeld), lebt und arbeitet als Künstlerin und Designerin in Düsseldorf. Sie studierte Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Prof. Dieter Krieg und Prof. Fritz Schwegler, bei dem sie 1989 als Meisterschülerin abschloss. Von 1989 bis 1992 absolvierte sie ein Studium in Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf mit Diplomabschluss. Ab dann erfolgte eine mehrjährige Tätigkeit als Art Director in Düsseldorfer Werbeagenturen wie stöhr scheer und BBDO, seit 2002 als Creative Director bei DDB. Ausstellungen u. a.: 1987: „Hammerschlag“, Wuppertal; 1993: „tot – eine Kampagne“ (Diplomausstellung), Düsseldorf; 2011: „100 Tage Kunst“, Düsseldorf; 2012: Referentin beim Kunst-Dinner „von Frauen für Frauen“, NRW-Forum Düsseldorf.
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